Russlands Bauern verkaufen Weizen unter Produktionskosten
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Kriegswirtschaft

Russlands Bauern verkaufen Weizen unter Produktionskosten

Weizenpreise fallen täglich um bis zu 200 Rubel pro Tonne, der Export stockt – und der neue Haushalt holt das Geld über Steuern und gekürzte Sozialausgaben zurück. Bauern und Verbraucher zahlen für den Krieg.

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Futterweizen kostet in einigen Regionen Russlands weniger als 6.000 Rubel pro Tonne. Die durchschnittlichen Produktionskosten liegen bei rund 10.000 Rubel. Wer jetzt verkauft, macht laut der Russischen Getreideunion „kolossale Verluste“ – und trotzdem verkaufen Tausende Betriebe, weil sie Saatgut, Dünger und Treibstoff für die Winteraussaat bezahlen müssen.

Der Druck fällt in eine Zeit, in der die Regierung keine Rücksicht mehr auf einen Urnengang nehmen muss. Am 29. Oktober verabschiedete die Staatsduma den Bundeshaushalt 2027 bis 2029 in erster Lesung: 372 Abgeordnete stimmten zu, 51 enthielten sich. Geplant sind Einnahmen von 43,30 Billionen Rubel und Ausgaben von 48,74 Billionen Rubel – ein Defizit von 5,44 Billionen Rubel, 2,2 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Von der Blockade im Asowschen Meer zur Steuererhöhung

  1. Juli 2026
    Zivile Schifffahrt im Asowschen Meer fast lahmgelegt

    Ukrainische Drohnenangriffe auf Tanker und Frachter treffen den Getreideexport; Sovecon spricht von einem logistischen Schock.

  2. 18. bis 20. September 2026
    Duma-Wahl in Russland

    Einiges Russland gewinnt laut Wahlleitung 57,83 Prozent und 355 von 450 Sitzen.

  3. 24. September 2026
    Haushaltsentwurf mit neuen Steuern

    Das Finanzministerium stellt die Pläne für 2027 bis 2029 vor.

  4. 28. Oktober 2026
    Erstes Getreide über die Arktisroute

    3.400 Tonnen werden im Hafen von Murmansk verladen.

  5. 29. Oktober 2026
    Duma beschließt Haushalt in erster Lesung

    17,15 Billionen Rubel sind für Nationale Verteidigung vorgesehen.

Die Preise fallen täglich um 100 bis 200 Rubel

Sovecon senkte die Prognose für die Weizenernte 2026 auf 88,3 Millionen Tonnen (2025: rund 91 Millionen) und für die Weizenausfuhren 2026/27 auf 44,6 Millionen Tonnen; die Gesamtausfuhr von Getreide und Hülsenfrüchten wurde von 56,1 auf 53,8 Millionen Tonnen zurückgenommen. Ursache ist die seit Juli weitgehend ausgesetzte zivile Schifffahrt im Asowschen Meer nach ukrainischen Drohnenangriffen – Sovecon spricht von einem „logistischen Schock“.

Auf dem Binnenmarkt trifft ein Angebotsüberhang auf schwache Nachfrage großer Abnehmer wie Ägypten und der Türkei, die selbst gute Ernten erwarten. RGU-Präsident Arkadi Slotschewski sagt, die Preise fielen täglich um 100 bis 200 Rubel pro Tonne: „Wir wissen nicht, wo der Boden ist.“ Neue Kredite sind kaum zu bekommen, die Lager begrenzt. Der Finam-Analyst Jaroslaw Kabakow hält eine breite Pleitewelle für verfrüht, verweist aber auf hohe Finanzierungskosten, weil viele Agrarkredite an variable Zinsen gekoppelt sind.

Premierminister Michail Mischustin kündigte mehr als 9,5 Milliarden Rubel an, mit denen Getreidetransporte per Bahn zu Häfen an Ostsee, Kaspischem Meer und Fernem Osten bezuschusst werden. Slotschewski hält das für unzureichend – die Hilfen deckten kaum zehn Prozent der Zusatzkosten. Seit dem 28. Oktober läuft Getreide erstmals über die arktische Weltkriegsroute nach Murmansk: 3.400 Tonnen wurden verladen, rund 28.000 Tonnen Weizen sollen nach Casablanca gehen. Im September liefen bereits 1,2 Millionen Tonnen über Ostseehäfen – über 60 Prozent aller Seetransporte.

17,15 Billionen Rubel für Verteidigung

Der Haushalt setzt den Schwerpunkt beim Militär: Für „Nationale Verteidigung“ steigen die Ausgaben auf 17,15 Billionen Rubel Militärbudget, 35,2 Prozent aller Bundesausgaben. Nach SIPRI-Rechnung erreichen die gesamten Militärausgaben 19,47 Billionen Rubel – 40 Prozent der Ausgaben und 7,8 Prozent der Wirtschaftsleistung; rund 87 Prozent des Verteidigungskapitels sind klassifiziert. Finanzminister Anton Siluanow senkte den Ölpreis im Haushaltsmechanismus von 59 auf 50 Dollar je Barrel.

Bundeshaushalt 2027 in Billionen Rubel

Einnahmen, Ausgaben, Verteidigung und Defizit nach der ersten Lesung

Quelle: Staatsduma, erste Lesung 29.10.2026

Die Öl- und Gaseinnahmen brechen weg: Von Januar bis September 2026 fielen sie um 17,2 Prozent auf 5,47 Billionen Rubel – trotz eines Urals-Preises von 92,08 Dollar im September. Die bereits auf 22 Prozent erhöhte Mehrwertsteuer brachte in neun Monaten 13,47 Billionen Rubel ein, 27,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Für 2027 plant die Regierung ein Paket von rund 1,5 Billionen Rubel: Sondergewinnsteuer von 20 bis 30 Prozent auf Bergbaukonzerne, 13 bis 22 Prozent auf Kapitaleinkünfte, 22 Prozent Mehrwertsteuer auf Auslandskäufe.

Gleichzeitig sinken die zivilen Ausgaben: Gesundheit minus 5,5 Prozent, Bildung minus 5,4 Prozent, Sozialprogramme minus 6 Prozent; die Mittel für das Bundes-Krebsprogramm fallen von 44,9 auf 3,9 Milliarden Rubel. Der Industriellen- und Unternehmerverband RSPP, in dem die größten Konzerne organisiert sind, kritisierte die Steuerpläne scharf. Der Ökonom Boris Grosovsky beschreibt die Logik so: „Jeder wird für den Krieg zahlen, so viel er kann. Wo auch nur ein wenig mehr Geld auftaucht, wird der Staat es holen, während er selbst so wenig wie möglich abgibt.“

Zahlungsausfälle und Konsumflaute

Die Verbindlichkeiten der Unternehmen stiegen binnen Jahresfrist um 28 Prozent auf 155 Billionen Rubel – der stärkste Anstieg seit 2004; 23,8 Prozent der großen Firmen zahlen verspätet, der Anteil mit mehr als 60 Tagen Verzug wuchs von 4,1 auf 6,5 Prozent. Der Berater Chris Weafer sieht Russland nicht vor einer akuten Finanzkrise, aber vor einer langen Erosion des Wohlstands: Die Finanzierung sei gesichert, „aber auf Kosten höherer Steuern und steigender Kosten für Haushalte und Unternehmen“.

Bei den Verbrauchern schlägt der Krieg im Alltag durch: Die Zentralbank beließ den Leitzins am 23. Oktober bei 14,00 Prozent und hob den Zinspfad für 2027 an, die Jahresteuerung lag am 19. Oktober bei 6,8 Prozent. Die Inflationserwartungen der Haushalte liegen bei 13,2 Prozent, der Konsumklima-Index sank auf 95,1 Punkte. In 88 Regionen wurde Benzin rationiert, der Preis stieg um 20,5 Prozent; Ende Oktober war AI-92 nur an 42 Prozent der Tankstellen verfügbar. Ob die Subventionen für die Winteraussaat reichen, entscheidet sich in den kommenden Wochen.

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