89 Prozent der Deutschen fordern Sprachtests für Vierjährige
Bild: KI-generiert
Frühkindliche Bildung

89 Prozent der Deutschen fordern Sprachtests für Vierjährige

Die Mehrheit will verpflichtende Sprachtests und ein Pflicht-Vorschuljahr für alle Kinder. Doch der VBE warnt: Ein Test allein hilft keinem Kind. Das Gesetz dazu liegt im Bundestag – und die Finanzierung ist zwischen Bund und Ländern strittig.

Veröffentlicht
JUX auf Google folgen

89 Prozent der Bundesbürger wollen, dass jedes Kind mit viereinhalb Jahren verpflichtend auf seine Sprache getestet wird. 72 Prozent fordern ein verpflichtendes Vorschuljahr. Das zeigen die am 6. Oktober in München vorgestellten Ergebnisse des ifo Bildungsbarometers 2026, das sich erstmals der frühkindlichen Bildung widmet.

Für die 13. Ausgabe der Umfrage befragte das ifo Institut im Mai und Juni 2026 insgesamt 3.033 Personen zwischen 18 und 69 Jahren sowie 965 Eltern von Kindern bis zu sechs Jahren. Neben Sprachtests und Pflicht-Vorschuljahr sprechen sich 79 Prozent für bundesweit einheitliche, verbindliche Bildungsziele in Kitas aus. Unter den Eltern liegt die Zustimmung zum Vorschuljahr mit 74 Prozent sogar noch höher.

Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik, verweist auf die frühen Jahre: Frühkindliche Bildung lege die Grundlagen für die kognitive, sprachliche, soziale und emotionale Entwicklung von Kindern. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) warnt dagegen, mit verpflichtenden Tests allein sei noch keinem Kind geholfen.

Zustimmung zu verpflichtenden Vorgaben in der frühkindlichen Bildung

Befragung von 3.033 Personen und 965 Eltern im Mai und Juni 2026

Quelle: ifo Bildungsbarometer 2026

Kitas vor Ort überzeugen, das System nicht

Die Kitas vor Ort kommen bei den Befragten gut weg: 53 Prozent der Gesamtbevölkerung und 65 Prozent der Eltern vergeben die Note 1 oder 2. Die Durchschnittsnote liegt bei 2,52 in der Gesamtbevölkerung und bei 2,27 unter den Eltern.

Das Urteil über die Kitas in ganz Deutschland fällt deutlich schlechter aus als das über die Einrichtung am Wohnort. Studienautorin Katharina Wedel vom ifo Institut hebt diesen Gegensatz als einen der bemerkenswertesten Befunde der Studie hervor:

„Interessanterweise werden die Kitas vor Ort deutlich positiver beurteilt als die Kitas in ganz Deutschland.“
Katharina Wedel, Studienautorin am ifo Institut

Fehlende Plätze, zu großer Schlüssel, zu wenig Geld

Als dringendste Probleme der frühkindlichen Bildung gelten der Mangel an Kita-Plätzen und ein unzureichender Betreuungsschlüssel. Jeweils mehr als 70 Prozent der Gesamtbevölkerung nennen sie, unter den Eltern sind es rund 60 Prozent. Wie stark Betreuungszeiten den Alltag von Familien bestimmen, zeigt Franca Lehfeldts Kritik an fehlender Wahlfreiheit.

Etwa drei Viertel der Befragten sind zudem für steigende staatliche Ausgaben für Kitas – ein Befund, den ifo-Forscherin Vera Freundl in der Auswertung des Barometers festhält. Damit trifft die Forderung nach mehr Geld auf ein System, in dem nach Einschätzung von Kita-Leitungen schon die Sprachförderung personell nicht überall abgesichert ist.

Umfrage
Lädt

Bayern testet schon, der Bund will nachziehen

In Bayern ist die verpflichtende Sprachstandserhebung vor der Einschulung seit dem 17. Dezember 2024 gesetzlich verankert, seit Februar 2026 läuft das Verfahren BaSiS für die zwischen Oktober 2020 und September 2021 geborenen Kinder. Ein Meinungstrend unter mehr als 3.000 Kita-Leitungen ergab 2024, dass ein Drittel der Einrichtungen keine speziell für Sprachbildung qualifizierte Fachkraft hat.

Auf Bundesebene soll das Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz die Länder zu flächendeckenden Sprachtests für Vierjährige verpflichten. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) stellte den Entwurf am 2. September 2026 vor. Die erste Lesung des Startchancengesetzes im Bundestag folgte am 9. Oktober 2026, danach ging der Entwurf in den Bildungsausschuss.

Prien begründet den Vorstoß mit ungleichen Startchancen: Der Bildungs- und Lebensweg von Kindern hänge weiterhin viel zu stark davon ab, woher ein Kind komme und wie gebildet die Eltern seien – und zu wenig davon, wie die Talente der Kinder selbst lägen. VBE-Bundesvorsitzender Tomi Neckov hält dagegen: Ein Test allein helfe keinem Kind, entscheidend sei die individuelle Förderung danach.

Vom bayerischen Gesetz bis zur ersten Lesung in Berlin

  1. 2024
    Jede dritte Kita ohne Sprachfachkraft

    Ein Meinungstrend unter mehr als 3.000 Kita-Leitungen ergibt, dass ein Drittel der Einrichtungen über keine speziell für Sprachbildung qualifizierte Fachkraft verfügt.

  2. 17. Dezember 2024
    Bayern verankert die Sprachstandserhebung

    Die gesetzliche Grundlage für die verpflichtende Sprachstandserhebung vor der Einschulung tritt in Kraft.

  3. Februar 2026
    BaSiS startet in Bayern

    Für Kinder, die zwischen 1. Oktober 2020 und 30. September 2021 geboren wurden, beginnt die verpflichtende Sprachstandserhebung.

  4. Mai/Juni 2026
    Feldphase des ifo Bildungsbarometers

    3.033 Personen zwischen 18 und 69 Jahren sowie 965 Eltern von Kindern bis sechs Jahren werden befragt.

  5. 2. September 2026
    Prien legt das Startchancengesetz vor

    Bundesbildungsministerin Karin Prien stellt den Entwurf des Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetzes vor.

  6. 6. Oktober 2026
    ifo Bildungsbarometer 2026 erscheint

    In München werden die Ergebnisse vorgestellt: 89 Prozent für Sprachtests, 72 Prozent für ein Pflicht-Vorschuljahr, 79 Prozent für einheitliche Bildungsziele.

  7. 9. Oktober 2026
    Erste Lesung im Bundestag

    Das SCQEG wird beraten und in den Bildungsausschuss überwiesen; Bund und Länder streiten über die Finanzierung.

Vorschuljahr nur mit zusätzlichen Ressourcen

Das verpflichtende Vorschuljahr, das 72 Prozent der Gesamtbevölkerung und 74 Prozent der Eltern befürworten, hält der VBE nur mit zusätzlichem Personal und Geld für umsetzbar. Bundesvorsitzender Tomi Neckov verlangt klare Zusagen:

„Ein verpflichtendes Vorschuljahr kann Brücken bauen, wo heute noch Brüche entstehen. Insbesondere in dem Jahr vor dem Schuleintritt muss es darum gehen, Kinder kompetenzorientiert und diagnosegeleitet zu fördern, um ihnen beste Startbedingungen mitzugeben. Entscheidend ist die Ausgestaltung: Wir brauchen Ressourcen, um das Miteinander von Kita und Grundschule zu gestalten. Wenn das Vorschuljahr aus bestehenden Ressourcen gestemmt werden soll, wird es scheitern!“
Tomi Neckov, Bundesvorsitzender des VBE

Wissenschaftliche Rückendeckung für frühe Förderung kommt aus dem ifo Institut selbst: Aus wissenschaftlicher Sicht spreche vieles dafür, dass die Vorbereitung gerade im frühkindlichen und sprachlichen Bereich sehr wichtig ist, damit Kinder ihren Weg gehen können, sagt Bildungsökonom Wößmann. In dieselbe Debatte fällt auch die Pisa-Studie 2025 über deutsche Schüler auf historischem Tiefststand.

Über die Umsetzung entscheidet nun der Bildungsausschuss – und der Streit über das Geld. Der Bund stellt bis 2034 rund 9,25 Milliarden Euro bereit, Bund und Länder verhandeln über die Verteilung. Ob die Sprachtests für Vierjährige flächendeckend kommen, hängt an dieser Finanzierung – und daran, ob nach dem Test auch die Förderung folgt.