Ukraine erhält laut Selenskyj nur zwölf Patriot-Raketen pro Monat
Die Ukraine bekommt nur noch zwölf Patriot-Raketen im Monat, Starshield bremst bei 161 km/h, US-Sanktionen liegen auf Eis. Selenskyj sagt offen, er sehe Schritte zur Kapitulation – Trump kontert, er wolle den Krieg nie beenden.
Zwölf Patriot-Abfangraketen im Monat – etwa ein Viertel des Tempos, das die USA unter Joe Biden geliefert hatten. Mit dieser Zahl rechnete Wolodymyr Selenskyj am Sonntag in seinem Büro in Kiew ab, im Interview mit Bloomberg. Selenskyj warf Washington vor, die Ukraine zur Kapitulation zu drängen.
Es seien „Schritte unternommen“ worden, „um die Ukraine zur Kapitulation zu überreden“, sagte der ukrainische Präsident. Er behaupte nicht, dass dies das erklärte Ziel der Partner sei, schränkte er ein – „aber so sieht es aus“.
Als Belege führte er die Drosselung des US-Satellitendienstes Starshield an: Innerhalb der Ukraine bricht die Verbindung oberhalb von rund 161 Kilometern pro Stunde ab. Die Drosselung hatte bereits Musks Forderung nach Selenskyjs Rücktritt nach sich gezogen.
„Ich sage nicht, dass dies das erklärte Ziel unserer Partner ist. Ich möchte nicht glauben, dass unsere amerikanischen Partner glauben, dass der Krieg schneller beendet werden könnte – auf Kosten der Ukraine. Aber danach sieht es aus.“
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine
Öl gegen Patriot-Raketen
Selenskyj bot Washington einen Tausch an: Die Ukraine verzichtet auf Angriffe auf russische Raffinerien und Diesel-Anlagen, die USA liefern im Gegenzug Patriot-Raketen. Bislang, so sein Vorwurf, verlange die US-Regierung nur den Angriffsverzicht – ohne Gegenleistung.
„Wir greifen den russischen Diesel nicht an, ihr gebt uns Raketen für Patriot-Systeme, damit wir unsere Anlagen schützen können“ – so fasste er seinen jüngsten Vorschlag selbst zusammen. Die Abfangraketen sollen Kraftwerke und Raffinerien gegen russische Angriffe absichern.
Zwei Tage vor dem geplanten Wirksamwerden setzte Trump am 16. Oktober per Dekret die Umsetzung neuer Russland-Sanktionen aus, das sogenannte Graham-Gesetz. Rubio sprach von einer 60-Tage-Prüfung. Am 17. Oktober kritisierte Selenskyj das scharf, Kiew nahm die Angriffe auf russische Raffinerien wieder auf.
Umfrage
Lädt
Trump kontert auf Truth Social
US-Präsident Donald Trump antwortete am selben Sonntag auf Truth Social. Er verhandle „Frieden“, wolle Russland nicht „törichterweise“ vom Verhandlungstisch treiben – und drehte den Vorwurf um: Selenskyj wolle den Krieg „nicht beenden, und wahrscheinlich wollte er das nie“.
„Er hätte vor zwei Jahren einen besseren Deal machen können als jetzt. […] Er will diesen Krieg nicht beenden, und wahrscheinlich wollte er das nie.“
Donald Trump, US-Präsident (Truth Social, 18. Oktober 2026)
Das „Wall Street Journal“ berichtet von einem Telefonat zwischen Trump und Wladimir Putin am 9. Oktober. Darin habe Putins Vorschlag eines Gipfels ohne Selenskyj auf dem Tisch gelegen – ein Dreiertreffen mit Xi Jinping, möglicherweise am Rande des APEC-Gipfels am 18. und 19. November in Shenzhen.
Für Kiew ist das mehr als ein Protokollstreit. „Sollten sich die USA an die Seite Russlands stellen, können wir nicht überdauern“, sagte Selenskyj. Im NBC-Interview „Meet the Press“ warnte er am selben Tag vor einem „historischen Fehler“ der USA.
Rubio widerspricht bei den Aufklärungsdaten
Am Montag widersprach US-Außenminister Marco Rubio der Darstellung, Washington habe die Weitergabe von Aufklärungsdaten ausgesetzt. Selenskyj hatte zuvor gesagt, der Datenfluss sei nur drei Tage unterbrochen gewesen; die Wiederaufnahme der US-Geheimdienstlieferungen bestätigte er am Montag erneut.
Offen bleibt der Streit um die Luftabwehr. Selenskyj sprach von Verzögerungen bei „bestimmten wichtigen Lieferungen“ und nannte das US-Verteidigungsministerium. Der „Kyiv Independent“ meldete, Verteidigungsminister Pete Hegseth blockiere eine große Patriot-Charge; bestätigt ist das bislang nicht. Bereits Ende September hatte Selenskyj eine Lizenz zur Patriot-Produktion in der Ukraine gemeldet – Washington schweigt zu Selenskyjs Patriot-Lizenz bis heute.
Militärisch blieb die Lage angespannt: Am Vortag flog die Ukraine mit über 1.000 Drohnen einen der größten Angriffe des Krieges auf Russland. Am Montag trafen russische Raketen Kiew, mehr als 550.000 Haushalte waren ohne Strom.
Warten auf eine Antwort aus Washington
Selenskyj setzt darauf, dass der Druck nachlässt. „Politik ist aber sehr aggressiv zu Zeiten von Wahlen. Jetzt herrscht Agonie, aber nach den Wahlen geht das Leben weiter und ich glaube, es wird dann ruhiger“, sagte er mit Blick auf die USA.
Ob Washington die Patriot-Lieferungen wieder hochfährt, hängt nun an der Frage, ob Selenskyj die russischen Raffinerien in Ruhe lässt. Sein Angebot liegt auf dem Tisch, eine Antwort der US-Regierung steht aus. Offen ist auch, ob das mögliche Dreiertreffen in Shenzhen im November zustande kommt – und ob die Ukraine dabei überhaupt am Tisch sitzt.