Merz schweigt zu 14.000 Hitzetoten und SPD drängt auf Grundgesetzänderung
Das RKI meldet mindestens 14.000 Hitzetote. Während Kanzler Merz schweigt, fordert die SPD eine Gemeinschaftsaufgabe Klimaanpassung im Grundgesetz – Grüne nennen das scheinheilig.
14.000 hitzebedingte Todesfälle – und der Bundeskanzler schweigt. Das Robert Koch-Institut (RKI) hat seine Schätzung am Donnerstag zum wiederholten Male nach oben korrigiert: Im neuen Wochenbericht geht das Institut für das bisherige Jahr von mindestens 14.000 Hitzetoten aus, rund 1.500 mehr als noch in der Vorwoche, wie tagesschau.de berichtet.
Damit sind in den ersten sieben Monaten bereits mehr Menschen im Zusammenhang mit Hitze gestorben als in jedem einzelnen Gesamtjahr zuvor. Der bisherige Höchstwert lag 2018 bei etwa 9.000 Fällen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte Mitte Juli lediglich angekündigt, die Lage zu beobachten – passiert sei seither nichts, konstatiert ein dpa-Hintergrundbericht, den Focus Online veröffentlichte. Schon Anfang August hatte jux.news über fast 12.000 Hitzetote und Neubauers Kritik an Merz’ Schweigen berichtet.
Ältere tragen die Hauptlast
Fast 10.500 der bislang erfassten hitzebedingten Todesfälle entfielen auf Menschen ab 75 Jahren; besonders gefährdet sind über 85-Jährige, wie ZDFheute berichtet.
Rund 9.600 der Sterbefälle gehen auf die Rekord-Hitzewelle vom 22. bis 28. Juni zurück, als vielerorts mehr als 40 Grad gemessen wurden. Der Juni 2026 war laut EU-Klimadienst Copernicus der heißeste Juni, der jemals in Westeuropa gemessen wurde.
Fachleute halten selbst die 14.000 für zu niedrig. Hitze wird nur selten als alleinige Todesursache auf Totenscheinen vermerkt, deshalb betrachtet das RKI die Übersterblichkeit während Hitzeperioden.
„Das Robert Koch-Institut fährt eine eher konservative Methodik.“
Karl Lauterbach (SPD), Ex-Gesundheitsminister
Auch der DIVI-Geschäftsführer Uwe Janssens spricht von „sicherlich mehreren Tausend Todesfällen mehr“; auf Totenscheinen stehe oft Organversagen, obwohl die Hitze mitgewirkt habe. Patientenschützer Eugen Brysch fordert, Hitze künftig als Todesursache festzuhalten.
Merz beobachtet – und schweigt
Mitte Juli hatte Merz bei seiner Sommerpressekonferenz angekündigt, die Lage zu beobachten und sich gegebenenfalls öffentlich zu äußern. Passiert sei seither nichts, stellt der dpa-Bericht fest. Focus Online fragt zugespitzt, ob Merz seine Sommerpause hätte unterbrechen müssen.
Für Empörung bei Grünen und Linken sorgt zudem eine Schieflage: Während Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) wegen der gestörten Schifffahrt eine Niedrigwasser-Konferenz einberief, gab es ein Krisentreffen zum Schutz der Menschen in der Hitze nicht.
SPD forciert Grundgesetz – Grünen kontern
Am Sonntag legten die SPD-geführten Ministerien einen gemeinsamen Aktionsplan zum Hitzeschutz vor und forderten, noch vor der nächsten Bundestagswahl eine „Gemeinschaftsaufgabe Klimaanpassung und Naturschutz“ im Grundgesetz zu verankern. Bundesumweltminister Carsten Schneider hatte dies zuvor bereits verlangt, wie Die Zeit berichtet.
Der Plan enthält neben einem nationalen Hitzeaktionsplan auch Vorschläge für Änderungen im Bauplanungsrecht und den Schutz von Beschäftigten. Vizeregierungssprecher Sebastian Hille kündigte interne Koalitionsberatungen an, ließ die Haltung des Kanzlers aber offen.
Die Grünen reagieren scharf: Fraktionschefin Katharina Dröge nennt den Vorstoß „scheinheilig“, weil Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) ausgerechnet bei der kommunalen Klimaanpassung kürze.
„Und deswegen halte ich das ein bisschen für scheinheilig, was er gerade tut.“
Katharina Dröge (Grünen-Fraktionschefin)
Für die Verfassungsänderung braucht es 420 von 630 Stimmen. Auch mit den Grünen bräuchte die Koalition Stimmen der Linken – mit der die Union aber nicht zusammenarbeiten will. Bereits nach 13.100 Hitzetoten hatten Kommunen Verfassungsrang gefordert, wie jux.news berichtete.
Kommunen brauchen Geld – nicht nur Pläne
Der Deutsche Städte- und Gemeindebund betont, die vorhandenen Mittel für den Hitzeschutz seien bei weitem nicht ausreichend. Allein die Ausstattung von Krankenhäusern mit Klimaanlagen erfordere mindestens 20 Milliarden Euro. Nötig sei die Aufnahme einer Gemeinschaftsaufgabe ins Grundgesetz, damit der Bund strukturschwache Kommunen gezielt unterstützen könne.
Der Deutsche Städtetag verweist auf niedrigschwellige Maßnahmen wie die Öffnung klimatisierter Kirchen und Museen an Hitzetagen sowie lokale Beispiele: eine Wassernebel-Dusche in Konstanz, kostenloses Wasserauffüllen in Viersen, Moos-Kühlgestelle in Wittenberg.