Christian Lindner schließt Rückkehr in die Politik fast aus
Christian Lindner will nicht mehr für ein öffentliches Amt kandidieren – und attackiert Kanzler Friedrich Merz: Er wickle das Erbe Angela Merkels nicht ab, sondern treibe Fehlentwicklungen voran.
Christian Lindner will nicht in die Politik zurück. Der frühere Bundesfinanzminister schließt eine erneute Kandidatur für ein öffentliches Amt praktisch aus – und greift im selben Interview Bundeskanzler Friedrich Merz an. „Die Wahrscheinlichkeit, noch einmal für ein öffentliches Amt zu kandidieren, geht gegen null“, sagt der Ex-FDP-Chef.
Der Anlass ist ein Gespräch, das die „Welt am Sonntag“ am 31. Oktober veröffentlicht. Zwei Tage zuvor hatte Lindner sich bei WELT TV gegenüber Chefredakteur Helge Fuhst erklärt. In dem Interview in der Welt am Sonntag rechnet er mit dem Kurs der Union ab – und mit dem Kanzler.
Von der Ampel bis zum Comeback-Aus
Dezember 2021
Lindner wird Bundesfinanzminister
In der Ampelkoalition übernimmt der FDP-Chef das Finanzressort.
November 2024
Bruch der Ampel
Die Koalition zerbricht, Lindner scheidet als Finanzminister aus.
Februar 2025
Abschied von der Politik
Nach der Bundestagswahl kündigt Lindner seinen Rückzug aus der Politik an.
29. Oktober 2026
WELT TV: Merz „übertrifft“ Merkel
Bei WELT TV sagt Lindner, Merz setze das Erbe Merkels nicht nur fort, sondern übertreffe es in bestimmten Fragen.
31. Oktober 2026
Das Interview erscheint
Die Welt am Sonntag veröffentlicht das Gespräch: Lindner schließt ein Comeback aus und attackiert Merz.
Abschied für immer
Auf die Frage, ob er den Bruch mit der Politik bedauere, antwortet Lindner klar: „Keinesfalls. Ich habe mit Leidenschaft für meine Überzeugungen gestritten. Aber alles hat seine Zeit.“ Seine Aussage spricht für einen Abschied von der aktiven Politik, lässt aber eine spätere Rückkehr nicht ausgeschlossen erscheinen.
Seinen Schritt begründet er mit der Doppelbelastung: „Wer in der Wirtschaft wirklich operativ Verantwortung übernehmen will, kann das nicht mit einem Bein in der Parteipolitik.“ Eine Parallelrolle aus Mandat und Unternehmen schließt er damit aus – wer führen wolle, müsse ganz dort sein, wo die Verantwortung liegt.
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Die Tragik für unser Land
Lindners Vorwurf an den Kanzler ist der schärfste Satz des Gesprächs. „Die Tragik für unser Land ist, dass es zwar einen Kanzlerwechsel gab, aber keinen Politikwechsel“, sagt er mit Blick auf Merz. Viele Unterstützer der Union hätten nach dem Wechsel im Kanzleramt auf einen Bruch mit der Ära Merkel gesetzt.
„Er wickelt das Erbe von Frau Merkel nicht ab, worauf viele Unterstützer gesetzt hatten. Im Gegenteil treibt er Fehlentwicklungen weiter voran.“
Christian Lindner, früherer Bundesfinanzminister und Ex-FDP-Chef
Schon am 29. Oktober hatte Lindner bei WELT TV gesagt, Merz setze das Erbe Merkels nicht nur fort, er „übertrifft es in bestimmten Fragen“. Zwei Tage später macht er daraus einen grundsätzlichen Vorwurf: Der Kanzlerwechsel habe die Richtung der früheren Kanzlerin nicht beendet, sondern fortgeschrieben.
Aigner als Geschenk für Merz
Auch personell mischt Lindner mit. Über Ilse Aigner, die er zuvor selbst als Bundespräsidentin ins Spiel gebracht hat, sagt er: „Die Kandidatin Ilse Aigner ist für den CDU-Vorsitzenden Merz ein Geschenk auf dem Silbertablett.“ Mit Lindners Vorstoß für Ilse Aigner als Bundespräsidentin war der Ton gegenüber dem Kanzler bereits gesetzt.
Das Bild vom Silbertablett meint: Merz müsste nur zugreifen, um mit einer Personalie zu punkten, ohne selbst etwas beizutragen. Lindner führt damit vor, wie er den Kanzler auch in Fragen der Besetzung unter Druck setzt – nicht mit einem Gegenkandidaten, sondern mit einem Vorschlag, der die CDU-Spitze in Zugzwang bringt.
Neue Rolle bei der Autoland AG
Lindners neues Leben spielt in der Wirtschaft. Er ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Autoland AG und investiert über eine eigene Beteiligungsgesellschaft in Start-ups. Kurz zuvor hatte er mit Lindners Forderung nach Ruhe statt neuen Regeln noch aus der Unternehmerrolle heraus in die Berliner Debatte eingegriffen.
Ganz von der Politik lässt er trotzdem nicht. „Ich bleibe ein politischer Mensch. Politische Rahmenbedingungen prägen ja auch das Wirtschaftsleben.“ Offen ist, ob Merz auf den Vorwurf antwortet – und ob Lindners Absage endgültig ist. Er selbst sagt: Die Wahrscheinlichkeit gehe gegen null. Null ist sie damit nicht.