Polens Präsident Nawrocki dringt nachts ins Verfassungsgericht ein
Polens Präsident Nawrocki dringt nachts ins Verfassungsgericht ein und drückt eine Richterin nach unten. Zwei Botschafter treten aus Protest zurück, Ministerpräsident Tusk wirft ihm das Gesetz des Dschungels vor.
Polens Präsident Karol Nawrocki ist in der Nacht zum 31. Oktober in das Verfassungsgericht eingedrungen und hat die Richterin Anna Korwin-Piotrowska dabei nach unten gedrückt. „Sie sind keine Verfassungsrichter!“, rief er im Gebäude. Nawrocki hatte seine Senegal-Reise abgebrochen und war um 21:50 Uhr in Warschau gelandet.
Auslöser war eine Meldung auf der Website des Tribunals, die es so nie gab: Dort stand, Präsident Bogdan Święczkowski und sein Stellvertreter Bartłomiej Sochański seien für einen Monat suspendiert, Korwin-Piotrowska leite das Gericht kommissarisch. Das Gericht dementierte die Bekanntmachung und sprach von einem Hackerangriff.
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Angesichts der Tatsache des Versuchs einer rechtswidrigen Übernahme des TK sehe ich keine Möglichkeit, weiterhin die Funktion des Botschafters der Republik Polen in Rumänien auszuüben.
Über meinen Rücktritt habe ich @prezydentpl und @sikorskiradek informiert
X · @SolochPawel
Vor dem Gebäude sicherte die Polizei das Gelände, hunderte PiS-Anhänger demonstrierten, drei Menschen wurden festgenommen. Am Tag danach fasste die Polizei bei der Demonstration einen bewaffneten Mann. Der Tumult und Protest vor dem Verfassungsgericht führte zu drei Festnahmen.
Zwei Botschafter treten zurück
Noch am 30. Oktober zogen zwei Spitzendiplomaten die Konsequenz. Jakub Kumoch, Botschafter in China, und sein Kollege Paweł Soloch in Rumänien erklärten ihren Rücktritt und begründeten ihn mit der aus ihrer Sicht rechtswidrigen Übernahme des Tribunals. Beide hatten früher für Ex-Präsident Andrzej Duda gearbeitet.
„Angesichts der Ereignisse im Land habe ich festgestellt, dass es mir nicht mehr möglich ist, meine Funktion als Botschafter der Republik Polen weiter auszufüllen. Mit heutigem Datum habe ich meinen Rücktritt und die Bitte um Abberufung eingereicht.“
Jakub Kumoch, Botschafter Polens in China
Außenminister Radosław Sikorski nahm den Schritt nicht als Gewissensentscheidung hin, sondern als Disziplinlosigkeit: Er nehme „das unprofessionelle Ende“ der Missionen zur Kenntnis, die beiden verträten „die Republik nicht mehr“. Der Rücktritt zweier Botschafter im Zusammenhang mit dem Streit um das Verfassungsgericht gilt als ungewöhnlicher Schritt.
Krisengespräche ohne Tusks Koalition
Nawrocki sprach von einer Bedrohung der inneren Sicherheit und bestellte alle im Parlament vertretenen Kräfte für den 31. Oktober in den Präsidentenpalast. In einer Erklärung ließ er mitteilen:
„Aufgrund der Bedrohung, die auf der inneren Sicherheit der Republik Polen lastet, berufe ich heute dringende Konsultationen unter Beteiligung von Vertretern der im Parlament vertretenen Kräfte ein.“
Karol Nawrocki, Staatspräsident Polens
Die Bürgerkoalition von Ministerpräsident Donald Tusk und die mitregierende Linke blieben fern. Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz, Parlamentspräsident Szymon Hołownia und PiS-Chef Mateusz Morawiecki kamen. Konkrete Ergebnisse wurden nicht bekannt.
Das Tribunal selbst wertet das Vorgehen als Angriff: Es gehe um „einen Angriff auf ein verfassungsmäßiges Staatsorgan“, sagte Gerichtspräsident Święczkowski. Justizminister Waldemar Żurek sagte, es sei „inakzeptabel, dass jemand, der durch die präsidiale Immunität geschützt ist, sich auf diese Weise verhält“.
Tusk warnt vor dem Gesetz des Dschungels
Am Abend des 31. Oktober antwortete Tusk in einer Fernsehansprache. Ein Richter weiche im Rechtsstaat „nicht vor einem aggressiven Schläger zurück“, sagte er, „selbst wenn es sich um eine zierliche Frau handelt“. Und er setzte nach: „Der Rechtsstaat unterscheidet sich vom Gesetz des Dschungels dadurch, dass nicht Muskeln und Unverschämtheit darüber entscheiden, wer recht hat.“
„Das Vaterland ist in Not!“
Lech Wałęsa, Friedensnobelpreisträger und Ex-Präsident
Wałęsa, Friedensnobelpreisträger und früherer Staatspräsident, hat seine Mahnung an das ganze Land öffentlich gemacht und den Richtern seine Unterstützung zugesagt. Er wolle an ihrer Seite in der ersten Reihe stehen, sagte er, ganz gleich, wie die Umstände seien.
Die katholische Kirche versuchte zu beruhigen: Die Bischofskonferenz rief unter ihrem Vorsitzenden Tadeusz Wojda zu Dialog und Deeskalation auf. Die EU-Kommission erklärte in Brüssel, sie verfolge die Entwicklung „sehr aufmerksam“.
Der Streit reicht bis 2015 zurück
Der Konflikt ist ein Jahrzehnt alt. 2015 wählte der scheidende Sejm fünf Verfassungsrichter, Präsident Andrzej Duda vereidigte sie nicht; die PiS-Mehrheit erklärte die Wahl für ungültig und besetzte das Tribunal mit eigenen Richtern. Nach dem Regierungswechsel 2023 kündigte Tusks Bündnis die Rückabwicklung dieser Justizreformen an.
Von der Blockade 2015 bis zur Nacht im Gericht
8. Oktober 2015
Der Sejm wählt fünf Richter – Duda vereidigt sie nicht
Die PiS-Mehrheit erklärt die Wahl im November für ungültig und wählt eigene Richter.
2023
Tusks Bündnis übernimmt die Regierung
Das Mitte-Links-Bündnis kündigt die Rückabwicklung der PiS-Justizreformen an.
1. April 2026
Nawrocki vereidigt zwei neue Richter
Vier weitere Richter legen ihren Eid stattdessen im Sejm ab.
Mai 2026
Menschenrechtsgerichtshof entscheidet
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entscheidet, dass die neu nominierten Richter ihre Arbeit aufnehmen sollen.
30. Oktober 2026
Website meldet Suspendierung des Gerichtspräsidiums
Das Gericht spricht von einem Hackerangriff. Polizei sichert das Gelände, hunderte PiS-Anhänger demonstrieren, drei Festnahmen.
30./31. Oktober 2026
Nawrocki verschafft sich Zutritt zum Gebäude
Zwei Botschafter erklären ihren Rücktritt, der Präsident drückt eine Richterin nach unten.
Im April 2026 hatte Nawrocki zwei neue Richter vereidigt, den übrigen vier verwehrte er die Möglichkeit dazu. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschied im Mai, dass die neu nominierten Richter ihre Arbeit aufnehmen sollen. Geklärt ist damit nichts.
Entscheidung am 3. November
Anna Korwin-Piotrowska, die das Gericht nach der dementierten Meldung kommissarisch führt, hat als dienstälteste Richterin eine Sitzung aller Verfassungsrichter für den 3. November einberufen. Zuvor war die Polizei riegelt Polens Verfassungsgericht ab und Bereitschaftspolizei hatte das Gebäude gesperrt, während eine nicht vereidigte Richterin die Amtsgeschäfte führte.
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Am 3. November soll die Sitzung aller Richter stattfinden. Offen ist, ob die von PiS und Nawrocki nominierten Richter erscheinen – und ob der Präsident ein Ergebnis dieser Runde anerkennen würde.