61 Sitze braucht eine Regierungsmehrheit in der Knesset – keines der beiden Lager kommt auch nur in die Nähe. In der laufenden Auszählung liegt Benjamin Netanjahus rechtsreligiöser Block bei 55 bis 57 Mandaten, das Oppositionslager um Gadi Eisenkot bei 47 bis 49.
Der Wahltag am 27. Oktober hatte zunächst ein anderes Bild gezeigt: Die Nachwahlbefragungen sahen Netanjahus Likud und Eisenkots Mitte-Partei Jaschar nahezu gleichauf. In der Nacht drehte sich das Bild, als die Stimmen ausgezählt wurden – und beide Männer riefen sich zum Sieger aus.
Ausgezählt ist da erst gut die Hälfte der Stimmen. Bis zu 650.000 Sonder- und Soldatenstimmen können das Ergebnis noch verschieben. Das vorläufige Endergebnis wird für den 29. Oktober erwartet.
Prognosen am Wahlabend: 51 zu 51
Um 22 Uhr Ortszeit schlossen die Wahllokale, kurz danach lagen die ersten Nachwahlbefragungen vor. Likud kam demnach auf 24 bis 25 von 120 Mandaten und wurde stärkste Einzelpartei, Eisenkots Jaschar auf 21 bis 23.
Kein Lager erreichte die 61 Sitze: Prognosen deuten auf eine Patt-Situation hin, Channel 13 und Kan sahen ein 51:51, der Sender N12 Netanjahus Block mit 52:49 vorn, C14 rechnete mit 62 Sitzen für Netanjahu.
In Tel Aviv trat Eisenkot vor Anhänger und deutete das Ergebnis als Auftrag zum Wechsel:
„Die Öffentlichkeit hat für eine Veränderung gestimmt.“
In der Nacht dreht sich das Bild
Als die Auszählung voranschritt, kippte die Lage. Bei gut 37 Prozent der Stimmen lag Netanjahus Block bei 57 Sitzen, bei rund 50 Prozent bei 55 bis 56 zu 49, bei 57 Prozent bei 55 zu 49 – der Likud-Block liegt bei 55 Sitzen ohne Mehrheit.
Die arabisch-israelischen Parteien – Vereinigte Liste und Ra'am – kamen in der Teilauszählung auf 15 bis 16 Sitze; 2022 hatten sie 10 Mandate. Oppositionsführer Jair Lapid las daraus die Abwahl Netanjahus:
„Lasst euch von niemandem verwirren: Der Netanjahu-Block hat eine vernichtende Niederlage erlitten.“
Außenminister Gideon Saar nannte den Oppositionsjubel dagegen verfrüht.
77,7 Prozent – so viele Wähler wie seit Jahrzehnten nicht
Die Beteiligung war so hoch wie seit mehr als einem Vierteljahrhundert nicht: 77,7 Prozent der rund 7,3 Millionen Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab. Um 19 Uhr MEZ – drei Stunden vor Schließung – lag sie bei 74,3 Prozent, dem höchsten Stand zu diesem Zeitpunkt seit 1988.
37 Listen traten an, die Sperrklausel lag bei 3,25 Prozent. Heftige Regenfälle behinderten die Stimmabgabe im Süden des Landes. Einen Antrag auf Verlängerung der Öffnungszeiten lehnte der Zentrale Wahlausschuss ab.
Wahlbeteiligung bei der Knesset-Wahl 2026
Höchster Wert seit mehr als einem Vierteljahrhundert; um 19 Uhr MEZ lag die Beteiligung bei 74,3 Prozent
Die Araberparteien werden zum Königsmacher
15 bis 16 Sitze machen Vereinigte Liste und Ra'am rechnerisch zum möglichen Königsmacher – doch beide Lager schließen sie aus. Netanjahu rief in Jerusalem zur Bildung einer starken rechtsgerichteten Regierung auf: „Wir dürfen keine Regierung bilden, die sich auf arabische, antizionistische Parteien stützt.“
Auch Eisenkot hat eine Koalition mit den arabischen Parteien praktisch ausgeschlossen. Netanjahu wiederum setzt auf die Sicherheitslage: Die Abriegelung des Westjordanlands nach dem Anschlag bei Hebron liegt nur wenige Tage zurück.
Was bis zum Endergebnis noch aussteht
Jetzt werden die Sonder- und Soldatenstimmen ausgezählt; unter Soldaten lag die Beteiligung bei 79,9 Prozent. Bis zu 650.000 solcher Stimmen können die Sitzverteilung noch verändern – bei einem Patt von wenigen Mandaten entscheidet diese Reserve.
Das vorläufige Endergebnis wird am 29. Oktober erwartet. Die offizielle Veröffentlichung folgt am 4. November, acht Tage nach der Wahl. Danach beauftragt Präsident Izchak Herzog einen Kandidaten mit der Regierungsbildung – vier Wochen, bis zu 42 Tage, bleiben dafür Zeit.
Bislang hat keines der Lager eine Mehrheit ohne die arabischen Parteien. Am 29. Oktober soll das vorläufige Ergebnis vorliegen – erst dann zeigt sich, wem Herzog den Auftrag erteilt und ob es bei einem zweiten Urnengang endet.
