Vier Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt trifft eine Welle gefälschter Videos Kandidatinnen und Kandidaten von Grünen, SPD, Linkspartei und CDU. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) warnte am 12. August vor der koordinierten russischen Kampagne „Matrjoschka“.
Die Clips unterstellen den Politikern teils absurde Straftaten – von Korruption und Vetternwirtschaft über Drogen und Betrug bis hin zu sexuellen Straftaten, Kindesmissbrauch und Mord. Um Seriosität vorzutäuschen, tragen die kaum eine Minute langen, häufig KI-generierten und oft englischsprachigen Videos Logos etablierter deutscher Medien.
Nach einer exklusiv bei MDR INVESTIGATIV vorliegenden BfV-Analyse zielen die Manipulationswellen seit Ende Juni darauf, eine gesellschaftliche Spaltung zwischen Ost- und Westdeutschland zu befeuern. Seit Juli werden verstärkt Falschbehauptungen über Politiker verbreitet, die bei den anstehenden Kommunal- und Landtagswahlen antreten.
So arbeiten die Fälscher
Auch der Mitteldeutsche Rundfunk selbst ist betroffen: In einem Datensatz fanden sich Fake-Videos mit offiziellem MDR-Logo. MDR-Chefredakteurin Christin Bohmann verurteilte die Fälschung journalistischer Marken als Angriff auf die Glaubwürdigkeit freier Medien.
Die Kampagne ist unter den Namen „Matrjoschka“, „Operation Overload“ oder „Storm-1679“ bekannt. Experten ordnen sie übereinstimmend Russland zu; das BfV spricht von unzulässiger ausländischer Einflussnahme und Informationsmanipulation.
Chronologie der Kampagne
- Ende Juni 2026Start der Manipulationswellen
Laut BfV zielen sie auf eine Spaltung zwischen Ost- und Westdeutschland.
- Juli 2026Verstärkt Falschbehauptungen
Falschbehauptungen über Politiker, die bei Kommunal- und Landtagswahlen antreten.
- 24. Juli 2026338 Posts erfasst
Datensatz von „Antibot4Navalny“ erfasst 338 Posts, 107 davon zur Ost-West-Spaltung.
- August 2026Hashtag „TimeToDivideGermany“
Zahlreiche Beiträge erscheinen unter diesem Hashtag.
- 12. August 2026BfV warnt öffentlich
Das Bundesamt für Verfassungsschutz warnt vor der koordinierten Kampagne.
Bronkalla: „Fake-Videos richtigstellen“
Konkretes Gesicht der Kampagne ist die Landschaftsökologin Leonie Bronkalla aus Dessau, die für die Grünen in den Landtag einziehen will. Gegen sie kursieren online Videos mit Falschinformationen. Sie sagte dem Handelsblatt:
„Das gehört mittlerweile zum Wahlkampf dazu. So wie man plakatieren geht, muss man mittlerweile auch Fake-Videos richtigstellen.“
Stehr: „Ich soll ein Webcam-Model ermordet haben“
Der Linken-Direktkandidat und Weißenfelser Stadtrat Eric Stehr (25) wird in einem KI-Fake-Video unter anderem beschuldigt, seine Großmutter ermordet zu haben; zudem kursieren erfundene Behauptungen über Eifersuchtsmorde und angebliche Sexpartys. Gegenüber dem ZDF sagte Stehr laut Cybernews:
„Ich soll ein Webcam-Model ermordet haben, mit dem mein Freund oder meine Freundin – es wurde beides genannt – fremdgegangen sei.“
Ausmaß: 338 Posts, CDU im Fokus
Ein Datensatz des anonymen russischen Recherchekollektivs „Antibot4Navalny“ erfasst seit dem 24. Juli 2026 insgesamt 338 Posts. 107 davon zielen auf eine Verstärkung der Ost-West-Spaltung. Mehr als ein Viertel der Beiträge stellt Falschbehauptungen über die CDU auf, 65 Posts treffen die Grünen, 41 die SPD, rund ein Dutzend die FDP und drei die CSU.
Beiträge über AfD und BSW sind bislang nicht bekannt – nach Einschätzung des Verfassungsschutzes, weil diese Parteien Positionen vertreten, die den strategischen Interessen Russlands entsprechen.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sagte dem MDR, man habe im Detail im Blick, was da an Falschinformationen versucht werde. Auch wenn die Reichweite derzeit eher gering sei, sei offensichtlich das Ziel, Einfluss auf Politik und Gesellschaft zu nehmen. „Gibt es einen Zusammenhang mit Landtagswahlen? Ich würde sagen, wir haben alle ein gutes Gefühl dafür, dass auch gerade solche Desinformationskampagnen natürlich im Umfeld von Landtagswahlen mit stattfinden.“
Einordnung und Gegenwehr
Der Bund hat das „Gemeinsame Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen“ (GAZ Hybrid) eingerichtet, das eine Arbeitsgruppe zu Desinformation und ausländischer Einflussnahme umfasst. Die Expertin Julia Smirnova vom Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) ordnete die Kampagne als seit 2023 bekannte russische Operation ein, die bereits Wahlen in Armenien und Moldau sowie die Olympischen Spiele begleitete. Das berichtet die FAZ.
Die Kampagne war zuvor bereits bei der Bundestagswahl 2025 aktiv und richtet sich derzeit auch auf die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Ähnliche Fake-Videos hatten zuletzt Berlins Regierenden Bürgermeister Kai Wegner und Kanzler Friedrich Merz getroffen.
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt findet am 6. September 2026 statt. Bis dahin dürfte die Kampagne weiterlaufen – und Kandidaten wie Bronkalla und Stehr bleiben gezwungen, Fälschungen öffentlich richtigzustellen.
