Carsten Schneider hat Sahra Wagenknecht vor laufender Kamera vorgeworfen, der AfD den Weg an die Macht zu ebnen. In der ARD-Sendung „maischberger“ nannte der Bundesumweltminister die BSW-Gründerin am Dienstagabend die „Steigbügelhalterin der AfD“.
Anlass war die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 6. September, bei der die AfD 43,8 Prozent erreichte und die CDU zweitstärkste Kraft wurde. Mit am Tisch saßen neben Wagenknecht und Schneider der frühere Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sowie die Journalisten Cherno Jobatey, Susann Reichenbach vom MDR und Christoph von Marschall vom „Tagesspiegel“.
„Sie haben das BSW gegründet und haben gesagt, Sie wollen die AfD von der Macht fernhalten. Jetzt sind aber Sie die Steigbügelhalterin von der AfD.“
Der frühere Ostbeauftragte fragte, warum die Thüringer BSW-Abgeordneten ausgetreten sind, und lieferte die Antwort gleich mit: weil sie keine Lust hätten, sich aus Berlin vorschreiben zu lassen, wie sie abstimmen. Wagenknecht nannte solche Vorwürfe „Arroganz“: „Diese Arroganz, ich kann sie nicht mehr ertragen.“
Wagenknecht schließt Siegmund aus – Enthaltung bleibt offen
Umgekehrt machte Wagenknecht die SPD für den Höhenflug der AfD mitverantwortlich: „Sie machen den Menschen das Leben unbezahlbar. Wenn man den Menschen so ins Gesicht schlägt, muss man sich nicht wundern, wenn die Wut im Land wächst.“ Die Sozialdemokraten hätten ihre eigenen Wähler verloren. Von der Migration über explodierende Energiepreise bis zur Rente reichte Wagenknechts Abrechnung mit der SPD-Politik.
Schneider forderte von ihr ein klares Bekenntnis: „Dann schließen Sie doch mal aus, dass Sie den Spitzenkandidaten da zum Ministerpräsidenten wählen“ – gemeint war der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Wagenknecht kam der Forderung nach: „Ich weiß gar nicht, wieso diese Debatte immer aufkommt. Wir haben immer gesagt, dass wir Herrn Siegmund nicht wählen werden.“ Über Siegmund streiten BSW und AfD seit Wochen – Wagenknechts Öffnung für AfD-Gespräche.
Eine Koalition mit der AfD schloss sie ebenfalls aus, ließ bei einer möglichen Wahl Siegmunds aber eine Enthaltung des BSW ausdrücklich offen. Stattdessen warb sie für einen überparteilichen, unabhängigen Ministerpräsidenten – ohne einen Namen zu nennen: „Wenn ich jetzt einen Namen nenne, dann ist er verbrannt.“
Die Brandmauer nannte Wagenknecht „komplett gescheitert“: Bei 43,8 Prozent könne man nicht so tun, als hätten die Wähler „nicht berechtigte Ansichten“. In der AfD gebe es „Leute mit gefährlichen Ansichten“, die früher „wohl eher in der NPD gewesen“ wären – gewählt werde die Partei aber aus Angst, etwa vor Krieg. Wie brüchig die Abgrenzung ist, zeigte schon der BSW-Vorstoß gegen die Brandmauer im August.
Im Magdeburger Landtag sieht Wagenknecht Mehrheiten für „bestimmte Veränderungen“ – etwa eine grundlegende Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks –, die sich auch ohne neuen Regierungschef nutzen ließen. Schneider fasste ihren Kurs so zusammen: „Sie suchen gezielt Mehrheiten mit der AfD. Sie öffnen dieser rechtsextremistischen Partei den Weg“ – laut dem Bericht zu Schneiders Kuschelkurs-Vorwurf.
Dieselpreis Richtung drei Euro – Wagenknecht fordert 1,50 Euro
Der Spritpreis lieferte den zweiten Streitpunkt. Wegen der Nahost-Krise rund um den Iran-Krieg klettert der Dieselpreis in Richtung Drei-Euro-Marke. Schneider geriet zum Auftakt unter Rechtfertigungsdruck und räumte ein, dass im Osten mit geringerer Lohnentwicklung „auch nicht so viel auf dem Konto“ sei: „Man hat einfach keine Reserven.“
Der Minister kündigte Entlastungen an: „Wir werden jetzt etwas tun“, man sei „in der Abstimmung“. Konkret deutete er an: „Bei der Mehrwertsteuer wird es eine steuerliche Komponente geben.“ Zugleich bremste er: Man könne „nicht dauerhaft gegen Weltmarktpreise ansubventionieren“, mittelfristig müsse Deutschland „raus aus Öl und Gas“. Geplant ist eine Mischung aus ordnungspolitischen Eingriffen und steuerlichen Entlastungen.
Wagenknecht forderte – wie es auch die AfD tut – die Senkung aller Steuern und Abgaben auf Benzin und Diesel sowie eine Preisobergrenze von 1,50 Euro pro Liter. Wie das finanziert werden soll, ließ sie offen. „Jeder Gang zur Tankstelle ist ein Horrortrip“, sagte sie und nannte die Entlastungsankündigungen „etwas unglaubwürdig“. Schneider bezeichnete ihr Auftreten als „unverfroren“.
Streit über russisches Gas eskaliert
Beim Thema Energieversorgung eskalierte das Gespräch endgültig. Wagenknecht nannte die Energiepolitik „abgrundtief unehrlich“ und kritisierte den Umstieg von russischem Pipeline-Gas auf amerikanisches Fracking-Gas. Auf Schneiders Nachfrage, warum Deutschland das getan habe, antwortete sie: „Na, weil Sie Sanktionen verhängt haben.“
Schneider wies das als falsch zurück: Es gebe „keine einzige Sanktion auf russisches Gas“, Wladimir Putin habe „den Hahn zugedreht“, um Deutschland zu erpressen. Die Lieferungen über Nord Stream 1 fielen bereits Anfang September 2022 auf null, ein EU-Importverbot für russisches Gas wurde erst 2026 beschlossen. Auf die Frage, ob er wieder russisches Gas kaufen würde, sagte er:
„Nein. Weil ich auf gar keinen Fall unter Moskaus Joch möchte. Vielleicht möchten Sie das?“
Wagenknecht hielt dagegen, die „Russen“ hätten immer wieder Verhandlungen und Gaslieferungen angeboten. Sie bedauerte, dass nur noch ein Strang der Nord-Stream-Pipelines intakt sei – „die anderen wurden ja von unseren ukrainischen Freunden weggesprengt“. Schneider erklärte, das meiste Gas komme leitungsgebunden aus Norwegen, und warnte vor Putins Drohungen, Teile ehemaliger Sowjetstaaten – neben der Ukraine auch die baltischen EU-Staaten – „rauszureißen“.
Der Minister verwies auf eine Reise in die Ukraine vor drei Wochen und auf Menschen, die dort um ihr Überleben kämpften: „Ich weiß nicht, ob Sie schon mal für Ihre Freiheit kämpfen mussten oder nur hier im Studio, wo es schön warm ist, darüber reden.“ Wagenknecht entgegnete, dort würden junge Männer gegen ihren Willen an die Front geschickt, und begründete Putins Krieg auch mit der NATO, die sich „immer weiter an die russische Grenze“ herangerückt sei.
Konträr blieben die Positionen beim Braunkohle-Ausstieg: Schneider beharrte auf dem Enddatum 2038 und verwies auf Deutschlands hohe CO2-Emissionen, Wagenknecht warnte vor dem Aus der deutschen Industrie und forderte „einen Mix, der unserer Industrie eine Überlebenschance gibt“.
Haseloff kritisiert Merz’ fehlenden Draht zum Osten
Der frühere Ministerpräsident Reiner Haseloff, der Sachsen-Anhalt 15 Jahre lang regierte und das Amt im Januar 2026 an Sven Schulze übergab, richtete deutliche Worte an Kanzler Friedrich Merz. Für einen großen Teil der AfD-Stimmen habe Merz als Person eine entscheidende Rolle gespielt: „Der Kanzler kennt den Osten zwar, hat aber noch keinen ausreichenden mentalen Bezug zu den Menschen gefunden und zu ihren Nöten.“
Bis ein neuer Ministerpräsident gewählt ist, bleibt Schulze im Amt – „und das ist gut so“. Dass ein CDU-Abgeordneter dem AfD-Politiker Siegmund seine Stimme gibt, schloss Haseloff aus: „Dann kann er aus der CDU austreten.“ In der Runde sprach er nüchtern von der „Artikulation der Wählerinnen und Wähler“.
Von der Wahl in Sachsen-Anhalt zur ARD-Debatte
- 6. September 2026AfD gewinnt Wahl in Sachsen-Anhalt
Die AfD erreicht 43,8 Prozent und wird stärkste Kraft, die CDU zweitstärkste.
- 15. September 2026„maischberger“ mit Wagenknecht, Schneider und Haseloff
Die ARD-Sendung läuft um 22:50 Uhr im Ersten.
- 15. September 2026Schneider nennt Wagenknecht „Steigbügelhalterin der AfD“
Wagenknecht kontert mit dem Vorwurf der Arroganz und macht die SPD für den AfD-Höhenflug verantwortlich.
- 15. September 2026Wagenknecht schließt Siegmund aus, Enthaltung bleibt offen
Eine Koalition mit der AfD lehnt sie ab, die Brandmauer nennt sie „komplett gescheitert“.
- 15. September 2026Haseloff kritisiert Merz
Der Ex-Ministerpräsident vermisst beim Kanzler den „ausreichenden mentalen Bezug“ zu den Menschen im Osten.
- 16. September 2026Erste ausführliche Berichte erscheinen
Mehrere Medien fassen die Sendung und ihre Folgen zusammen.
Maischberger hatte zur Eröffnung darauf hingewiesen, dass Wagenknecht und Schneider beide in Thüringen geboren sind – es blieb die einzige Gemeinsamkeit des Abends. Gut eine Woche nach der Landtagswahl klafft zwischen Schneiders Brandmauer-Linie und Wagenknechts pragmatischer Öffnung eine Lücke, die auch Haseloffs nüchterne Analyse nicht überbrückt.
Offen bleibt, ob im Magdeburger Landtag überhaupt eine Mehrheit ohne die AfD zustande kommt – und ob das BSW am Ende nur den Saal verlässt, statt für einen Kandidaten zu stimmen. Einen Namen für einen überparteilichen Bewerber nennt Wagenknecht bislang nicht.
