Polizei erschießt Mann in Tuttlingen – Waffe war eine Knallpistole
Vier Tage nach den tödlichen Schüssen im Tuttlinger Rathaus steht fest: Die Pistole des 27-Jährigen war eine Knallpistole. Oberbürgermeister Beck will das Rathaus trotzdem offen halten, Innenminister Hagel verteidigt den Polizeieinsatz.
Was Polizisten im Innenhof des Tuttlinger Rathauses für eine scharfe Pistole hielten, war eine Knall- und Zündplättchenpistole. Der Mann, der sie trug, ist tot: Am Donnerstag, 8. Oktober, wurde ein 27-jähriger Afghane bei einem Schusswechsel mit Beamten erschossen. Landeskriminalamt und Staatsanwaltschaft teilen mit, er habe unvermittelt auf die Polizisten geschossen.
Vom Asylantrag bis zu den Schüssen im Rathaus
2015
Ankunft in Deutschland
Shakib F. kommt aus Afghanistan nach Deutschland, besucht in Tuttlingen die Schule und bricht später eine Schreinerausbildung ab.
Januar 2018
Asylantrag abgelehnt
Der Asylantrag des Mannes wird abgelehnt.
Juli 2021
Ausreisepflicht
Shakib F. wird ausreisepflichtig; Mitte Oktober 2026 soll er sich beim afghanischen Generalkonsulat vorstellen.
8. Oktober 2026
Schusswechsel im Rathaus-Innenhof
Der 27-Jährige fällt mit einer Pistole im Bereich des Rathauses auf, wird im Innenhof gestellt und bei einem Schusswechsel tödlich getroffen.
12. Oktober 2026
Waffe war eine Knallpistole
Staatsanwaltschaft Rottweil und LKA teilen mit, dass die Waffe eine Knall- und Zündplättchenpistole war.
Vier Tage später liegen die zentralen Gutachten noch nicht vor. Oberbürgermeister Michael Beck (CDU) will das Rathaus trotz des Vorfalls offen halten, Innenminister Manuel Hagel (CDU) verteidigt das Vorgehen der Beamten und kündigt Gespräche zur Sicherheit im Rathaus an. Ungeklärt bleibt, warum der 27-Jährige mit der Pistole im Gebäude war.
Drei Treffer und ein Streifschuss
Die Obduktion vom 9. Oktober ergab nach vorläufigem Stand drei Treffer im Oberkörper und einen leichten Streifschuss am Arm. Das schriftliche Waffengutachten und der Obduktionsbericht liegen nach Angaben der Ermittler noch nicht vor.
Staatsanwaltschaft Rottweil und LKA legten am 12. Oktober Ergebnisse zur Waffe des 27-Jährigen vor: eine Knall- und Zündplättchenpistole, einer SIG Sauer P225/P226 täuschend echt nachempfunden. Aus Sicht der Beamten bestanden zum Zeitpunkt des Einsatzes keine Hinweise darauf, dass es sich nur um eine Knallpistole handelte.
Der 27-Jährige war seit Januar 2018 mit abgelehntem Asylantrag ausreisepflichtig und sollte sich Mitte Oktober 2026 beim afghanischen Generalkonsulat vorstellen. Ungeklärt bleibt, warum er mit der Pistole im Rathaus war und ob er selbst Schüsse abgab.
Beck hält das Rathaus offen
Oberbürgermeister Michael Beck hat sich am 12. Oktober im Verwaltungs- und Finanzausschuss zu dem Vorfall geäußert. Der CDU-Politiker hält an der offenen Praxis des Rathauses fest, obwohl ein bewaffneter Mann im Haus gestorben ist.
„Über all die Jahre waren wir immer ein offenes Rathaus.“
Michael Beck, Oberbürgermeister von Tuttlingen (CDU)
Beck stellt sich zugleich hinter die beteiligten Beamten. „Sie mussten in Sekundenbruchteilen über Leben oder Tod entscheiden“, sagte er, und: „Ich habe die Gesichter der jungen Polizeibeamten selbst gesehen.“ Am Tag nach dem Vorfall durften die Mitarbeitenden des Rathauses zuhause bleiben und wurden psychologisch betreut.
In diesem Jahr haben Schüsse von Polizeibeamten mehrfach Menschen getroffen – darunter der Fall des niedergeschossenen 14-Jährigen, nach dem die Familie schwere Vorwürfe erhebt. Ob der Einsatz in Tuttlingen anders hätte laufen können, wird auch über die Stadt hinaus diskutiert.
Hagel verteidigt den Einsatz
Innenminister Manuel Hagel hat am 13. Oktober den Polizeieinsatz von Tuttlingen verteidigt und Gespräche zur Sicherheit im Rathaus angekündigt. „Die Polizei hat meine volle Rückendeckung“, sagte der CDU-Politiker. Zugleich sagte er: „Niemand hat etwas mit einer Waffe, egal, was es für eine ist, in einem deutschen Rathaus zu suchen.“
Der Landkreistag Baden-Württemberg ordnet den Fall breiter ein. Hauptgeschäftsführer Alexis von Komorowski sagte: „Gewalttaten mit tödlichem Ausgang sind extrem selten. Was wir aber schon feststellen, ist eine zunehmende Verrohung der Sitten.“ Offen bleibt, wann die angekündigten Gespräche beginnen und ob daraus Zugangskontrollen für Rathäuser folgen.