Im ersten Halbjahr 2026 war Deutschland das wichtigste Zielland für afghanische Asylsuchende in der EU sowie Norwegen und der Schweiz (EU+). Nach unveröffentlichten Daten der EU-Asylagentur EUAA entfielen 37 Prozent aller afghanischen Anträge in der Region auf die Bundesrepublik. Das sind 51.147 Asylanträge insgesamt – ein Rückgang um 27 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Mit weitem Abstand folgten Antragsteller aus der Türkei und Syrien (jeweils 9 Prozent). EU-weit lag Deutschland auf Platz vier der Asylanträge, hinter Frankreich (65.538), Italien (63.985) und Spanien (53.888). Die EUAA fasst zusammen: „Vier von zehn Afghanen in der EU sind in Deutschland“. Das zeigt die aktuelle Statistik der EU-Asylagentur.
Folgeanträge treiben Zahlen nach oben
Der anhaltende Zustrom wird maßgeblich von Wiederholungsanträgen getragen. Die EUAA konstatiert, dass der scharfe Anstieg afghanischer Asylgesuche im September 2025 „weitgehend durch wiederholte Anträge in Deutschland von afghanischen Frauen ausgelöst wurde, die sich bereits im EU+-Raum aufhielten“. Viele hatten zunächst subsidiären Schutz erhalten und beantragten dann den Flüchtlingsstatus, nachdem die Rechtsprechung klargestellt hatte, dass Frauen aufgrund der Taliban-Restriktionen als schutzberechtigt gelten können.
Im April 2026 waren 36 Prozent aller afghanischen Anträge in der EU+ Wiederholungsanträge – ein Rückgang zum Herbst 2025, aber weiterhin ein hoher Wert. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) waren von Januar bis Mai 2026 bei 18.671 afghanischen Asylanträgen fast die Hälfte Folgeanträge (9.279). Bei Syrern lag der Folgeantragsanteil nur bei 335 von 4.817.
Berlin setzt auf Abschiebeflüge
Parallel zum Rückgang der Erstanträge verschärft die Bundesregierung den Kurs. Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) kündigte an, dass „künftig drei Charterflüge pro Monat möglich“ seien, um afghanische Straftäter abzuschieben. „Wer unseren Schutz missbraucht und hier schwere Straftaten begeht, muss seine Perspektive in seinem Heimatland suchen“, sagte Dobrindt. Anfang Juni 2026 startete ein Charterflug mit 32 verurteilten Afghanen – darunter Männer, die wegen Vergewaltigung, Tötungsdelikten, sexuellen Missbrauchs von Kindern oder Drogenhandels verurteilt worden waren.
Kritik von Menschenrechtlern
Menschenrechtsorganisationen wie Pro Asyl kritisieren die Abschiebungen als „menschenrechtlich verheerend“. Sie sehen in den gesunkenen Asylzahlen kein Ergebnis der Grenzzurückweisungen: Von Mai 2025 bis Ende April 2026 wies die Bundespolizei lediglich 1.346 Asylsuchende an den Binnengrenzen zurück. Die Zahl der Erstanträge war bereits 2024 auf 229.751 und 2025 auf 113.326 gesunken.
Demografisch bilden Afghanen die größte und eine der jüngsten Asylgruppen. Nach Daten der Bundeszentrale für politische Bildung kamen bis März 2026 die meisten Antragsteller aus Afghanistan (5.957), gefolgt von Syrien (3.042). Die Mehrheit ist unter 30 Jahre, die größte Einzelgruppe Kinder unter 16 Jahren.
Deutschland führt nun eine Doppelstrategie: Während Frauen aus Afghanistan weiter Schutz beantragen können, werden verurteilte Straftäter konsequent abgeschoben. Ob die Maßnahmen die Zahl der Folgeanträge senken und wie viele Charterflüge tatsächlich starten, bleibt offen.





