80 Prozent Vertrauen – Psychologe entschlüsselt das Phänomen Jürgen Klopp
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80 Prozent Vertrauen – Psychologe entschlüsselt das Phänomen Jürgen Klopp

Klopps Ernennung zum Bundestrainer weckt Hoffnung und Skepsis. Warum ihm selbst gegnerische Fans vertrauen, erklärt Wirtschaftspsychologe Joern Kettler – und was Manager daraus lernen können.

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80 Prozent der Kicker-Leser hielten Jürgen Klopp für die richtige Wahl als neuen Bundestrainer. Doch nicht alle teilten die Euphorie. Wenige Stunden nachdem der DFB den 59-Jährigen am 24. Juli 2026 offiziell zum Nachfolger von Julian Nagelsmann ernannte, meldete sich die Fangruppe „Unsere Kurve“ zu Wort: „Bevor man ihn als Messias feiert, sollte man sich erinnern, wie viel Wohlwollen er verspielt hat, besonders unter Dortmund-Fans.“ Auch Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger nannte Klopps Verbindung zu Red Bull ein „absolutes No-Go“.

In dieser Gemengelage veröffentlichte der Wirtschaftspsychologe Joern Kettler im EXPERTS-Circle-Netzwerk von BUNTE.de und FOCUS online eine Analyse, die das Phänomen Klopp aus psychologischer Sicht seziert. Sein Befund: Klopps größter Erfolg liegt nicht in Titeln – Champions League, Premier League, zwei Meisterschaften –, sondern in seiner Fähigkeit, Menschen das Gefühl zu geben: ‚Mit uns ist mehr möglich, als wir gerade glauben.‘ Kettler identifizierte sechs zentrale Erfolgsfaktoren.

Die sechs psychologischen Erfolgsfaktoren

Faktor 1 und 2: Authentizität und emotionale Offenheit. Klopp wirkt echt, nicht perfekt. Er lacht laut, zeigt Emotionen und spricht offen über Belastendes. Die Forschung zur authentischen Führung (Avolio & Gardner) belegt: Solche Führungspersönlichkeiten gewinnen mehr Vertrauen. Der ehemalige Nationalspieler Ilkay Gündogan, der Klopp bei Liverpool erlebte, sagt: „Seine Persönlichkeit, seine Beziehung zu den Spielern, zum Staff, zu jedem – ich glaube, er ist jemand, der wirklich versteht. Er ist sehr fordernd, aber auch authentisch.“ Auch seine emotionale Offenheit schafft Nähe. Statt traditioneller Contenance umarmt er Spieler, lacht mit Journalisten und übernimmt nach Niederlagen Verantwortung.

Faktor 3 und 4: Servant Leadership und transformationale Führung. Sein Führungsstil setzt auf Vertrauen und Wertschätzung, nicht auf Druck. Die Mitarbeiter haben bei ihm das Gefühl, wichtiger zu sein als ihre Fehler – ein Kennzeichen von Servant Leadership. Gleichzeitig vermittelt Klopp Zuversicht. Selbst nach Niederlagen spricht er über Lösungen statt über Schuldige. Diese transformationale Führung motiviert Menschen, über sich hinauszuwachsen, indem sie Sinn und gemeinsame Ziele vermittelt.

Faktor 5 und 6: Das Wir-Gefühl und die zwei Fragen des Gehirns. Klopps Sprache ist geprägt von Wörtern wie „wir“ und „gemeinsam“. Der britische Psychologe Alex Haslam zeigt in seiner Social Identity Theory of Leadership, dass Menschen Führungspersönlichkeiten besonders dann folgen, wenn sie ein echtes Wir-Gefühl schaffen. Und: Die Sozialpsychologin Susan Fiske (Princeton) hat zwei zentrale Fragen identifiziert, die unser Gehirn unbewusst bei der Begegnung mit einer Führungsperson stellt: Ist diese Person kompetent? Meint sie es gut mit mir? Klopp erfüllt beides – er wirkt fachlich stark und gleichzeitig menschlich. Diese Kombination ist selten.

Bei seiner Antritts-Pressekonferenz in der DFB-Zentrale demonstrierte Klopp sofort, warum er polarisiert. Obwohl er erst kürzlich private Einblicke gewährt hatte, warnte er die anwesenden Journalisten ungewöhnlich scharf. DFB-Präsident Bernd Neuendorf lobte: „Er verkörpert Leidenschaft, Glaubwürdigkeit und die Fähigkeit, Menschen zu begeistern.“

Wenn ihr euch danebenbenehmt und meine Familie nicht in Ruhe lasst, bin ich weg. Ich mache den Job, obwohl ich mitbekommen habe, wie ihr mit Julian umgeht.
Jürgen Klopp bei seiner Vorstellung als Bundestrainer am 24. Juli 2026

Beobachter sahen darin eine Widersprüchlichkeit: Klopp selbst hatte während der WM als TV-Experte Nagelsmanns Arbeit kommentiert und die mediale Dynamik mit befeuert. Kritik kam auch von Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger, der Klopps Red-Bull-Verbindung als „absolutes No-Go“ bezeichnete. BVB-Geschäftsführer Carsten Cramer hingegen sagte: „Ich glaube, er verkörpert vieles von dem, was unserem Fußball und unserem Land gerade fehlt.“

Was Führungskräfte von Klopp lernen können

Aus seiner Analyse destilliert Kettler sechs Prinzipien für Führungskräfte aller Branchen: authentisch bleiben, Emotionen zeigen, nicht über Angst führen, Zuversicht vermitteln, ein Wir-Gefühl schaffen und akzeptieren, dass man nicht allen gefällt. Klopp selbst betont: „Die Nationalmannschaft kann uns Deutsche vereinen wie kaum etwas anderes. Genau das macht diese Aufgabe für mich so besonders.“

Klopps größter Erfolg, so Kettlers Fazit, liegt nicht in seinen Titeln, sondern in der Fähigkeit, Menschen das Gefühl zu geben, Teil von etwas Größerem zu sein. Er verkörpere Kompetenz, Ehrlichkeit, emotionale Intelligenz. Vielleicht ist er gerade deshalb so beliebt – nicht weil er perfekt ist, sondern weil er nie versucht, perfekt zu wirken. Ob er die Skeptiker überzeugen kann, wird sein erstes Länderspiel am 24. September gegen die Niederlande zeigen.

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