Armutsquote klettert auf 17,3 Prozent – zweithöchster Wert seit 1992
Bild: KI-generiert
Einkommensverteilung

Armutsquote klettert auf 17,3 Prozent – zweithöchster Wert seit 1992

Die Armutsquote erreicht 17,3 Prozent, die untere Mittelschicht schrumpft auf knapp 33 Prozent. Das WSI warnt vor weiterem Sozialabbau – die Linke fordert, dass stattdessen die Überreichen zahlen.

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Die Armutsquote in Deutschland ist 2024 auf 17,3 Prozent gestiegen und liegt damit fast wieder auf dem Rekordwert von 2021. Damals fielen 17,4 Prozent der Menschen unter die Armutsgrenze von 60 Prozent des Medianeinkommens. Der am Donnerstag vorgestellte 40. WSI-Verteilungsbericht zeigt: Von einer Annäherung der Einkommen kann keine Rede sein.

1992 lag die Quote noch bei 11,9 Prozent – ein Anstieg um 45 Prozent binnen drei Jahrzehnten. Der Gini-Koeffizient der Einkommen kletterte von 0,252 auf 0,307. Die strenge Armut wuchs von 5,9 auf 10,4 Prozent, der Anteil einkommensreicher Haushalte von 5,7 auf 7,0 Prozent, der sehr einkommensreichen von 1,1 auf 1,9 Prozent.

Armutsquote in Deutschland seit 1992

Anteil der Menschen mit weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens

Quelle: WSI-Verteilungsbericht 2026 (SOEP)

Die Lohnschere schließt sich, die Armut nicht

Ein Befund widerspricht dem Eindruck einer dauerhaft auseinanderdriftenden Lohnverteilung: Das Verhältnis zwischen oberstem und unterstem Zehntel der Löhne (D9/D1) sank von 3,52 im Jahr 2015 auf 2,89 im Jahr 2024. Das WSI führt das vor allem auf den 2015 eingeführten Mindestlohn zurück – damals 8,50 Euro, heute 13,90 Euro, ab 2027 dann 14,60 Euro. Die WSI-Studie zu 623 Euro mehr als Grundsicherung beziffert den Abstand, den Vollzeitarbeit heute schafft.

Arm trotz Arbeit bleibt trotzdem massenhaft: Nach dem WDR-Beitrag über die wachsende Armut leben mehr als 14 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze, etwa jeder Sechste. Die untere Mittelschicht – Haushalte mit 60 bis unter 100 Prozent des Medianeinkommens – schrumpfte von 38 auf knapp 33 Prozent. Die Aufforderung, einfach mehr zu arbeiten, hält WSI-Direktorin Bettina Kohlrausch für eine Antwort an der Lebenswirklichkeit vorbei.

„Die permanente Aufforderung, mehr zu arbeiten, geht an den Erfahrungen vorbei. Das Wohlstandsversprechen ist für viele keine Realität mehr.“
Bettina Kohlrausch, Wissenschaftliche Direktorin des WSI

Kürzungen würden die Ungleichheit weiter verschärfen

Als Ursachen nennt der Bericht die nachlassende Umverteilungswirkung von Steuern und Sozialtransfers sowie einen gestiegenen Teilzeitanteil, oft wegen fehlender Kinderbetreuung. Zahlen des DIW, auf die das WSI verweist, stützen das: Zwischen 1995 und 2021 wuchsen die realen Haushaltsnettoeinkommen im obersten Dezil um 58 Prozent, im untersten um 1,4 Prozent.

Die obere Mitte blieb dagegen mit 44 zu 43 Prozent nahezu stabil. Kohlrausch warnt, die Entwicklung habe „das Potenzial, diese Gesellschaft und dieses politische System zu destabilisieren“. Mit Blick auf die laufende Haushaltsdebatte sagt sie: „Wenn die aktuellen Kürzungsdebatten wirklich zu weiterem Sozialabbau führen, wird das die Ungleichheit weiter verschärfen.“

Die Linke im Bundestag sieht die Last bei einer anderen Gruppe. Fraktionschefin Heidi Reichinnek fordert: „Nicht die Mehrheit muss den Gürtel enger schnallen, sondern die Überreichen müssen sich endlich angemessen an der Finanzierung des Gemeinwesens beteiligen.“ Die Polarisierung komme „nicht aus dem Nichts“, sie sei die Folge dessen, was die Menschen seit Jahren spürten.

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Was die Einkommenszahlen nicht erfassen

Dorothee Spannagel, Verteilungsanalytikerin im WSI, verweist auf eine Gruppe, die in der Armutsquote gar nicht auftaucht: Haushalte oberhalb der Grenze, deren Einkommen die Miete auffrisst. Ihre Spielräume schrumpfen ähnlich stark wie die von Armen.

„Sie liegen mit ihrem Einkommen zwar oft oberhalb der Armutsgrenze. Die hohe Mietbelastung schränkt ihre finanziellen Spielräume jedoch so stark ein, dass sie faktisch häufig ähnlich betroffen sind wie Menschen unterhalb der Armutsgrenze.“
Dorothee Spannagel, Verteilungsanalytikerin im WSI

Die Daten stammen aus dem Sozio-oekonomischen Panel mit rund 23.000 Personen in 17.000 Haushalten, ergänzt um die OECD-Distribution of Earnings Database. Vermögen erfasst der WSI-Report 117 zur Einkommensungleichheit nicht; die Einkommensdaten reichen bis 2024.

Beim Wohngeld zeigt sich, wohin die Debatte führt: Rund 1,3 Millionen Haushalte beziehen es, so viele wie nie, während der Bund eine Milliardenkürzung beim Wohngeld plant. Ob die Kürzungsdebatten tatsächlich zu Leistungseinschnitten führen, entscheidet sich in den kommenden Haushaltsberatungen – im Datenjahr 2024 ist davon noch nichts zu sehen.