Die Staatsanwaltschaft Duisburg hat Anklage gegen eine 62-jährige Lehrerin erhoben. Sie soll sich jahrelang krankgemeldet haben, obwohl sie arbeiten konnte – der Vorwurf lautet Betrug in elf besonders schweren Fällen und Urkundenfälschung in zwei Fällen.
Die Anklage liegt seit dem 23. Oktober beim Landgericht Duisburg, öffentlich bekannt wurde sie am Dienstag. Ob es zum Prozess kommt, entscheidet das Gericht mit der Eröffnung des Hauptverfahrens. Bis dahin gilt für die Beschuldigte die Unschuldsvermutung.
Konkret geht es um zehn Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, die die Studienrätin zwischen März 2021 und März 2025 beim Berufskolleg Wesel eingereicht haben soll. Nach Auffassung der Ermittler war sie in diesen vier Jahren dienstfähig. Frühere Jahre sind verjährt.
Seit 2009 kein Tag mehr im Dienst
Der Fall reicht weit vor die Anklage zurück. 2003 oder 2004 begann die Lehrerin am Berufskolleg Wesel zu unterrichten, im Bereich Gesundheit und Soziales. 2009 meldete sie sich wegen psychischer Probleme krank – und erschien seither nicht mehr zum Dienst. Ihre Bezüge liefen weiter.
Ihr monatliches Gehalt lag Berichten zufolge zwischen rund 5.000 und gut 6.100 Euro brutto. 2017 sollte sie an eine andere Schule versetzt werden; nach juristischem Widerstand der Lehrerin wurde die Versetzung nicht vollzogen, eine amtsärztliche Untersuchung unterblieb.
Von der Krankmeldung zur Anklage
- 2009Krankmeldung ohne Rückkehr
Die Lehrerin meldet sich wegen psychischer Probleme krank und erscheint seither nicht mehr am Berufskolleg Wesel.
- 2017Geplante Versetzung scheitert
Die Lehrerin wehrt sich juristisch gegen eine Versetzung an eine andere Schule, die Versetzung wird nicht vollzogen.
- 2024/2025Neue Sachbearbeiterin prüft die Akte
Die Bezirksregierung Düsseldorf ordnet eine amtsärztliche Untersuchung an, die Lehrerin klagt dagegen.
- November 2025Amtsärztliches Gutachten entsteht
Das Gutachten zur Dienstfähigkeit wird später zur Grundlage der Ermittlungen.
- Februar 2026Ermittlungsverfahren eingeleitet
Die Staatsanwaltschaft Duisburg wertet die Unterlagen aus und beginnt zu ermitteln.
- März 2026Durchsuchung in Duisburg
Ermittler durchsuchen die Wohnung der Beschuldigten und stellen Akten, USB-Sticks und Laptops sicher.
- 23. Oktober 2026Anklage beim Landgericht
Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage: Betrug in elf besonders schweren Fällen, Urkundenfälschung in zwei Fällen.
Eine neue Sachbearbeiterin bringt den Fall ins Rollen
2024/2025 prüfte eine neue Sachbearbeiterin der Bezirksregierung Düsseldorf die Akte und ordnete eine amtsärztliche Untersuchung an. Die Lehrerin klagte dagegen – und scheiterte vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf und dem Oberverwaltungsgericht Münster. Der Fall wurde bundesweit bekannt.
Die Bezirksregierung leitete 2025 ein Disziplinarverfahren ein, gegen die Lehrerin und gegen die zuständige Person in der eigenen Behörde. Schulministerin Dorothee Feller (CDU) sagte, für sie stellten sich „viele Fragezeichen“ – so einen Fall habe sie selbst noch nicht erlebt.
„Nach aktuellem Stand gibt es keine Hinweise auf ein systemisches Problem, sondern es handelt sich um gravierendes Fehlverhalten innerhalb der Bezirksregierung Düsseldorf.“
Feller verteidigt damit ihre Behörde gegen den Verdacht, die langjährige Krankschreibung sei nur mangels Kontrolle möglich gewesen – und schiebt die Verantwortung auf eine einzelne Dienststelle. Das Ministerium kündigte im Juli 2026 an, die Kontrollmechanismen für langzeiterkrankte Beamte zu überarbeiten.
Vom Amtsarzt-Gutachten zur Wohnungsdurchsuchung
Im November 2025 entstand das amtsärztliche Gutachten zur Dienstfähigkeit der Lehrerin. Es wurde später zur Grundlage der Ermittlungen. Im Februar 2026 leitete die Staatsanwaltschaft Duisburg nach Auswertung der Unterlagen das Ermittlungsverfahren ein.
Im März 2026 durchsuchten Ermittler die Wohnung der Beschuldigten in Duisburg. Das Türschloss musste aufgebrochen werden; sichergestellt wurden Akten, USB-Sticks und Laptops.
Im Mai 2026 ordnete die Bezirksregierung Düsseldorf die Versetzung der Lehrerin in den Ruhestand an. Sie klagte dagegen und erhält weiterhin ihre Bezüge. Wie hart der Dienstherr Beamte aus dem Status entfernen kann, zeigt ein anderer Fall: Zwei Polizistinnen verloren ihren Beamtenstatus.
Im September 2026 reichte die Lehrerin über ihren Rechtsanwalt weitere Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen bei der Bezirksregierung ein. Sie sollten frühere Fehlzeiten abdecken. Für die Ermittler liegt genau hier ein Kern des Fälschungsvorwurfs.
Hinweise auf eine parallele Tätigkeit als Heilpraktikerin oder eine Startup-Gründung während der Krankschreibung bestätigten sich dagegen nicht. Die Staatsanwaltschaft erklärte, dafür gebe es keine Belege; entsprechende Vorwürfe um Arbeit als Heilpraktikerin aus dem Jahr 2025 trugen den Fall dennoch durch die Medien.
Was das Landgericht jetzt entscheidet
Mit der Anklage beginnt die nächste Runde in Duisburg. Das Landgericht muss prüfen, ob die Beweise für einen Prozess reichen, und entscheidet dann über die Eröffnung des Hauptverfahrens. Wann diese Entscheidung fällt, ist offen.
Für die Beschuldigte steht mehr auf dem Spiel als ein Strafurteil. Sie ist Beamtin auf Lebenszeit, die Bezüge laufen weiter, und das Disziplinarverfahren der Bezirksregierung ist nicht abgeschlossen. Wie eng Ermittlungen gegen Lehrkräfte und Pensionsverlust zusammenhängen, zeigt der neue Fall um Aiwangers Ex-Lehrer.
Nach Einschätzung der Ermittler waren es zehn Bescheinigungen in vier Jahren, die den Betrugsvorwurf tragen. Die Verteidigung hat sich bislang nicht öffentlich geäußert. Ob die Kammer das Verfahren eröffnet oder die Anklage zurückweist, ist der nächste messbare Schritt.
Offen bleibt auch, ob die vom Schulministerium angekündigten schärferen Kontrollen noch 2026 greifen. Bis dahin läuft die Zahlung an eine Lehrerin weiter, die seit 2009 nicht mehr im Klassenzimmer stand.
