162 Milliarden Euro will Deutschland 2029 für Verteidigung ausgeben – 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung und mehr, als Großbritannien und Frankreich im Jahr davor zusammen aufbringen. Europas größte Volkswirtschaft rüstet auf, weil sie der amerikanischen Nato-Garantie nicht mehr traut. Sie tut es in einem Moment, in dem die nationalistische Rechte in Europa erstarkt.
Den Zusammenhang beschreibt eine Analyse zu Europas verhängnisvollem Fehler, die FOCUS am 5. November veröffentlicht hat. Sie benennt einen Widerspruch: US-Präsident Trump verlangt höhere europäische Verteidigungsausgaben – und unterstützt laut der Analyse offen prorussische Parteien der nationalistischen Rechten, darunter die AfD.
Von der Zeitenwende zur Brigade Litauen
- 24. Februar 2022Überfall auf die Ukraine, Scholz verkündet die Zeitenwende
Wenige Tage nach dem russischen Angriff kündigt Bundeskanzler Olaf Scholz Waffenlieferungen und ein Sondervermögen für die Bundeswehr an.
- November 2024Trump wird erneut zum US-Präsidenten gewählt
Die Zweifel an der amerikanischen Nato-Garantie werden zum Auslöser für zusätzliche deutsche Verteidigungsausgaben.
- März 2025Der Bundestag nimmt Verteidigung von der Schuldenbremse aus
Zwei Monate nach Trumps Amtsantritt beschließt das Parlament die Grundgesetzänderung.
- 2. November 2026Das CFR stellt Liana Fix' Buch „Germany Rearmed“ vor
Die Europa-Expertin beschreibt darin Deutschlands Rückkehr als Militärmacht.
- 5. November 2026Die deutsche Fassung der FOCUS-Analyse erscheint
Am selben Tag berichtet Defence Network über die größte Gefechtsübung der Bundeswehr in Litauen.
- 17. November 2026„Freedom Shield 26-II“ beginnt in Litauen
Rund 3.800 Soldaten aus acht Nato-Staaten üben zehn Tage, mit rund 700 Drohnen und erstmals Loitering Munition der Panzerbrigade 45.
- Ende 2027Die Panzerbrigade 45 soll voll aufgestellt sein
Der Verband wird dann dauerhaft in Rūdninkai in Litauen stationiert.
Schon heute der viertgrößte Militäretat der Welt
Laut dem Council on Foreign Relations (CFR) ist Deutschland bereits der größte Militärausgeber Europas und der viertgrößte weltweit. Die Expertin Liana Fix widerspricht der Vorstellung, die Bundesrepublik sei nach 1945 pazifisch geworden: „Deutschland ist nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wirklich ein pazifisches Land geworden“, schreibt sie in ihrem Buch „Germany Rearmed“, das das CFR am 2. November vorstellte.
In Wahrheit sei militärische Macht nie aus Deutschland verschwunden: Sie sei „von Regierungschefs pragmatisch als politisches Instrument“ genutzt worden, die die Notwendigkeit harter Macht oft zumindest im Stillen verstanden. Für Fix hängt daran mehr als der Etat: „Wie Deutschland diesen Moment bewältigt, wird nicht nur seine eigene Zukunft prägen, sondern die des Kontinents.“
Kriegstüchtig in Litauen
Konkret wird die Aufrüstung in Litauen. Die Panzerbrigade 45 „Litauen“ soll bis Ende 2027 voll aufgestellt und dauerhaft in Rūdninkai stationiert werden. Ab dem 17. November üben zehn Tage lang rund 3.800 Soldaten aus acht Nato-Staaten bei „Freedom Shield 26-II“ – mit rund 700 Drohnen und erstmals Loitering Munition der Brigade, wie aus dem Bericht über die größte Gefechtsübung der Bundeswehr hervorgeht.
„Die Übung Freedom Shield ist ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zu einer voll ausgestatteten, einsatzbereiten und damit kriegstüchtigen Brigade Litauen.“
Vier Wahlen in zwölf Monaten
Die Analyse warnt vor einer zweiten Baustelle. In den kommenden zwölf Monaten stehen in Spanien, Frankreich, Polen und Italien Wahlen an – in mehreren Fällen stehe die nationalistische Rechte kurz vor der Machtübernahme. In Frankreich gilt Marine Le Pen als Favoritin der Präsidentschaftswahl 2027, in Italien fordert der frühere General Roberto Vannacci Regierungschefin Giorgia Meloni von rechts, in Spanien könnte Vox in die Regierung einziehen.
Fix beschreibt die Gefahr einer Spaltung Europas in zwei Blöcke: einen nordöstlichen Abschreckungsblock aus Baltikum, Großbritannien, den Nordics und Polen – und einen Mittelmeerblock, der Putin eher beschwichtigen würde. Deutschland steht zwischen beiden.
Der gefährliche Deal mit Putin
Dazu kommt die Unsicherheit aus Washington. Nach Angaben aus Nato-Kreisen läuft eine Überprüfung der US-Truppen in Europa; die Ergebnisse sollen im Dezember 2026 vorliegen. Verteidigungsminister Pete Hegseth sollte bis zum 6. November Optionspakete erhalten. Über einen Abzug von bis zu 40.000 US-Soldaten wird seit September berichtet.
Zugleich drosselten die USA die Starlink-Nutzung der Ukraine und suchten die Nähe zu Putin. Die frühere Nato-Vertreterin Oana Lungescu warnt davor, das zu verrechnen: Es drohe, dass Truppenprüfung, Ukraine und Sicherheitsordnung „als Teil eines viel größeren Deals mit Putin behandelt werden“ – eine „sehr gefährliche Situation für die Sicherheit in Europa“. Offen bleibt vor allem eine Zahl: wie viele amerikanische Soldaten nach Dezember noch in Europa stehen.
