Drei Stimmen fehlen der AfD in Sachsen-Anhalt zur absoluten Mehrheit – und keine andere Partei will sie ihr geben. Bei der Landtagswahl am 6. September 2026 kam die AfD auf 43,8 Prozent der Stimmen und stellt im neuen Magdeburger Landtag 39 von 83 Abgeordneten.
Von den 41 Wahlkreisen gingen 38 direkt an AfD-Kandidaten, die drei übrigen Direktmandate holte die Linke in Magdeburg und Halle. Die CDU, 2021 noch mit 40 Direktmandaten, gewann diesmal kein einziges. Für eine absolute Mehrheit sind 42 Sitze nötig, der AfD fehlen also exakt drei.
Die Sitzverteilung lautet AfD 39, CDU 15, SPD 8, Grüne 8, Linke 8, BSW 5. Die CDU halbierte sich auf 17,2 Prozent, die SPD kam auf 9,3 Prozent, die Grünen auf 8,9 Prozent, die Linke auf 8,6 Prozent, das BSW auf 5,3 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 77,8 Prozent.
Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026
Stimmenanteile der Parteien in Prozent
Alle sagen ab – nur das BSW redet mit
Am Abend vor dem 8. September sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Fraktion, Tobias Rausch, in der MDR-Sendung „Fakt ist“: „Morgen bekommt jede im Landtag vertretene Partei von uns einen Brief, wo wir zu Sondierungsgesprächen einladen.“ Am Dienstag verschickte die AfD diese Schreiben mit der Einladung zu „zeitnahen Sondierungsgesprächen“.
CDU, SPD, Grüne und Linke lehnten ab. Die Grünen-Landeschefin Susan Sziborra-Seidlitz nannte es „absurd anzunehmen, dass wir mit der rechtsextremen AfD Gespräche über die Zukunft unseres Landes führen werden“. Die SPD erklärte, es bestehe „keine Grundlage für eine politische Zusammenarbeit“, die Linke sprach von „keiner Gesprächsbasis“. Die CDU lehnt eine Zusammenarbeit mit der „gesichert rechtsextremistischen“ Partei ab.
Einziger Gesprächspartner bleibt das BSW mit fünf Abgeordneten. Der BSW-Landesvorstand beschloss am Mittwochabend, dem 9. September, einstimmig, das Angebot anzunehmen; Themen sollen Energieversorgung, Bildung und Friedenspolitik sein. Landeschef Thomas Schulze sagte: „Wir sind grundsätzlich bereit, mit allen Parteien zu sprechen“, und kritisierte die Absagen der anderen als schlechten politischen Umgang.
Eine Koalition schließt das BSW bislang aus. Spitzenkandidatin Claudia Wittig sagte: „Wir haben immer gesagt, wir gehen in keine Koalition. Wir möchten, dass mit wechselnden Mehrheiten regiert wird.“ Sahra Wagenknecht sagte dem Sender WELT TV, es wäre ein Fehler, mit der AfD eine Regierung zu bilden, und warb für punktuelle Zusammenarbeit sowie einen überparteilichen Ministerpräsidenten.
Stasi-Offizier, Vorstrafen, Neonazi-Netzwerk
Mehrere Redaktionen haben die Biografien der 39 neuen Abgeordneten geprüft. Bei den gewählten Parlamentariern von CDU, Linken, Grünen und BSW sind bislang keine Vorstrafen oder Stasi-Tätigkeiten bekannt – im Überblick über die neuen AfD-Abgeordneten sieht das anders aus.
Frank-Ronald Bischoff (Wahlkreis 16 Wernigerode, 38,0 Prozent) arbeitete zwischen 1977 und 1989 als „Offizier im besonderen Einsatz“ für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR. Der 78-Jährige war nach Medienberichten auch mit Bürgern befasst, die aus der DDR ausreisen wollten. Landesbeauftragter Johannes Beleites sagte, er habe „vielen Menschen schweren Schaden“ zufügen können.
Phillipp-Anders Rau (Wahlkreis 23 Zerbst, 48,1 Prozent) warb im Wahlkampf mit „Sicherheit und Ordnung“, ist aber selbst vorbestraft. 2009 verurteilte ihn ein Gericht wegen Diebstahls zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung, später wegen Urkundenfälschung zu acht Monaten. Mit einem gefälschten Abiturzeugnis – ausgewiesene 1,0 statt tatsächlicher 3,5 – hatte er sich einen Studienplatz erschlichen.
Gegen Sebastian Koch (Wahlkreis 02 Gardelegen-Klötze, 41,5 Prozent) und Simon Lansmann (Wahlkreis 01 Salzwedel, 41,6 Prozent) richteten sich Ende August 2026 Durchsuchungen im Verfahren gegen mutmaßliche Unterstützer der 2023 verbotenen rechtsextremen „Artgemeinschaft“. Ermittler durchsuchten Objekte in fünf Bundesländern, Grundlage war ein Verfahren gegen 15 Personen. Beide wiesen die Vorwürfe über ihre Anwälte zurück.
Ronny Kumpf (Magdeburg IV, 35,6 Prozent) wird im Verfassungsschutzbericht 2023 namentlich erwähnt; zwei seiner Äußerungen richteten sich laut Bericht gegen das Rechtsstaatsprinzip. Andreas Gehlmann (Sangerhausen, 51,4 Prozent) rief 2016 in einer Landtagsdebatte über die Verfolgung Homosexueller laut Protokoll: „Das sollten wir in Deutschland auch machen!“
„Von braun bis kriminell ist alles dabei. Auch ne Art von Volkspartei Charakter.“
Siegmund braucht drei Stimmen von außen
Am 10. September bestätigte die neue Fraktion ihre komplette Führung einstimmig: Siegmund und Kirchner führen die AfD-Fraktion weiter, Rausch bleibt Parlamentarischer Geschäftsführer, Hans-Thomas Tillschneider, Gordon Köhler und Matthias Büttner bleiben Stellvertreter. Gegenkandidaten gab es für keinen Posten.
Der Spitzenkandidat hält an seinem Anspruch fest: „Unser Ziel ist es, eine Regierung zu bilden, die so stabil wie möglich ist. Natürlich regieren wir auch bei einer Stimme mehr.“ Vor der Wahl hatte der 35-Jährige noch Neuwahlen ins Gespräch gebracht; später sagte er, das Szenario der Neuwahl scheue er grundsätzlich nicht.
Auf die Frage, ob es in der CDU Kandidaten gebe, die eine AfD-Regierung stützen könnten, antwortete Siegmund nur: „vielleicht“. Nach MDR-Recherchen schließen 14 von 15 CDU-Abgeordneten einen Seitenwechsel zur AfD aus – obwohl die AfD nach dem Wahlsieg offen um abtrünnige CDU-Abgeordnete wirbt.
Für Aufmerksamkeit sorgte Siegmunds Antwort zur geplanten Ansiedlung des israelischen Rüstungskonzerns Elbit Systems in Sangerhausen. Rüstungsgüter seien nötig, weil man „bei späteren Remigrations- und Abschiebeoffensiven“ entsprechende Hilfsmittel brauche. Bundeskanzler Friedrich Merz nannte das Konzept der „Remigration“ eine „ethnische Säuberung nach Hautfarbe und Herkunft“.
Der neue Landtag tritt am 6. Oktober zusammen
Der Landtag schrumpft von 97 auf 83 Abgeordnete, weil Überhang- und Ausgleichsmandate wegfallen. 41 Abgeordnete sind Direktkandidaten, 42 ziehen über Landeslisten ein. Die konstituierende Sitzung findet nach MDR-Informationen am 6. Oktober 2026 statt – dem spätestmöglichen Termin, 30 Tage nach der Wahl. Geleitet wird sie von der Alterspräsidentin Eva von Angern (Linke).
Bis ein neuer Ministerpräsident gewählt ist, bleibt die bisherige Landesregierung geschäftsführend im Amt. Sven Schulze (CDU) hat einen Regierungsauftrag seiner Partei inzwischen verneint und einen außerordentlichen CDU-Landesparteitag angekündigt, der den Landesvorstand Ende November oder Anfang Dezember neu wählen soll. Die Debatte über eine Minderheitsregierung läuft bereits: Kretschmers Erwartung einer Minderheitsregierung ist Teil davon.
Parallel prüfen die Innenminister von Bund und Ländern, wie besonders sensible Sicherheitsinformationen mit Russland-Bezug geschützt werden können, falls die AfD das Innenministerium besetzt. Sachsen-Anhalts Staatskanzleichef Rainer Robra (CDU) lehnte eine Abkopplung des Landes von sicherheitsrelevanten Informationen ab. Offen bleibt, ob Siegmund bis zur Wahl des Ministerpräsidenten am 6. Oktober überhaupt drei Stimmen findet.
Von der Sonnenwendfeier zur konstituierenden Sitzung
- 1977 – 1989Bischoff arbeitet für die Stasi
Der spätere AfD-Abgeordnete Frank-Ronald Bischoff ist als „Offizier im besonderen Einsatz“ für das Ministerium für Staatssicherheit tätig.
- Juni 2026Private Sonnenwendfeier in der Altmark
Auf dem Hof des AfD-Politikers Simon Lansmann treffen sich Gäste; auch Sebastian Koch nimmt teil. Das Fest wird später zum Auslöser der Durchsuchungen.
- August 2026Durchsuchungen in fünf Bundesländern
Ermittler durchsuchen Objekte von 15 Beschuldigten, darunter Koch und Lansmann. Vorwurf: Fortführung der 2023 verbotenen „Artgemeinschaft“.
- 6. September 2026Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
AfD 43,8 Prozent, CDU 17,2, SPD 9,3, Grüne 8,9, Linke 8,6, BSW 5,3 Prozent. Der neue Landtag hat 83 Sitze.
- 9. September 2026BSW nimmt Sondierungen an
Der BSW-Landesvorstand beschließt einstimmig Gespräche mit der AfD zu Energie, Bildung und Friedenspolitik.
- 10. September 2026AfD-Fraktion konstituiert sich
Siegmund und Kirchner bleiben Doppelspitze, Rausch Parlamentarischer Geschäftsführer. 14 von 15 CDU-Abgeordneten schließen einen Seitenwechsel aus.
- 6. Oktober 2026Konstituierende Sitzung des Landtags
83 Abgeordnete treten zusammen, Alterspräsidentin ist Eva von Angern (Linke). Bis zur Wahl des Ministerpräsidenten bleibt die Landesregierung geschäftsführend im Amt.
