Chris S. wirft dem Staat nach Messerangriff Täterschutz vor
Der Mann, der den Messerangriff von Bielefeld stoppte, wirft dem Staat vor, den Täter besser zu stellen als die Opfer. Sein Interview hat die Spendenbereitschaft binnen eines Tages mehr als verdoppelt.
70.000 Euro Schmerzensgeld hat das Gericht jedem der vier Opfer zugesprochen. Gezahlt hat Mahmoud M. keinen Cent – der Mann ist mittellos. Chris S., der den Messerangriff in der Bielefelder Bar „Cutie“ stoppte und dabei fast starb, macht daraus einen Vorwurf, der weit über seinen Fall hinausreicht.
Im WELT-Interview mit Chris S. vom 21. Oktober rechnet der Lebensretter mit der Fürsorge ab, die der Staat seinem Angreifer angedeihen lässt: steuerfinanzierte Anwälte, drei Dolmetscher, jederzeitige therapeutische Betreuung. Er selbst ist bis heute krankgeschrieben und bekommt kein Krankengeld. Die Printausgabe erscheint am 22. Oktober.
„Täterschutz steht über Opferschutz in diesem Land, das kann man ganz klar sagen.“
Chris S., Terroropfer und Lebensretter von Bielefeld
Lebenslang und Sicherungsverwahrung
Am 1. Juni 2026 verurteilte das Oberlandesgericht Düsseldorf Mahmoud M. nach 21 Verhandlungstagen wegen vierfachen versuchten Mordes zu lebenslanger Haft mit besonderer Schwere der Schuld und anschließender Sicherungsverwahrung. Laut dem Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf wurden den vier Opfern jeweils 70.000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen – Geld, das der Verurteilte nie aufbringen wird.
Für Chris S. ist die Summe eine Zahl ohne Bedeutung. „Ich wusste ja, dass er nicht zahlen kann. Ob er zu 5000 oder 2,5 Millionen Euro verurteilt wird, macht keinen Unterschied“, sagt er. Ein Einzelfall ist das nicht: Auch der Amoktäter von Ansbach muss nicht zahlen. In der Tatnacht hatte S. zwei Stiche ins Bein bekommen und rund zwei Liter Blut verloren.
Von der Tat bis zum Interview
17./18. Mai 2025
Angriff in der Bar „Cutie“
In der Nacht nach der Drittliga-Meisterschaft von Arminia Bielefeld geht ein 35-jähriger Syrer mit einem präparierten Stockdegen auf Gäste los. Fünf Menschen werden verletzt, vier lebensgefährlich. Chris S. stoppt den Täter und wird selbst schwer verletzt.
19. Mai 2025
Festnahme in Heiligenhaus
Ein Cousin verrät Mahmoud M. Am Tatort lässt er seinen Rucksack mit Dokumenten, weiteren Messern und brennbarer Flüssigkeit zurück.
2. März 2026
Prozessbeginn in Düsseldorf
Vor dem Oberlandesgericht beginnt der Prozess im Hochsicherheitstrakt. Chris S. sagt Anfang März als Zeuge aus.
1. Juni 2026
Urteil nach 21 Verhandlungstagen
Lebenslange Haft, besondere Schwere der Schuld, Sicherungsverwahrung. Die vier Opfer erhalten je 70.000 Euro Schmerzensgeld.
21. Oktober 2026
WELT-Interview und Spendenlawine
Chris S. erhebt schwere Vorwürfe. Binnen eines Tages steigt die Spendensumme für die Opfer von knapp 36.000 auf rund 76.000 Euro.
Drei Dolmetscher auf Staatskosten
Was Chris S. aufbringt, ist die Ausstattung des Verfahrens. Der Verurteilte hatte drei Dolmetscher, steuerfinanzierte Verteidiger und jederzeit Zugang zu therapeutischer Betreuung. „Wie viel dieser Mensch uns bisher gekostet hat, und wie viel er uns noch kosten wird!“, sagt S.
Seine Anwältin Stefanie Höke beschreibt die Lage aller Betroffenen: „Alle sind bis heute arbeitsunfähig, haben Angstzustände und Albträume und trauen sich teilweise bis heute nicht alleine nach draußen.“ Für die Opfervertreter steht die staatliche Fürsorge für den Täter in keinem Verhältnis zu dem, was die Verletzten selbst tragen.
Spenden steigen auf 76.000 Euro
Höke hatte im Juni eine GoFundMe-Kampagne für die vier Opfer gestartet, Ziel: 100.000 Euro. Bis Mitte Oktober kamen etwas mehr als 25.000 Euro zusammen, vor der Veröffentlichung des Interviews waren es knapp 36.000 Euro. Nach dem Interview schnellte die Summe binnen eines Tages auf rund 76.000 Euro.
Spenden für die vier Opfer des Anschlags von Bielefeld
Stand der GoFundMe-Kampagne von Stefanie Höke im Oktober 2026
Quelle: Spendenkampagne von Stefanie Höke, Oktober 2026
Für die ersten 25.000 Euro brauchte die Kampagne vier Monate, die nächsten 40.000 kamen an einem einzigen Tag zusammen. Chris S. ist weiter krankgeschrieben und erhält kein Krankengeld. Die Kampagne soll die vier Opfer unterstützen, denen das Urteil keinen Cent bringt.
Kein Politiker hat sich gemeldet
Enttäuscht ist Chris S. auch von der Politik. Sein Anwalt David Volke hatte bereits im März erklärt, sein Mandant habe die öffentlichen Statements der Politiker wahrgenommen, doch keiner habe sich direkt an ihn gewandt. Ein Porträt der Lippischen Landes-Zeitung vom 20. August zeichnete ihn als im Stich gelassenen Helden, dem Politik und Behörden gleichgültig gegenüberstehen. Wie es anderen Überlebenden eines Anschlags ergeht, die Vorwürfe erheben, zeigt ein Fall aus Berlin.
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Von den 100.000 Euro, die Höke sammeln will, sind nach dem Interview rund 76.000 Euro erreicht. Ob die Kampagne die restlichen 24.000 Euro zusammenbekommt, ist offen. Der Täter sitzt lebenslang hinter Gittern, seine Opfer warten auf ein Signal aus der Politik – gekommen ist es bis heute nicht.