Kristina Schröder bezweifelt den Nutzen der Frauenquote
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Geschlechterdebatte

Kristina Schröder bezweifelt den Nutzen der Frauenquote

Kristina Schröder rechnet in WELT mit der feministischen Deutung von Benachteiligung ab: Fast alle tödlichen Arbeitsunfälle treffen Männer, Quoten machten Frauen zu bloßen Trägerinnen ihres Geschlechts. Auslöser ist ein Satz der Historikerin Heike Specht.

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93,8 Prozent aller tödlichen Arbeitsunfälle in Deutschland trafen Männer. Kristina Schröder nimmt diese Zahl zum Anlass für eine Abrechnung mit der feministischen Deutung von Benachteiligung – und stellt die Frage, ob Frauen mit der Dauerbeschwörung ihrer Opferrolle sich selbst im Weg stehen.

Der Beitrag der früheren Bundesfamilienministerin (CDU) erschien am Montag um 8.40 Uhr in WELT und stammt aus der WELT AM SONNTAG. Darin schreibt Schröder, feministische Kritik interpretiere jede Abweichung von einer 50:50-Norm als Kampfauftrag. Bei gleicher Qualifikation würde sie den Mann wählen, bekennt sie.

X · @HeikeSpecht

Von der Ministerin zur Quotenkritikerin

  1. 2009 – 2013
    Kristina Schröder ist Bundesfamilienministerin

    Die CDU-Politikerin leitet das Ressort für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

  2. 2. November 2015
    Namensartikel gegen ergebnisbezogene Gleichstellung

    Unter dem Titel „Freiheit statt Gleichheit! Auch für die Geschlechter“ formuliert sie ihre Skepsis.

  3. 15. Oktober 2026
    Heike Specht stellt ihre These auf

    Die Historikerin bezweifelt, dass die wenigsten Männer es eine Woche aushalten würden, die einzige Frau in einem Raum zu sein.

  4. 2. November 2026, 8.40 Uhr
    WELT stellt Schröders Beitrag online

    Der Text aus der WELT AM SONNTAG erscheint im Ressort Debatte, drei Minuten Lesezeit.

Der Satz über die einzige Frau im Raum

Auslöser ist ein Satz der Historikerin und Autorin Heike Specht vom 15. Oktober. Sie bezweifelt, dass Männer es aushalten würden, in einem Raum die einzige Frau zu sein.

„Ich wage die These, dass keiner dieser Männer sich auch nur ansatzweise vorstellen kann, was es bedeutet, in einem Raum die einzige Frau zu sein. Und ich könnte mir vorstellen, dass es die wenigsten – wäre es anders herum – auch nur eine Woche durchstehen würden.“
Heike Specht, Historikerin und Autorin

Schröder setzt ihre eigene Erfahrung dagegen: In der Politik sei sie oft die einzige Frau gewesen, etwa als Obfrau des BND-Untersuchungsausschusses. Sie bezweifelt, dass Frauen sich mit dem Aufheben um ihr Geschlecht einen Gefallen tun.

Die Statistik hinter der Überschrift

Der zweite Teil der Überschrift ist belegt. Nach der Statistik des Bundesamts zu tödlichen Arbeitsunfällen betrafen 93,8 Prozent der tödlichen Arbeitsunfälle Männer, Berichtsjahr 2023. Der Hauptgrund: Sie arbeiten häufiger in Branchen mit höheren Unfallgefahren.

Die Zahl ist zuletzt gesunken. Die DGUV zählte für 2025 vorläufig 335 tödliche Arbeitsunfälle, den dritten Tiefststand in Folge – festgehalten in der vorläufigen Unfallbilanz der Versicherer für 2025.

Ungleichheit ist noch keine Ungerechtigkeit

Schröders Kernvorwurf ist ein Kategorienfehler. Feministische Kritik, so argumentiert sie, verwechsle Ungleichheit mit Ungerechtigkeit und mache aus jeder Abweichung vom 50:50-Ideal einen Kampfauftrag.

„Ungleichheit wird umstandslos als Ungerechtigkeit interpretiert, jede Abweichung von einer 50:50-Norm gilt dann als Kampfauftrag: Das muss beseitigt werden.“
Kristina Schröder, Bundesfamilienministerin a. D. (CDU)

Ihre Beobachtung läuft in beide Richtungen: Männer machen häufiger Karriere, sterben aber auch häufiger im Job, werden häufiger obdachlos und gewinnen häufiger einen Nobelpreis. Frauen sterben dafür ärmer.

Quoten und die Chromosomen

Quoten bewertet Schröder als künstliche Erhebung des Geschlechts zum entscheidenden Kriterium: Sie mache Frauen zu persönlichkeitslosen Trägerinnen ihrer Geschlechtschromosomen. Ihren Töchtern wünscht sie stattdessen ein anderes Selbstbild.

„Wichtig für unsere Töchter ist mir daher vor allem, dass sie ihre Lebensentscheidungen mit möglichst hohen Freiheitsgraden treffen können. Dafür bedarf es aber des Selbstbilds, eben kein Opfer zu sein. Sondern souveräner Akteur des eigenen Lebens.“
Kristina Schröder, Bundesfamilienministerin a. D. (CDU)

Als Bundesfrauenministerin musste sie sich anhören, sie solle abwarten, bis sie älter sei und Kinder habe, wenn sie mit der Beschwörung der weiblichen Opferrolle nichts anfangen konnte. Die Anekdote aus ihrer Ministerinnenzeit passt zu diesem Argument.

Wie die Debatte weiterläuft

Mit ihrer Skepsis gegenüber der Opfererzählung steht Schröder nicht allein da: Ferchichis Sicht auf Gleichberechtigung zulasten der Männer geht in eine ähnliche Richtung.

Auch Juli Zehs Satz über das Patriarchat dreht die Blickrichtung: Es schade Männern stärker als Frauen, sagt sie – und steht damit Schröders Kritik an der Gleichsetzung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit gegenüber.

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Offen ist die politische Folge: Ob die Union die Stoßrichtung ihrer früheren Ministerin stützt oder ob Schröder mit dem Vorstoß in der eigenen Partei allein bleibt, ist nicht geklärt.