1:1 nach Verlängerung, 3:4 im Elfmeterschießen – Deutschland fliegt raus
Es war ein Abend, der in die deutsche Fußballgeschichte eingehen wird – als einer der peinlichsten der letzten Jahre. Vor 68.000 Zuschauern im kalifornischen Levi’s Stadium zeigte die DFB-Elf gegen Paraguay eine blutleere Vorstellung, die in einem dramatischen, aber völlig verdienten Aus mündete. Jamal Musialas Anschlusstreffer in der 83. Minute rettete das Team gerade noch in die Verlängerung, doch die Südamerikaner, die zuvor noch nie ein Tor in einem WM-K.o.-Spiel erzielt hatten, behielten vom Punkt die Nerven. Ausgerechnet der Ersatzkeeper Antony Silva parierte den entscheidenden Elfer von Leroy Sané.
Matthäus: „Absolut wütend“ – Abrechnung mit der Einstellung
TV-Experte Lothar Matthäus, selbst Weltmeister von 1990 und einer der schärfsten Kritiker des DFB, ließ kein gutes Haar an der Mannschaft. In seiner Kolumne für die Bild und im Format „Lothar legt los“ rechnete er mit dem gesamten Team ab. Sein Kernvorwurf: Wichtiger als der sportliche Erfolg waren die privaten Annehmlichkeiten der Spieler.
Während auf dem Platz vieles aufgearbeitet werden muss, muss auch das, was außerhalb passiert ist, ein Thema sein. Ich erinnere mich an 1994, da war es ähnlich. Auch dieses Mal war es für viele Spieler wichtiger, welche Mutter im Privatjet mitfliegen durfte und welche nicht, als wie wir den Pokal holen.Lothar Matthäus
Matthäus berichtet von massiven Unruhen in der Kabine, weil die Logistik der Angehörigen ungerecht verteilt gewesen sei: Ein Spieler sei sauer gewesen auf den anderen, weil der eine die Mutter mitbringen durfte, ein anderer die Ehefrau und dann auch noch die Kinder. Einige flogen im Mannschaftsflieger, andere mussten Linienflüge nehmen. „Der Fokus lag nicht auf der WM, sondern auf den freien Tagen mit der Familie“, so der 65-Jährige.
Nagelsmann: „Wir sind aktuell keine erstklassige Mannschaft mehr“
Auch Bundestrainer Julian Nagelsmann zeigte sich nach dem Spiel tief getroffen und selbstkritisch. Vor den Journalisten sagte er: „Wir sind aktuell keine erstklassige Mannschaft mehr. Wir haben über 90 Minuten nicht das gezeigt, was nötig ist, um in einem WM-Achtelfinale zu bestehen.“ Einem in der Nachspielzeit wegen Abseits aberkannten Treffer der deutschen Mannschaft gab er zudem eine Mitschuld am Scheitern – er sprach von einem „Skandal“. Beobachter werteten dies jedoch eher als Ausdruck der eigenen Hilflosigkeit.
Peinlicher Merz-Tweet und der „nächste deutsche Fußball-Albtraum“
Für unfreiwillige Komik sorgte Bundeskanzler Friedrich Merz, der nach Abpfiff auf Social Media postete: „Auch wenn das Aus schmerzt: Was für ein Spiel, @DFB_Team!“ Der Tweet wurde angesichts der blutleeren Vorstellung der Mannschaft von Fans und Medien umgehend als peinlich und realitätsfern verrissen. Die Kolumnistin Marion Horn kommentierte in der Bild: „Der Fußball in Deutschland lebt nur noch vom Ruf der Vergangenheit.“
International dominierte die Schadenfreude. Der Guardian sprach von einer „geopolitischen WM-Demütigung“ und fragte, wo der nächste Toni Kroos herkommen solle. In den sozialen Netzwerken zeigten deutsche Fans mit hängenden Köpfen und nach unten gerichteten Daumen ihre Abscheu – ein jäher Sturz für eine Nation, die viermal den Titel geholt hat.
Drittes WM-Debakel in Folge – was wird aus Nagelsmann?
Das Aus gegen Paraguay markiert den dritten Tiefschlag in Serie für den DFB. Nach dem Vorrunden-Aus 2018 und dem erneuten Scheitern in der Gruppenphase 2022 ist 2026 bereits in der ersten K.o.-Runde Schluss. Die Rufe nach einem radikalen Umbau der Nachwuchs- und Leistungsstrukturen werden lauter. Ob Julian Nagelsmann im Amt bleibt und wie der Verband auf das sportliche und atmosphärische Desaster reagiert, ist offen. Klar ist: Kein Spieler, kein Trainer und kein Verantwortlicher wird sich dieser Debatte entziehen können.





