Nur zwei von zehn Raffinerien unversehrt: Moskau rationiert Benzin
KI-Bild
PolitikDrohnenkrieg

Nur zwei von zehn Raffinerien unversehrt: Moskau rationiert Benzin

Ukrainische Drohnen haben fast alle großen Ölraffinerien im europäischen Russland getroffen. Die Folge: In über 30 Regionen wird Treibstoff rationiert, Präsident Putin räumt erstmals Engpässe ein.

Von den zehn größten Ölraffinerien Russlands sind nur noch zwei unversehrt – und beide liegen tausende Kilometer östlich des Urals, in Omsk und Angarsk. Alle anderen Großanlagen, die das Land mit Treibstoff versorgen, wurden in den vergangenen Monaten Ziel ukrainischer Drohnenangriffe. Die Angriffe haben eine beispiellose Treibstoffkrise ausgelöst, die nun auch die Hauptstadt Moskau erreicht.

Nach einer Analyse des unabhängigen Portals Meduza gibt es im europäischen Teil Russlands keine größere Raffinerie mehr, die nicht mindestens einmal getroffen wurde. Viele Anlagen traf es mehrfach – die Lukoil-Raffinerie in Wolgograd sogar mindestens zehnmal. Die Konsequenzen für die russische Wirtschaft und die Kriegsführung sind dramatisch.

Systematische Zerstörung der Öl-Infrastruktur

Die Welle der Drohnenattacken begann bereits im Herbst 2025 und intensivierte sich im Frühjahr 2026. Betroffen sind unter anderem die Raffinerien in Rjasan, Jaroslawl, Perm, Nischni Nowgorod und Ufa. Selbst die größte Anlage im europäischen Landesteil, Kirischinefteorgsintez bei St. Petersburg, musste nach einem Treffer den Betrieb einstellen. Am 28. Juni wurde die Slawjansk-na-Kubani-Raffinerie im Süden Russlands getroffen, ein zentraler Exporteur von Heizöl und Schiffstreibstoff über das Schwarze Meer.

Besonders schwer wiegt der Ausfall der Moskauer Raffinerie in Kapotnya. Nach einem Drohnenangriff am 18. Juni fällt sie mindestens ein halbes Jahr aus, möglicherweise bis Anfang 2027, wie Reuters unter Berufung auf Branchenkreise meldete. Sie deckt normalerweise rund 40 Prozent des Treibstoffmarkts der Hauptstadtregion ab.

Neue Qualität der Angriffe: Sekundäranlagen im Fadenkreuz

Ein entscheidender Unterschied zu früheren Wellen: Die ukrainischen Drohnen treffen zunehmend nicht nur Lagertanks oder Primärverarbeitungsanlagen, sondern gezielt Sekundäranlagen – Hydrocracker, katalytische Reformer und Isomerisierungsanlagen. Diese sind essenziell für die Produktion von hochwertigem Benzin und Diesel. „Wenn Angreifer wiederholt Anlagen dieser Art treffen, ist der wirtschaftliche Effekt viel größer, als wenn sie nur Lagertanks oder einfache Einheiten treffen“, erklärt Tatiana Mitrova vom Center on Global Energy Policy der Columbia University. Die Reparatur solcher komplexer Technik dauert Monate und wird durch westliche Sanktionen, die die Lieferung von Ersatzteilen blockieren, massiv erschwert, wie Jaroslaw Kabakow von der Investmentgesellschaft Finam der Deutschen Welle sagte.

Die Folgen für die Produktion sind drastisch. Nach Analysen von Energy Intelligence verarbeitete Russland Anfang Juni täglich weniger als vier Millionen Barrel Rohöl – den niedrigsten Stand seit über zwei Jahrzehnten. Rund ein Drittel der gesamten Raffineriekapazität des Landes ist derzeit außer Betrieb. Die Exporte von Erdölprodukten brachen ein: Allein über den Hafen Tuapse sanken sie zwischen Januar und Mai um 73 Prozent, was Einnahmeverluste von geschätzt 1,7 Milliarden Euro verursachte, so das Center for Research on Energy and Clean Air.

Treibstoffkrise trifft Bevölkerung und Militär

In über 30 Regionen gelten Beschränkungen für den Verkauf von Benzin und Diesel. In Moskau begrenzen Gazprom Neft und Lukoil die Abgabe auf 20 bis 30 Liter pro Tankvorgang, das Abfüllen in Kanister ist verboten. Auf der von Russland annektierten Krim wird Superbenzin nur noch per QR-Code zugeteilt, maximal 20 Liter wöchentlich. Selbst in Sibirien, tausende Kilometer von der Ukraine entfernt, berichten Autofahrer von Wartezeiten bis zu 36 Stunden und strikten Mengenlimits.

Die Knappheit macht sich auch beim Militär bemerkbar. Das Institute for the Study of War stellte fest, dass die ukrainischen Angriffe auf Raffinerien in Kombination mit Schlägen gegen Nachschubwege in den besetzten Gebieten zu anhaltenden Treibstoffengpässen bei den russischen Streitkräften führen. Die Versorgung der Fronttruppen werde zunehmend beeinträchtigt.

„Unsere 'Langstreckensanktionen' erreichten zwei Ölraffinerien in Russland. Jeder Treffer bedeutet eine Verringerung der Ressourcen, die die russische Kriegsmaschinerie antreiben, und einen weiteren Schritt in Richtung Frieden.“
Wolodymyr Selenskyj (Präsident der Ukraine)

Präsident Wladimir Putin räumte bei einer Krisensitzung am selben Tag erstmals Treibstoffmangel ein. Er sprach von einem „gewissen Defizit“ und kündigte an, den Luftschutz für Ölanlagen zu verstärken und mehr Treibstoff zu importieren. Gleichzeitig behauptete er, die Angriffe hätten „absolut keine Auswirkung auf die Lage an der Front“. Experten bezweifeln das: Mit der Sommernachfrage durch Landwirtschaft und Reiseverkehr dürfte sich die Krise weiter zuspitzen. Die verbliebenen Raffinerien im Osten allein können die Lücke nicht schließen – und sie selbst sind längst in Reichweite ukrainischer Drohnen geraten, wie der Angriff auf die Anlage in Tjumen zeigte.

Die Strategie Kiews zielt darauf ab, Russlands Öleinnahmen zu schmälern und die Bevölkerung die Kosten des Krieges spüren zu lassen. Sollte die Zerstörungswelle anhalten, steht das Land vor der Frage, wie es die Versorgung eines Flächenstaats im Krieg sicherstellen kann, während die eigenen Raffinerien in Flammen aufgehen.

Umfrage
Lädt
Mehr aus

Politik