Wer als Christdemokrat einem AfD-Kandidaten zu einem wichtigen Amt verhilft, trägt nach Ansicht des Historikers Hanno Hochmuth ein Stück deutscher Geschichte mit. Der Zeithistoriker vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam sagt das in einem FOCUS-Interview über CDU und AfD.
„Wenn Christdemokraten einen AfD-Kandidaten in ein wichtiges Amt wählen oder einer solchen Wahl den Weg bereiten, schwingt immer die deutsche Geschichte mit.“
Der Anlass liegt in Magdeburg. Am 6. Oktober wählte der Landtag Tobias Rausch (AfD) mit 48 von 82 Stimmen zum ersten AfD-Landtagspräsidenten Deutschlands. Für die Wahl des ersten AfD-Landtagspräsidenten reichten AfD und BSW nicht: Zusammen stellen sie nur 44 Abgeordnete. Die CDU-Fraktion hatte Enthaltung empfohlen.
Die Lehre von 1933
Hochmuths Bezugspunkt ist der 30. Januar 1933. Damals wurde Hitler als Reichskanzler einer Regierung aus NSDAP und Deutschnationalen vereidigt — mitgetragen von konservativen Eliten, die sich davon mehr eigene Macht versprachen. „Die konservativen Eliten haben vielleicht am meisten Schuld von allen auf sich geladen“, sagt Hochmuth.
Für die CDU zieht der Historiker daraus eine Grenze. Das Prinzip, eine radikale Partei durch Regierungsverantwortung einbinden zu wollen, sei historisch gescheitert:
„Das Prinzip, einer radikalen Partei Regierungsverantwortung zu übertragen und zu hoffen, man könne sie einbinden oder einhegen, ist zumindest 1933 massiv schiefgegangen.“
Was AfD und NSDAP trennt
Einer Gleichsetzung von AfD und NSDAP widerspricht Hochmuth. Er sieht aber „frappierende Analogien“: Die zentrale Gemeinsamkeit liege in der Abgrenzung von allen anderen Parteien und der Denunziation des Parteiensystems — das habe auch die NSDAP stark gemacht. Wolfram Weimers These von der direkten Kontinuität geht weiter.
Widerspruch kommt von Heike Görtemaker. Die Historikerin und NS-Zeit-Expertin hält den Vergleich der politischen Ordnung mit Weimar für falsch: „In Wirklichkeit ist unsere politische Ordnung mit Weimar nicht zu vergleichen.“ Genau dieser Streit steht nun im Zentrum der Debatte um Rauschs Wahl.
Weimar scheiterte an mehreren Faktoren
Hochmuth nennt mehrere Ursachen für das Scheitern Weimars: die Schwäche der Parteien der Mitte, den extremen Kampf von SPD und KPD — und das Verhalten der deutschnationalen Eliten. Auf die Schwäche der Gegenseite verweist in Sachsen-Anhalt auch der Politologe Albrecht von Lucke: das Versagen der Gegner hilft der AfD.
„Eine Lehre von Weimar ist, dass Minderheitsregierungen eine große Instabilität erzeugen“, sagt Hochmuth. In Sachsen-Anhalt holte die AfD am 6. September 43,8 Prozent, verfehlte die absolute Mehrheit aber deutlich.
Der Streit um Rauschs Wahl
Die Wahl wirkt nach. Der CDA-Vorsitzende Dennis Radtke forderte am 8. Oktober Parteiausschlussverfahren, falls CDU-Abgeordnete für Rausch gestimmt haben. Am 10. Oktober berichtete der Deutschlandfunk unter Berufung auf die „taz“, mehrere CDU-Abgeordnete hätten falsche Angaben zu ihrem Abstimmungsverhalten gemacht. Boris Pistorius sprach auf dem Bebelplatz von einem „einzigartigen Tabubruch“.
Von der Landtagswahl zum Weimar-Streit
- 6. September 2026AfD gewinnt in Sachsen-Anhalt
Die AfD holt 43,8 Prozent, verfehlt aber die absolute Mehrheit.
- 6. Oktober 2026Erster AfD-Landtagspräsident
Tobias Rausch wird mit 48 von 82 Stimmen gewählt; mindestens vier Stimmen kommen nicht von AfD und BSW.
- 8. Oktober 2026CDA fordert Konsequenzen
Dennis Radtke verlangt Parteiausschlussverfahren für den Fall, dass CDU-Abgeordnete für Rausch votiert haben.
- 9. Oktober 2026Pistorius spricht von Tabubruch
Auf dem Bebelplatz in Berlin nennt Boris Pistorius die Wahl einen „einzigartigen Tabubruch“.
- 10. Oktober 2026Zweifel an CDU-Angaben
Der Deutschlandfunk berichtet unter Berufung auf die „taz“, mehrere CDU-Abgeordnete hätten falsche Angaben gemacht.
- 20. Oktober 2026Hochmuth warnt die CDU
Im FOCUS-Interview sagt der Zeithistoriker, konservative Eliten hätten 1933 am meisten Schuld auf sich geladen.
Im Dezember wird die Frage konkret. Dann will der AfD-Politiker Ulrich Siegmund sich in Sachsen-Anhalt zum Ministerpräsidenten wählen lassen — ohne eigene Mehrheit. Ob Christdemokraten ihm Stimmen geben, entscheidet mit darüber, ob Hochmuths Warnung eine historische Analogie bleibt oder politische Praxis wird.
