Ex-Bundespolizist warnt vor Bürgerkrieg in deutschen Großstädten
Der ehemalige Bundespolizist Jan Solwyn rechnet mit der Asylpolitik der Bundesregierung ab. Sein neues Buch erscheint vorgezogen nach den Ceuta-Ereignissen.
„Dann haben wir einen Bürgerkrieg in deutschen Großstädten“ – mit dieser Warnung begleitet der ehemalige Bundespolizist Jan Solwyn die Veröffentlichung seines zweiten Buches. Im Gespräch mit der WELT warnt er, dass Europa an der Migration zerbricht.
Solwyn, von 2016 bis 2024 bei Frontex und in Auslandseinsätzen tätig, hatte im Januar 2024 nach 15 Jahren den Dienst quittiert. Sein Buch „Europa zerbricht an seinen Grenzen“ erscheint wegen der Ceuta-Krise vorgezogen bereits am 19. August – ursprünglich war der Termin Ende August.
Ende Juli 2026 wurde die spanische Exklave von rund 70.000 bis 80.000 Menschen aus Marokko überrannt; Dutzende starben, es kam zu Plünderungen. Für Solwyn ist das ein Beleg seiner These.
Solwyns Kernkritik
Der ehemalige Polizeihauptmann rechnet mit dem Asylsystem ab. „Das Asylsystem ist in Wahrheit ein dysfunktionales Einwanderungssystem“, sagt er. Der ursprüngliche Gedanke – Menschen in Gefahr vorübergehend Schutz zu gewähren – sei heute nur noch Theorie.
In Deutschland seien zwischen 200.000 und 300.000 Menschen ausreisepflichtig, so Solwyn. Es handle sich nicht um Flüchtlinge, sondern um illegal Eingereiste, die keinen Fluchtgrund vorweisen könnten und sich weigerten zu gehen.
Seine Forderungen sind radikal: Allen Ausreisepflichtigen müssten sämtliche Sozialleistungen gestrichen werden; wer nicht ausreise, gehöre in Haft. Asylanträge sollten nur noch an den EU-Außengrenzen gestellt werden dürfen, Grenzschutz und Asylverfahren müssten allein bei europäischen Behörden wie Frontex liegen.
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Attacke auf Dobrindt
Besonders hart geht Solwyn mit Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und der CDU/CSU-geführten Regierung ins Gericht. Deren strikter Asylkurs mit Grenzkontrollen und Zurückweisungen täusche Handlungsfähigkeit nur vor.
„Zurückweisungen sind Quatsch. Bereitschaftspolizisten schlagen sich Tage und Nächte um die Ohren, um Menschen zu sagen: Du darfst nicht rein. Sie gehen dann zwei Kilometer weiter über die grüne Grenze“, zitiert ihn der Merkur.
Den entscheidenden Fehler sieht Solwyn in Dobrindts Begründung: Der Minister beruft sich auf eine nationale Notlage. Das liefere anderen EU-Staaten eine Vorlage, Migranten ohne Registrierung nach Norden durchzuwinken.
„Sollten plötzlich 100.000 Migranten mit Booten nach Spanien, Italien oder Griechenland übersetzen, werden sich die Regierungen ebenfalls darauf berufen. Und die Migranten ohne Registrierung nach Norden weiterleiten. Was Dobrindt gemacht hat, wird uns böse auf die Füße fallen.“
Jan Solwyn, ehemaliger Bundespolizist
Zahlen widersprechen der Dramatik
Die Warnungen fallen in eine widersprüchliche Lage. Frontex meldete für die ersten sieben Monate 2026 rund 61.000 irreguläre Grenzübertritte – 37 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.
Auf der zentralen Mittelmeerroute sanken die Übertritte um 55 Prozent, auf der westafrikanischen Route um 60 Prozent. Die westliche Mittelmeerroute verzeichnete dagegen einen Anstieg um 37 Prozent.
Veränderung irregulärer Grenzübertritte nach Routen 2026
Prozentuale Veränderung gegenüber dem Vorjahreszeitraum
Quelle: Frontex, August 2026
Auch in Deutschland gingen die Asylerstanträge im ersten Halbjahr 2026 auf 39.646 zurück – ein Minus von rund 35 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Solwyns Einschätzung, das neue System habe strukturell bereits versagt, ist daher eine politische Bewertung, kein durch Langzeitdaten belegtes Ergebnis.
Bürgerkriegswarnung und GEAS-Kritik
Über die WELT-Überschrift hinaus hält Solwyn für den Fall sehr harter Rückführungsmaßnahmen schwere gesellschaftliche Auseinandersetzungen in Deutschland für möglich. Eine amtliche oder empirisch belastbare Grundlage dafür gibt es laut ms-aktuell nicht.
Auch das seit dem 12. Juni 2026 geltende Gemeinsame Europäische Asylsystem (GEAS) gibt Solwyn keine Hoffnung. „Europa steht genau da, wo es vor zehn Jahren stand. Diese Nebelkerze namens GEAS hat zu keinerlei Verbesserungen geführt“, sagt er im Interview mit der Berliner Zeitung.
„Wir sehen, wie die illegale Migration das Potenzial hat, die EU zu zerstören.“
Jan Solwyn, ehemaliger Bundespolizist
Nach der Ceuta-Krise hatte EVP-Chef Manfred Weber bereits Abschiebezentren in Afrika gefordert. Weber drängt auf rasche Umsetzung. Ob Solwyns Prognosen eintreten, ist offen – die Bundesregierung hält bislang an ihrem Kurs fest.