Rund zehn Minuten und mindestens vier Nachfragen brauchte Markus Lanz, bis Steffen Krach sich festlegte. Bleibe Vanessa Emde in der Fraktion der Berliner Linken, sagte der Co-Landesvorsitzende der Berliner SPD am Mittwochabend im ZDF, „dann werden wir keine Koalition haben“. Das Wort „vermutlich“, das er zuvor benutzt hatte, ließ er diesmal weg.
Die Sendung lief am 28. Oktober ab 23.15 Uhr. Krach, Spitzenkandidat der Berliner SPD bei der Wahl am 20. September, war einer der Gäste. Neben ihm saß Karin Prien, Bundesbildungs- und Familienministerin von der CDU. Es ging um die Frage, ob Berlin ein rot-grün-rotes Bündnis bekommt – und um die Person, an der es hängt.
Krachs erste Antworten an diesem Abend waren ausweichend. Auf die Frage, ob die SPD mit einer Fraktion koalieren könne, in der Emde sitzt, sagte er zunächst nur: „Wenn Frau Emde weiterhin Mitglied der Fraktion ist, dann haben wir ein schwerwiegendes Problem.“ Ein Problem ist keine Absage – Lanz hakte weiter.
„Ich habe ganz klar gesagt, dass ich als Landesvorsitzender der SPD nicht mit Frau Emde zusammenarbeiten werde. (…) Dann gehe ich nicht davon aus, dass diese Koalition zustande kommt.“
Mit dieser Festlegung hängt die Regierungsbildung in Berlin an einer einzigen Abgeordneten der Linken. Bis zu diesem Satz hatte Krach die Frage offengelassen, ob seine Partei auch mit einer Fraktion verhandelt, in der Emde sitzt.
Lanz hält Krach die eigenen Sätze vor
Der Moderator konfrontierte seinen Gast mit dessen eigenen Aussagen aus dem Wahlkampf: „Ich warne davor, die Linkspartei zu wählen“, „Enteignungen wird es mit mir nicht geben“ – so hatte Krach vor der Wahl argumentiert. Jetzt verhandelt seine Partei mit genau dieser Linken. Lanz warf ihm vor: „Sie argumentieren jetzt als Demokrat, und schaden der Demokratie auf diese Art und Weise.“
Lanz ließ nicht locker: „Sie wollen sich doch auch selber ernst nehmen, Herr Krach. Und ich nehme Sie ja auch ernst, aber so kann ich das nicht.“ Zum Hin und Her in der Runde sagte er zwischendurch, Leute zu Hause „lachen sich entweder kaputt oder wenden sich mit Grausen ab“.
Wie es zu dem Streit kam
Auslöser ist der 13. Oktober: An diesem Tag nahm die neue Linksfraktion Vanessa Emde auf. Die Linke hatte die Wahl am 20. September mit 25,7 Prozent gewonnen, Emde holte den Wahlkreis Neukölln 1 mit 46,2 Prozent der Erststimmen. SPD und Grüne stoppten danach zeitweise ihre Sondierungen – die Aufnahme Emdes und die gestoppten Sondierungen bestimmten seither die Berliner Politik.
Emde hatte israelkritische Aussagen gemacht und rückte auch danach nicht davon ab. Am 15. Oktober wiederholte sie ihre Position in einem Instagram-Video und sprach von einem „Schmierentheater“ um ihre Person; die Antisemitismus-Erklärung, die sie zwei Tage zuvor unterschrieben hatte, kritisierte sie dort. Am 17. Oktober legten Linke, SPD und Grüne ein Sondierungspapier mit einer Vereinbarung zu Antisemitismus und zum Existenzrecht Israels vor.
Am 27. Oktober berieten Fraktionsspitze und Fraktion der Berliner Linken über Konsequenzen gegen Emde – ohne Ergebnis. Der Vorstand sah weiterhin keine gemeinsame Arbeitsgrundlage. In der Partei regt sich zugleich Widerstand gegen einen Ausschluss: 120 Linke-Funktionsträger gegen Emdes Ausschluss hatten sich schon im Oktober zu Wort gemeldet.
Von der Wahl bis zur Lanz-Sendung
- 20. September 2026Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus
Linke 25,7 Prozent, CDU 18,8, AfD 16,3, Grüne 14,3, SPD 12,1. Vanessa Emde gewinnt Neukölln 1 mit 46,2 Prozent der Erststimmen.
- 13. Oktober 2026Emde kommt in die Linksfraktion
SPD und Grüne stoppen daraufhin zeitweise die Sondierungen mit der Linken.
- 15. Oktober 2026Emde legt nach
In einem Instagram-Video spricht sie von einem „Schmierentheater“ um ihre Person und kritisiert die zwei Tage zuvor unterschriebene Antisemitismus-Erklärung.
- 17. Oktober 2026Sondierungspapier vorgelegt
Linke, SPD und Grüne vereinbaren Regeln zu Antisemitismus und zum Existenzrecht Israels.
- 27. Oktober 2026Linke berät ohne Ergebnis
Fraktionsspitze und Fraktion erörtern Konsequenzen gegen Emde, vertagen die Entscheidung.
- 28. Oktober 2026Krach bei „Markus Lanz“
Nach rund zehn Minuten sagt der SPD-Landesvorsitzende: Bleibe Emde in der Fraktion, werde es keine Koalition geben.
Prien warnt vor Enttabuisierung von Antisemitismus
In derselben Runde äußerte sich Karin Prien deutlicher als der SPD-Politiker. Deutschland erlebe eine Enttabuisierung von linkem Antisemitismus, sagte die CDU-Ministerin – und begründete das mit ihrer eigenen jüdischen Biografie.
„Es ist leider so, dass wir eine Enttabuisierung von Antisemitismus, in diesem Fall von linkem Antisemitismus, in Deutschland erleben. Als jemand mit einer jüdischen Biografie muss ich ganz ehrlich sagen, das ist wirklich nur sehr schwer zu verkraften.“
Prien gehört der CDU an, die in Berlin 18,8 Prozent holte und an den Gesprächen über Rot-Grün-Rot nicht beteiligt ist. Ihre Warnung fiel in dieselbe Sendung, in der Lanz den SPD-Chef dessen Glaubwürdigkeit prüfte.
Am 31. Oktober entscheidet die Linke
SPD und Grüne haben in Berlin bereits für Koalitionsverhandlungen mit der Linken gestimmt. Die Linke selbst entscheidet darüber auf einem Parteitag am 31. Oktober. Kommt dort ein Ja zustande, beginnt die nächste Runde – mit der offenen Frage, ob Krachs Bedingung bis dahin erfüllt ist.
Der Spielraum ist eng. Zusammen kommen Linke, Grüne und SPD auf 52,1 Prozent der Stimmen; die SPD kam mit 12,1 Prozent auf ihr bisher schwächstes Berliner Ergebnis und ist auf die stärkste Kraft angewiesen. Ohne die Linke gibt es für SPD und Grüne keine Mehrheit – und mit ihr hängt alles an einer Abgeordneten.
Wahlergebnis in Berlin: Die Linke liegt deutlich vorn
Stimmenanteile bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus am 20. September 2026
Am 29. Oktober berichteten Berliner Zeitung, Tagesspiegel, Kölner Stadt-Anzeiger und ZDFheute über den Auftritt; das bedingte Nein des SPD-Chefs zur Berliner Linken stand dabei im Mittelpunkt. Der Tagesspiegel nannte die Sendung „von unangenehm bis schwer erträglich“.
Offen ist, ob die Linke vor dem 31. Oktober eine Lösung im Fall Emde findet. Gelingt das nicht und bleibt Emde in der Fraktion, will Krach nicht koalieren – Berlin hätte dann keine regierungsfähige Mehrheit. Der Parteitag der Linken ist der nächste Termin, an dem sich das entscheidet.
