Rund zehn Prozent der migrantischen und fünf Prozent der deutschen männlichen Jugendlichen haben eine positive Einstellung zu Gewalt. Für die Forschenden, die die neue Expertise „Ausländerkriminalität – Eine Datenanalyse“ erstellt haben, ist dieser Anteil zu gering, um daraus ein kulturelles Merkmal zu machen.
Vorgestellt wurde die Expertise am 13. Oktober 2026 in einem Online-Hintergrundgespräch. Autor*innen sind Susann Prätor von der Polizeiakademie Niedersachsen, Yvonne Krieg und Dirk Baier. Der Mediendienst Integration hat die neue Datenanalyse zur Ausländerkriminalität veröffentlicht.
Der Befund hat zwei Seiten. Nichtdeutsche fallen häufiger wegen schwerer Gewaltdelikte auf, wie der Bericht über mehr Gewalttaten ohne Kultur-Faktor zusammenfasst. Zugleich finden die Forschenden kein Merkmal, das sich als kulturelle Eigenschaft einer Herkunftsgruppe lesen lässt.
Damit tritt die Expertise in eine Debatte, in der die Herkunft von Tatverdächtigen häufig als Erklärung für Gewaltkriminalität dient. Die Forschenden halten dagegen: Die Daten tragen diese Deutung nicht.
Zehn Prozent gegen fünf Prozent
Die Zahl stammt aus dem Niedersachsen-Survey. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen fragt dafür seit 2013 alle zwei bis drei Jahre Jugendliche zur Kriminalität. Eine der Fragen lautet: „Siehst du Gewalt als legales Mittel der Konfliktlösung?“
In der aktuellsten Erhebung von 2024 wurden 9.000 Jugendliche an Schulen in Niedersachsen zu Diskriminierungs-, Opfer- und Tätererfahrungen befragt. Rund zehn Prozent der migrantischen und fünf Prozent der deutschen männlichen Jugendlichen beantworteten die Gewaltfrage positiv.
Für Prätor ist der Abstand zu klein für einen kulturellen Erklärungswert. Bei einem kulturellen Merkmal, so ihr Maßstab, müsste ein deutlich höherer Anteil der Angehörigen einer Gruppe diese Einstellung teilen. Sie verweist auf die weit überwiegende Mehrheit, die gar keine schweren Gewaltstraftaten begeht.
„Insgesamt bleibt stehen, dass die weit überwiegende Mehrheit der Deutschen wie der Nichtdeutschen überhaupt keine schweren Gewaltstraftaten begeht. Bei einem kulturellen Merkmal müsste ein deutlich höherer Anteil der Angehörigen einer kulturellen Gruppe die Einstellung teilen.“
Der Maßstab der Forscherin verschiebt die Debatte: Nicht die absolute Zahl der Tatverdächtigen entscheidet, sondern der Anteil innerhalb einer Gruppe. Gemessen daran fehlt der Beleg für ein kulturelles Merkmal.
Gewalterfahrungen in der Familie
Eine zweite Spur führt ins Elternhaus. Yvonne Krieg, Kriminologin und Mitautorin der Expertise, verweist auf Gewalt, die Jugendliche in ihrer eigenen Familie erlebt haben.
„Die Jugendlichen haben mitunter in der Familie Gewalterfahrungen gemacht.“
Der Hinweis führt das Gewaltrisiko auf Erfahrungen im Elternhaus zurück statt auf die Herkunft. Für die Autor*innen bleibt es deshalb bei ihrem Befund: Der Anteil der Jugendlichen, die Gewalt befürworten, ist zu klein für ein kulturelles Merkmal.
Was die Datenbasis trägt
Die Expertise stützt sich auf zwei Quellen: die Polizeiliche Kriminalstatistik aus dem Erfassungsjahr 2025 und das Surveymaterial aus Niedersachsen. Die Statistik erfasst bekannt gewordene Fälle, die Schulbefragung auch Taten, die nie angezeigt werden.
Von der ersten Befragung zur neuen Expertise
- 2013Start des Niedersachsen-Surveys
Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen befragt seither alle zwei bis drei Jahre Jugendliche zur Kriminalität, darunter mit der Frage nach Gewalt als legalem Mittel der Konfliktlösung.
- 20249.000 Jugendliche befragt
In der aktuellsten Dunkelfeld-Erhebung beantworten Jugendliche an Schulen in Niedersachsen Fragen zu Diskriminierungs-, Opfer- und Tätererfahrungen.
- 2025Erfassungsjahr der Statistik
Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 und das dort berichtete Surveymaterial bilden die Datengrundlage der Expertise.
- 13. Oktober 2026Vorstellung der Expertise
Der Mediendienst Integration stellt die Analyse in einem Online-Hintergrundgespräch vor; mehrere Medien greifen die Ergebnisse auf.
Auffällig ist in beiden Quellen die Rolle männlicher Jugendlicher – die Forschenden werten die Einstellung zu Gewalt getrennt nach Geschlecht aus. In der Polizeilichen Kriminalstatistik 2025 waren 74,1 Prozent aller Tatverdächtigen Männer.
Umstritten bleibt, wie Behörden mit der Nationalität von Tatverdächtigen umgehen. Nach einer Auswertung benennen nur fünf Länder die Nationalität von Tatverdächtigen regelmäßig in Pressemitteilungen.
Wie die Politik die Zahlen liest
Die Expertise liefert Argumente gegen eine kulturelle Deutung, ohne die höhere Belastung durch nichtdeutsche Tatverdächtige zu bestreiten. Streitig bleibt, welche Schlüsse Politik und Sicherheitsbehörden daraus ziehen.
Für die Forscherinnen steht der Befund fest: Die Mehrheit begeht keine schweren Gewaltstraftaten. Offen bleibt, ob Politik und Behörden die Herkunft künftig seltener als Erklärung anführen – oder weiter mit absoluten Zahlen argumentieren.
