Die Prügelattacke auf einen 14-jährigen Schüler hat Frankfurt (Oder) in eine Debatte gestürzt, in der Abschiebungen als Antwort gehandelt werden. Oberbürgermeister Axel Strasser hält davon wenig: Bei der Prüfung aufenthaltsrechtlicher Maßnahmen sehe er keine große Aussicht auf Erfolge, sagte der parteilose Rathauschef am 27. Oktober.
Zu der Sicherheitskonferenz im Frankfurter Rathaus hatte Strasser Polizei, Staatsanwaltschaft, Schulen, Jugendhilfe und Ausländerbehörde geladen. Es ging um Konsequenzen aus einer Tat, die die Stadt seit zwei Wochen beschäftigt – und um die Frage, wie Frankfurt auf die aufgeheizte Stimmung reagiert.
Strasser nutzte das Treffen für einen Appell an die Stadtgesellschaft, in der zuletzt Aufrufe zu Selbstjustiz kursierten. Er sagte:
„Wir appellieren wirklich an diese Stadtgesellschaft, Zivilcourage zu zeigen.“
Neun Tatverdächtige im Alter von 13 bis 15 Jahren
Die Polizei nennt inzwischen neun Tatverdächtige im Alter von 13 bis 15 Jahren. Als Motiv nannte Ronny Koch, Leiter der zuständigen Polizeiinspektion, eine Ehrverletzung im persönlichen Bereich. Mehr sagte er nicht; eine Ermittlungsgruppe arbeitet den Fall auf.
Bekannt wurde die Tat am 14. Oktober, als sich der 14-Jährige mit Verletzungen im Gesicht auf einer Polizeidienststelle meldete. Der Angriff auf einen 14-jährigen Schüler vor einer Oberschule ist seither Thema in der ganzen Stadt; ein Video der Attacke verbreitete sich Mitte Oktober in sozialen Netzwerken, Hunderte Menschen folgten danach einem Kundgebungsaufruf der AfD vor dem Rathaus, die unter dem Stichwort Migrantengewalt Abschiebungen forderte.
Vom Polizeibericht zur Sicherheitskonferenz
- 14. Oktober 2026Der Schüler meldet die Attacke
Ein 14-Jähriger erscheint mit Verletzungen im Gesicht auf einer Polizeidienststelle in Frankfurt (Oder) und berichtet von einer Auseinandersetzung mit mehreren Jugendlichen.
- 15./16. Oktober 2026Ein Video verbreitet sich
Der Clip der Prügelattacke kursiert in sozialen Netzwerken. OB Strasser zeigt sich schockiert und kündigt an, die Sicherheitsgespräche nach Frankfurt (Oder) zu holen.
- 20. Oktober 2026AfD-Kundgebung vor dem Rathaus
Hunderte Menschen folgen einem Aufruf der AfD, die unter dem Stichwort Migrantengewalt Abschiebungen fordert.
- 22. Oktober 2026Redmann appelliert an Zeugen
Brandenburgs Innenminister ruft dazu auf, sich nicht einschüchtern zu lassen. In Potsdam kommen Tatverdächtige in Untersuchungshaft.
- 27. Oktober 2026Sicherheitskonferenz im Rathaus
Polizei, Staatsanwaltschaft, Schulen, Jugendhilfe und Ausländerbehörde beraten über Konsequenzen. Die Polizei nennt neun Tatverdächtige und ein Motiv im Bereich Ehrverletzung.
- 28. Oktober 2026Wilke meldet 16 Fälle beim Bundesamt
Brandenburgs Sozial- und Integrationsminister bittet Bundesinnenminister Dobrindt schriftlich um vorrangige Prüfung des Schutzstatus straffälliger Syrer.
Polizei verstärkt Präsenz vor den Schulen
Vor den Schulen haben Polizei und Ordnungsamt ihre Präsenz verstärkt. Nach den Herbstferien sollen an den Schulen Elternkonferenzen und Anti-Mobbing-Programme folgen. Strasser nannte den Fall in dieser Dimension beispiellos: Es sei der erste Fall dieser Art, sagte er.
Innenminister Jan Redmann (CDU) machte zudem falsche Vorbilder aus dem Gangster-Rapper-Milieu mitverantwortlich. Zugleich grenzte er Frankfurt (Oder) vom Fall Potsdam ab, wo eine Gruppe mehr als 30 Raub- und Erpressungsdelikte begangen haben soll und sechs Tatverdächtige in Untersuchungshaft sitzen.
16 Fälle beim Bundesamt gemeldet
Aufenthaltsrechtlich setzt Brandenburg auf Prüfung: Sozial- und Integrationsminister René Wilke (SPD) meldete 16 Fälle dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und bat Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) schriftlich um vorrangige Prüfung des Schutzstatus straffälliger Syrer. Das ist der Vorstoß zur Überprüfung des Schutzstatus.
Wilke dämpfte zugleich die Erwartung an schnelle Abschiebungen. Ein Kind aus einer ansonsten gut integrierten Familie, sagte er, dürfe nicht dazu führen, dass die ganze Familie das Land verlässt. Für ihn folgt daraus:
„Zu glauben, wir lösen das am Ende alles mit Abschiebungen, ist eine Illusion.“
Aufrufe zur Selbstjustiz im Netz
Die Stimmung in der Stadt bleibt angespannt. Im Internet kursierten Aufrufe zu Selbstjustiz, ein Verdächtiger wurde bekannt gemacht und musste geschützt werden; der Verein Muslime an der Oder rief zu Besonnenheit auf. Offen ist, ob Dobrindt die vorrangige Prüfung anordnet – und ob die Elternkonferenzen nach den Herbstferien die Debatte beruhigen.
