Zehn Tage vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus liegt die Linke erstmals in einer Infratest-dimap-Umfrage vor der regierenden CDU: 21 zu 20 Prozent. Damit hätte die amtierende schwarz-rote Koalition keine Mehrheit mehr – rechnerisch bleiben nur noch Dreierbündnisse.
Am Donnerstag um 18:00 Uhr veröffentlichte die ARD in Köln die Vorwahlumfrage mit den Berliner Werten. Gegenüber dem BerlinTrend vom 2. September legt die Linke um zwei Punkte auf 21 Prozent zu, die CDU verliert einen Punkt auf 20 Prozent, die Grünen fallen um zwei Punkte auf 16 Prozent.
Die SPD gewinnt einen Punkt auf 12 Prozent, die AfD bleibt bei 18 Prozent und wäre drittstärkste Kraft. Das BSW kommt – erstmals in Berlin angetreten – auf 4 Prozent und würde den Einzug ins Abgeordnetenhaus verpassen. Auf sonstige Parteien, darunter die nicht mehr separat ausgewiesene FDP, entfallen 9 Prozent.
Für die Erhebung befragte Infratest dimap von Montag, 7., bis Mittwoch, 9. September 1.527 Wahlberechtigte in Berlin – 896 am Telefon, 631 online; die ARD nennt 1.528 Befragte. Die statistische Schwankungsbreite liegt je nach Anteilswert bei rund zwei Prozentpunkten. Die Umfrage ist keine Prognose, sondern ein Stimmungsbild aus der laufenden Woche.
Die Linke zieht an der CDU vorbei
Für die Linke tritt Spitzenkandidatin Elif Eralp an, für die CDU Finanz- und Kultursenator Stefan Evers. Die Linke, in Berlin inzwischen die mitgliederstärkste Partei der Stadt, liegt in dieser Erhebung erstmals vorn – vor der Partei des Regierenden Bürgermeisters.
Die AfD bleibt bei 18 Prozent und wird drittstärkste Kraft. Weil alle anderen Parteien eine Koalition mit ihr ausschließen, hat sie trotz dieses Ergebnisses keine realistische Machtoption – anders als zuletzt in Sachsen-Anhalt. In Bundesumfragen liegt die AfD seit Wochen auf einem Rekordwert von 27 Prozent.
Sonntagsfrage Berlin: Linke erstmals vor der CDU
ARD-BerlinTrend, Veränderung gegenüber dem 2. September 2026
Schwarz-Rot fehlt die Mehrheit
CDU und SPD kommen zusammen auf 32 Prozent. Die amtierende Koalition hätte damit keine Mehrheit mehr; rechnerisch möglich sind nur noch Dreierbündnisse, entweder unter Führung der Linken oder unter Führung der CDU.
Fragt man die Wahlberechtigten direkt, welche der beiden Führungen sie bevorzugen, ergibt sich ein Patt: Jeweils 42 Prozent sprechen sich für einen von der Linken geführten und für einen CDU-geführten Senat aus. Ohne diese Einschränkung wollen 34 Prozent eine CDU-Führung, 28 Prozent eine Linken-Führung und 19 Prozent eine grüne Führung.
Eine leichte Mehrheit der AfD- und der SPD-Anhänger votiert für eine CDU-Führung. Für einen Linken-geführten Senat spricht sich neben den eigenen Anhängern auch eine Mehrheit der Grünen-Anhänger aus.
Kandidaten, die kaum einer kennt
Keiner der Spitzenkandidaten überzeugt eine Mehrheit. Auf die Frage, wer eine gute Regierende Bürgermeisterin oder ein guter Regierender Bürgermeister wäre, kommen Elif Eralp (Linke) auf 23 Prozent, Stefan Evers (CDU) auf 22 Prozent und Werner Graf (Grüne) auf 11 Prozent.
Bei der Politikerzufriedenheit führt Eralp mit 20 Prozent – ein Anstieg um 12 Punkte gegenüber der Juli-Befragung –, gefolgt von Evers (18), SPD-Kandidat Steffen Krach (16), Graf (10) und AfD-Kandidatin Kristin Brinker (9). Die Kandidaten von AfD und Grünen können rund zwei Drittel der Befragten nicht bewerten.
„Man besiegt die AfD nicht, indem man ihre Forderungen übernimmt.“
Der Satz fällt zehn Tage vor der Wahl und markiert den Schlussakkord des Wahlkampfs: Eralp wirft der Berliner CDU vor, sich nicht eindeutig genug gegen die „in Teilen“ rechtsextreme AfD zu positionieren. Die CDU habe im Bund AfD-Forderungen übernommen – Aussetzung des Familiennachzugs für Syrer, Zurückweisungen an den Grenzen – und sich davon nicht distanziert.
Warum die CDU auf 20 Prozent fällt
Kai Wegner, seit 2023 Regierender Bürgermeister, hatte seine Spitzenkandidatur am 10. Juli zurückgezogen – nach Kritik an seiner Krisenkommunikation infolge des großen Stromausfalls im Februar. Für die CDU tritt nun Evers an, für die Linke Eralp.
Der Vergleich mit der Wiederholungswahl 2023 zeigt das Ausmaß der Verschiebung: Damals kam die CDU auf 28,2 Prozent, SPD und Grüne auf je 18,4 Prozent, die Linke auf 12,2 und die AfD auf 9,1 Prozent. Die FDP scheiterte mit 4,6 Prozent an der Fünf-Prozent-Hürde.
Berliner Abgeordnetenhaus: Ergebnis der Wiederholungswahl 2023
Vergleichswert für die aktuelle Erhebung
Der Endspurt bis zum 20. September
Die Erhebung fand vor dem Bekanntwerden der Vorwürfe statt: Die strafrechtlichen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hannover gegen SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach wegen des Vorwurfs der Bereicherung wurden erst am Mittwochnachmittag bekannt; Krach weist sie „kategorisch“ zurück. Laut der Einordnung des BerlinTrends bei rbb24 hatten sie deshalb weitgehend keinen Einfluss auf die Werte.
Weitere Stimmungsbilder folgen: Für Freitag, 11. September, und Donnerstag, 17. September, wurden Umfragedaten der Forschungsgruppe Wahlen erwartet. Bei den Instituten schwanken die Werte ohnehin – CDU 18 bis 21 Prozent, Linke 19 bis 22 Prozent, die AfD mehrfach bei 18 Prozent, die SPD zwischen 11 und 15 Prozent; FDP und BSW lagen durchgängig unter der Fünf-Prozent-Hürde.
16 Prozent der Wahlberechtigten gaben an, ihre Parteipräferenz könne sich bis zum Wahltag noch ändern; für 68 Prozent steht die Entscheidung fest. Am 20. September wird zeitgleich in Mecklenburg-Vorpommern gewählt, in Berlin dürfen erstmals auch 16- und 17-Jährige abstimmen.
Ob die Linke den knappen Vorsprung hält, entscheidet sich in den letzten zehn Tagen – und in den Erhebungen, die am 11. und am 17. September erwartet werden. Bis dahin gilt für beide Lager: Ohne einen dritten Partner gibt es keine Mehrheit.
Der Weg zur Berliner Abgeordnetenhauswahl
- Februar 2026Großer Stromausfall in Berlin
In der Folge wächst die Kritik am Krisenmanagement des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner.
- 10. Juli 2026Wegner zieht Spitzenkandidatur zurück
Finanz- und Kultursenator Stefan Evers wird Spitzenkandidat der CDU.
- 2. September 2026Voriger BerlinTrend
CDU 21 Prozent, Linke 19, Grüne 18, AfD 18, SPD 11, BSW 4 – der Vergleichswert der neuen Umfrage.
- 7.–9. September 2026Infratest dimap befragt 1.527 Wahlberechtigte
896 Telefoninterviews, 631 Online-Interviews.
- 9. September 2026Ermittlungen gegen Steffen Krach bekannt
Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt wegen des Vorwurfs der Bereicherung; der SPD-Kandidat weist die Vorwürfe zurück.
- 10. September 2026Neuer BerlinTrend veröffentlicht
Linke 21, CDU 20, AfD 18, Grüne 16, SPD 12, BSW 4, Sonstige 9 Prozent.
- 20. September 2026Wahl zum 20. Abgeordnetenhaus
Zeitgleich wird in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Landtag gewählt.
