Heime und Kliniken ohne Hitzeschutz
Die Hitzewelle Ende Juni 2026 legte Deutschland lahm: Mit 41,7 °C in Brandenburg und einer Tropennacht von 29,4 °C in Sachsen wurden Rekorde gebrochen. Autobahnen platzten auf, die Bahn fiel aus. Doch besonders traf es die Schwächsten. In Pflegeheimen und Krankenhäusern fehlen flächendeckend Klimaanlagen – nur 14,5 Prozent der neu gebauten Pflegeheime verfügen über eine technische Kühlung.
Die Attributionsforschung der World Weather Attribution kommt zu dem Schluss, dass eine solche Hitzewelle vor 50 Jahren „fast unmöglich“ gewesen wäre. Deutschland erwärme sich durch den Klimawandel schneller als andere Regionen.
Bundesregierung: „Nicht zuständig“
Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge warf der Regierung einen „Totalausfall“ vor und fordert ein Sofortprogramm mit verpflichtenden Klimaanlagen in Pflegeeinrichtungen und Kliniken – kombiniert mit Solaranlagen.
Das Wichtigste wäre, dass man alte Menschen und Kinder besser schützt.Katharina Dröge
Doch die Bundesregierung lehnt jede Zuständigkeit ab. Auf eine parlamentarische Anfrage antwortete sie, die Investitionskostenfinanzierung für Krankenhäuser sei Ländersache, ebenso die Ausstattung von Pflegeheimen. Ein Gesetzesvorhaben des Bundes zur verpflichtenden Klimatisierung existiere nicht, meldet das Deutsche Ärzteblatt.
Die Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Katrin Staffler (CSU), setzt auf nicht-bauliche Maßnahmen: „Bei akuter Hitze helfen Maßnahmen wie morgens stoßlüften, Räume verdunkeln und auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten. Dafür braucht es keine teuren Klimaanlagen“, zitiert BILD.
Milliarden-Stau bei Kliniken und Pflege
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) beziffert den Investitionsstau für wirksamen Hitzeschutz auf 31 Milliarden Euro. DKG-Chef Gerald Gaß kritisiert:
Die Bundesländer kämen schon seit Jahrzehnten nicht mehr ihrer Pflicht nach, die tatsächlich anfallenden Investitionskosten der Krankenhäuser zu refinanzieren.Gerald Gaß
Eine Blitzumfrage des Deutschen Krankenhausinstituts unter 289 Kliniken ergab: 60 Prozent ergriffen keine zusätzlichen Hitzeschutz-Maßnahmen, 96 Prozent nannten fehlende Mittel als Haupthindernis. Sascha Klein, Vizepräsident der Krankenhausgesellschaft NRW, schätzt, dass „höchstens etwa jede vierte Klinik“ bauliche Maßnahmen umsetzen könne.
Wenn die Hitze im Gebäude ist, wird es bei 39 Grad einfach extrem. Aus meiner Sicht hilft dann auch einfach nichts anderes mehr als eine Klimaanlage.Daniel Wörmann, Leiter Seniorenheim St. Barbara
Hitze-Tote und politisches Kalkül
Laut WHO starben in den letzten vier Jahren europaweit mehr als 200.000 Menschen an Hitzefolgen. WHO-Europa-Chef Hans Kluge empfiehlt eine differenzierte Nutzung von Klimaanlagen für Risikogruppen, warnt aber vor flächendeckender Einführung in Privathaushalten.
Die AfD instrumentalisiert das Thema für ihre Anti-Klimaschutz-Agenda. Der baupolitische Sprecher Marc Bernhard sprach davon, Menschen würden „auf dem Altar“ der Klimaideologie „geopfert“. Noch ein Jahr zuvor hatte der gesundheitspolitische Sprecher Martin Sichert Hitzetote heruntergespielt, wie der Guardian berichtet.
Der Konflikt bleibt ungelöst: Der Bund verweigert die Zuständigkeit, die Länder sind finanziell überfordert und die Kommunen klagen über „historisch hohe Haushaltsdefizite“. Ein Bundesgesetz ist nicht in Sicht – und der nächste Hitzesommer kommt bestimmt.





