496 Fälle in Berlin: Bezirksamt warnt vor Zwangsverheiratungen in den Sommerferien
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496 Fälle in Berlin: Bezirksamt warnt vor Zwangsverheiratungen in den Sommerferien

Kurz vor den Sommerferien warnt das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg vor einer wachsenden Gefahr: Zwangsverheiratungen bei Auslandsreisen. Betroffene Jugendliche zeigen oft vorher Warnsignale – doch viele trauen sich nicht, Hilfe zu suchen.

Warnung vor den Ferien

496 Fälle von vollzogener oder drohender Zwangsverheiratung hat der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung zuletzt 2022 berlinweit ermittelt. 88 Prozent der Fälle ereigneten sich im Ausland, meist während der Schulferien. Jetzt, kurz vor Beginn der Sommerferien am 9. Juli 2026, hat das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg eine offizielle Warnung herausgegeben und ein Schreiben an Schulen und Jugendfreizeiteinrichtungen verschickt.

Die Warnung soll Fachkräfte sensibilisieren: „Viele Betroffene haben schon vor der Abreise eine Vorahnung, trauen sich aber erst spät, jemanden anzusprechen“, so das Bezirksamt. Konkrete Anzeichen seien geäußerte Sorgen oder Ängste vor einer Familienreise, verstärkte Kontrolle durch die Familie oder plötzlicher sozialer Rückzug.

Schutzmaßnahmen für gefährdete Jugendliche

Für den Fall, dass eine Reise unvermeidbar ist, rät das Bezirksamt Betroffenen, Bargeld, Kopien des Passes und Rückflugtickets versteckt mitzuführen, ein funktionierendes Handy dabei zu haben und die Adressen der Deutschen Botschaft im Zielland zu kennen. Kopien aller Dokumente und die genaue Zieladresse sollten bei einer Vertrauensperson in Berlin hinterlegt werden.

Die spezialisierte Hilfsorganisation Papatya empfiehlt zusätzlich die Hinterlegung einer eidesstattlichen Erklärung, dass die Person zurückkehren möchte und Angst vor einer Zwangsverheiratung hat. Kehrt eine Betroffene nach den Ferien nicht zurück, muss sofort eine Beratungsstelle eingeschaltet werden.

Zwangs- und Frühverheiratungen sind Menschenrechtsverletzungen, die wir nicht tolerieren und denen wir uns in Neukölln entschlossen entgegenstellen.
Martin Hikel (Bezirksbürgermeister Neukölln)

Auch das Bezirksamt Neukölln hat eine ähnliche Warnung an Einrichtungen verschickt, wie die WELT berichtet. Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) betonte die Entschlossenheit des Bezirks. Die Bundeskriminalstatistik verzeichnete 2024 deutschlandweit 68 Zwangsheiraten – nach einem Höchststand von 80 Fällen im Jahr 2023. Experten gehen von einem großen Dunkelfeld aus.

Rechtlich ist Zwangsverheiratung seit 2011 ein eigener Straftatbestand (§ 237 StGB) mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe. Seit 2017 werden im Ausland geschlossene Ehen mit Minderjährigen in Deutschland nicht anerkannt. Das Bezirksamt appelliert an Fachkräfte, bei Verdacht sofort den Kindernotdienst (030/61 00 61), den Jugendnotdienst (030/61 00 62) oder den Mädchennotdienst (030/61 00 63) zu kontaktieren.

Wie viele Jugendliche in diesem Sommer tatsächlich betroffen sein werden, ist noch unklar. Der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung plant neue Erhebungen, um dem Problem entgegenzuwirken.

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