Die bereinigte Umsatzrendite der Pkw-Sparte ist im dritten Quartal 2026 auf 2,5 Prozent eingebrochen, im Vorjahr lag sie noch bei 4,8 Prozent. Am 28. Oktober legte Mercedes-Benz die Zahlen vor, und Konzernchef Ola Källenius verband sie im Analystencall mit einer Mahnung an den Standort Deutschland.
„Deutschland muss einen großen Sprung nach vorn machen, um seine Industrie zu sichern. Es geht mir nicht nur um Mercedes, sondern um den Standort als Ganzes.“
Für Mercedes ist die Schieflage doppelt heikel: Deutschland steht für rund 15 Prozent des Absatzes, aber für rund zwei Drittel der Beschäftigten – etwa 90.000 der weltweit 150.000 Mitarbeiter arbeiten hier. Källenius adressiert damit nicht nur den Konzern, sondern den Standort als Ganzes.
China bricht um 31 Prozent ein
Weltweit setzte Mercedes im Quartal 407.232 Pkw ab, 8 Prozent weniger als im Vorjahr. In China waren es nur 86.800 Fahrzeuge, ein Minus von 31 Prozent. In Deutschland legte der Absatz dagegen um 13 Prozent zu und lag damit vor BMW, wie die Q3-Zahlen im Mercedes-Geschäftsbericht zeigen.
Absatzveränderung im dritten Quartal 2026 gegenüber Vorjahr
Veränderung der Pkw-Auslieferungen in Prozent
Der Umsatz lag bei 30,7 Milliarden Euro, das Konzern-EBIT bei 1,77 Milliarden. Bereits am 27. Oktober hatte Mercedes in der Ad-hoc-Mitteilung zur gesenkten Jahresprognose die Ziele gekappt: Pkw-Rendite nur noch 2 bis 3 Prozent statt 3 bis 5, Konzern-EBIT nur auf Vorjahresniveau.
Der freie Cashflow soll deutlich unter Vorjahr liegen. Die Aktie verlor am Tag der Senkung rund 5 Prozent, am 29. Oktober erholte sie sich zeitweise um 1,86 Prozent auf 40,56 Euro. Seit Jahresbeginn steht sie rund ein Drittel im Minus.
Ungarn ein Drittel, USA 80 Prozent
Källenius rechnet vor, woran der Standort aus seiner Sicht krankt: Die Arbeitskosten in den USA liegen bei 80 Prozent des deutschen Niveaus, in Ungarn bei etwa einem Drittel. Ziel ist eine deutsche Produktion mindestens auf US-Kostenniveau – notfalls über mehr Arbeitszeit ohne Lohnausgleich. „Wir werden Deutschland in Ungarn nicht umwandeln können oder wollen. Aber ungefähr auf ein Niveau mit den USA zu kommen, muss möglich sein.“
Ab dem 1. Dezember startet ein zweites Abfindungsprogramm für indirekte Bereiche. Finanzvorstand Harald Wilhelm nennt es „ein attraktives Programm, auch ein sozial faires Programm“ und rechnet mit hohen Zusprechquoten. Schon im September hatte der Konzern Einsparungen von 800 Millionen Euro bei den Arbeitskosten angekündigt.
Proteste, Brandbrief, Warnstreiks
Der Ton in Stuttgart ist rau. Am 14. September zogen mehr als 33.000 Beschäftigte vor die Werkstore, in Stuttgart fielen Buhrufe und „Ola raus“-Rufe. Betriebsratschef Michael Häberle trug bei einer Kundgebung die Vorwürfe der Belegschaft vor. Ende September machte Produktionsvorstand Michael Schiebe auf einer Betriebsversammlung in Sindelfingen deutlich, dass ohne Kostensenkungen die Schließung zweier deutscher Werke droht.
Am 17. Oktober wurde ein Brandbrief der Führung an die Belegschaft bekannt: Der Standort Deutschland habe „stark an Wettbewerbsfähigkeit verloren“, man müsse „für das gleiche Geld mehr arbeiten“. Aufsichtsratschef Martin Brudermüller legte öffentlich nach: „Wir sollten ernsthaft die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche angehen.“
Am 27. Oktober, einen Tag vor der Bilanzvorlage, wies die IG Metall in der Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie das Arbeitgeberangebot als „zu spät, zu niedrig“ zurück und kündigte Warnstreiks ab 1. November an. Mercedes stehen damit zwei Stichtage gegenüber: Warnstreiks am 1. November, Abfindungsangebot ab 1. Dezember. Wie viele Beschäftigte zugreifen, entscheidet mit darüber, ob die deutschen Werke auf US-Kostenniveau kommen.
