Habeck rechnet erst 2033 mit dem Begreifen der Demokratiekrise
Im „Kölner Treff“ sagt Robert Habeck, der Gesellschaft blieben bis zum Begreifen der Demokratiekrise „noch sechs Jahre, fünfeinhalb vielleicht“. Als Wendepunkt nennt er 2033 – 100 Jahre nach der Wahl, die Hitler nach oben spülte. Rückhalt dafür sieht anders aus: Laut einer Forsa-Umfrage will nur eine Minderheit ein Comeback des Ex-Vizekanzlers.
Sechs Jahre, fünfeinhalb vielleicht – so lange dauert es nach Robert Habecks Rechnung noch, bis die Gesellschaft begreift, wie es um die Demokratie steht. Gesagt hat er das am Freitagabend in der WDR-Talkshow „Kölner Treff“, als Moderator Micky Beisenherz ihn nach dem Ende des „Politiker-Tinder“ fragte.
Habeck erläuterte, es brauche eine weitere Wahl und eine schwierige Regierungszeit, bis die Gesellschaft die Krise begreife. In seiner Rechnung folgt auf die Bundestagswahl 2029 eine harte Legislaturperiode, 2033 dann die nächste Wahl. Die Sendung lief am Freitag, 16. Oktober 2026, von 22 bis 0 Uhr; durch den Abend führten Susan Link und Micky Beisenherz.
Eine weitere Wahl und eine schwierige Regierungszeit
Konkret heißt das für Habeck: Die nächste reguläre Bundestagswahl reicht nicht, um den Streit über die Zukunft der Demokratie zu klären. Erst nach einer weiteren, schwierigen Regierungszeit – und der Wahl 2033 – hält er einen Umschwung für möglich. Ein schneller Ausweg aus der Krise ist in dieser Rechnung nicht vorgesehen.
„Noch sechs Jahre, fünfeinhalb vielleicht.“
Robert Habeck, ehemaliger Vizekanzler und Wirtschaftsminister
Warum gerade 2033? Das Jahr liegt 100 Jahre nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933. Die NSDAP kam damals auf 43,9 Prozent – für Habeck die Wahl, die „die Hitler nach oben gespült hat“. Gut fünf Wochen zuvor war Hitler Reichskanzler geworden.
Ein Erinnerungsdatum mit Hebelwirkung
Habeck nennt 2033 ein „erinnerndes Datum“, von dem gesellschaftlich etwas ausgehen könne. „Da passiert dann was mit uns als Gesellschaft. Und dann schaffen wir es auch wieder, das Wichtige und Unwichtige voneinander zu unterscheiden“, sagte er im Studio. Als Habecks Wendepunkt der Demokratiekrise im Jahr 2033 hat der Focus die Passage am 17. Oktober aufgegriffen.
Von 1933 bis 2033: Habecks Zeitrechnung
30. Januar 1933
Hitler wird Reichskanzler
Beginn der nationalsozialistischen Machtergreifung.
5. März 1933
Reichstagswahl
Die NSDAP erreicht 43,9 Prozent – die Wahl, auf die Habecks Formulierung zielt.
Februar 2025
Bundestagswahl
Die Grünen verlieren, Habeck scheidet als Vizekanzler und Wirtschaftsminister aus.
16. Oktober 2026
Kölner Treff
Habeck nennt „noch sechs Jahre, fünfeinhalb vielleicht“ und das Jahr 2033.
2029
Nächste Bundestagswahl
Nach Habecks Rechnung folgt eine schwierige Regierungszeit.
2033
Wahl 100 Jahre nach 1933
Aus Habecks Sicht der mögliche Punkt eines gesellschaftlichen Umdenkens.
Bis dahin sieht Habeck die Gesellschaft weit entfernt vom Verstehen. Sie sei noch nicht bereit, „die tiefe Krise der Parteien-Demokratie, in der wir uns nicht nur in Deutschland befinden, zu begreifen“, sagte er. Die Formulierung ist bewusst international gehalten: Das Problem reicht aus seiner Sicht über den deutschen Parteienstreit hinaus.
Kritik an Parteien und Medien
Erst wenn dieses Begreifen einsetze, werde klar, „dass wir ein paar Dinge prinzipieller infrage stellen müssen“, sagte Habeck. Die Selbstkritik adressiert er auch an sein eigenes Milieu: Bereits Anfang Oktober hatte er in der „Süddeutschen Zeitung“ von einer Selbstreferenz von Parteien und Medien gesprochen.
Umfrage
Lädt
Rückenwind bekommt Habeck für diese Lesart nicht überall. In einer Forsa-Umfrage vom Juli sprach sich nur eine Minderheit für ein Habeck-Comeback aus – 35 Prozent der Befragten. Am Tag nach der Sendung lasen mehrere Redaktionen die Passage als Prognose „100 Jahre nach Hitler“.
Vom Minister zum Buchautor
Habeck war nicht als Amtsträger, sondern als Privatmann und Buchautor zu Gast. Er stellte seine geopolitische Analyse über die Arktis vor, die es auf die „Spiegel“-Bestsellerliste geschafft hat; erschienen ist das Buch im Verlag Kiepenheuer & Witsch.
Neben ihm saßen Stefanie Heinzmann, Alexander Klaws, die frisch mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Köchin Léa Linster, der Wildnispädagoge Martin Maschka und die Beamtin und „Amtsfluencerin“ Tülin Sezgin. Ob Habecks Rechnung aufgeht, entscheidet sich nicht im Studio – sondern an der Wahlurne 2029 und 2033.