AfD liegt bundesweit neun Punkte vor der Union – Merz greift an
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CDU-Debatte

AfD liegt bundesweit neun Punkte vor der Union – Merz greift an

Der Tagesspiegel-Kommentar von Malte Lehming erklärt, warum die AfD in dem Maße wächst, wie Friedrich Merz sie attackiert. Der Kanzler mache sich damit selbst zum Gejagten und nähre die Opferlegende der Partei.

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Die AfD liegt bundesweit neun Punkte vor der Union — und je heftiger Bundeskanzler Friedrich Merz sie attackiert, desto tiefer fällt seine CDU. Dieses Paradoxon nimmt Kommentar im Tagesspiegel auseinander, den der Tagesspiegel am 16. September veröffentlicht hat.

Ist es nicht seltsam, dass die Zustimmung zur AfD in demselben Maße steigt, wie der Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende auf die Partei eindrischt? Nein, das ist gar nicht seltsam.
Malte Lehming, Autor beim Tagesspiegel

Lehming beantwortet die Frage mit Nein. Die AfD wachse nicht trotz, sondern wegen der Angriffe. Die Partei präsentiere sich seit Jahren als die „bessere Union“ und mache sich damit genau das zunutze, was ihr die CDU entgegenbringe: maximale Aufmerksamkeit.

Wie Merz die AfD angreift

Der Kommentar listet auf, wie der Kanzler gegen die Partei schießt: Merz beschimpft die AfD als „Miesmacher“ und „substanzlos“ und nennt sie eine „Kraft, die Deutschland ruiniert“. Aus dem Kürzel macht er „Abstieg für Deutschland“.

In der Generaldebatte des Bundestags am 9. September warf er ihr Pläne für eine „ethnische Säuberung“ nach Herkunft und Hautfarbe vor. Lehming räumt ein: „Das ist derb, herb, leidenschaftlich. Außerdem hat er recht.“ Doch dann fragt er: „Aber ist es klug?“

Der Autor zitiert die Maxime „Nicht einmal ignorieren“, die Karl Valentin und Karl Kraus gern verwendet hätten. In ihr drücke sich die höchste Stufe der Verachtung aus — selbst Ignoranz sei dem Gegner noch zu viel der Ehre, gewissermaßen „Ignoranz in Potenz“. Merz wisse das nicht: Wann immer es gehe, greife er die AfD frontal an.

In derselben Debatte hielt AfD-Chefin Alice Weidel dem Kanzler entgegen: „Ihre Zeit ist abgelaufen.“

Fleisch vom Fleisch der Union

Für Lehming liegt der Schlüssel in der Selbstbeschreibung der AfD. Die Partei halte CDU und CSU für „zu links, zu grün, zu sehr Establishment“ und sich selbst für die eigentliche konservative Kraft. Bei Wählerwanderungen seien es vor allem Nichtwähler und frühere CDU-Wähler, die zur AfD wechseln. „Die AfD ist Fleisch vom Fleisch der Union.“

Diese Lesart übernehme Merz selbst, wenn er die AfD als „Hauptgegner der Union“ bezeichnet. Damit werte er die in Teilen rechtsextreme Partei zum Kontrahenten auf. Die implizite Botschaft laute: „Wer derart heftig attackiert wird, muss gefährlich sein, also Macht haben.“

Nicht einmal ignorieren? Merz praktiziere das Gegenteil, schreibt Lehming, und werde dadurch „vom Jäger zum Gejagten“. Der Kanzler, der die AfD klein machen wollte, treibe ihr die Wähler zu.

Wie es zu Lehmings Kommentar kam

  1. 6. September 2026
    AfD gewinnt Sachsen-Anhalt

    Die AfD holt 43,8 Prozent, die CDU stürzt von 37,1 auf 17,2 Prozent.

  2. 9. September 2026
    Generaldebatte im Bundestag

    Merz wirft der AfD „ethnische Säuberung nach Herkunft und Hautfarbe“ vor, Weidel erklärt seine Zeit für „abgelaufen“.

  3. 13. September 2026
    Insa-Sonntagstrend

    AfD 29 Prozent, Union 20 Prozent; 78 Prozent der Befragten halten Merz nicht mehr für den richtigen Kanzler.

  4. 16. September 2026
    Tagesspiegel-Kommentar

    Malte Lehming analysiert, warum die Attacken des Kanzlers die AfD stärken.

43,8 Prozent in Sachsen-Anhalt

Als Beleg führt Lehming die Wahlnacht in Sachsen-Anhalt an. Dort habe AfD-Chefin Weidel triumphierend an Merz' Versprechen, die AfD halbieren zu wollen erinnert: „haben wir die CDU halbiert“. „Das saß und drang tief“, schreibt Lehming.

Die Fakten stützen das: Bei der Landtagswahl am 6. September 2026 kam die AfD auf 43,8 Prozent, die CDU stürzte auf 17,2 Prozent. 2021 hatte die CDU noch 37,1 Prozent und die AfD 20,8 Prozent geholt. Die AfD verpasste die absolute Mehrheit (42 von 83 Sitzen) knapp, sie stellt 39 Mandate, die CDU 15.

Landtagswahl Sachsen-Anhalt: Die AfD verdoppelt sich, die CDU halbiert sich

Stimmenanteile in Prozent, 2021 und 2026

Quelle: Landtagswahlergebnisse Sachsen-Anhalt 2021 und 2026

Bundesweit sieht es für den Kanzler nicht besser aus. Im Insa-Sonntagstrend für „Bild“ vom 13. September, der Umfrage zum Neun-Punkte-Vorsprung der AfD, kam die AfD auf 29 Prozent, die Union auf 20 Prozent.

In derselben Erhebung hielten 78 Prozent Merz für den falschen Kanzler, nur 14 Prozent bejahten die Frage. Selbst unter Unionswählern sprachen sich 58 Prozent gegen ihn aus. Eine GMS-Umfrage maß der AfD wenig später erstmals 30 Prozent.

Der Vorwurf an alle Parteien

Lehming betont, dass CDU und CSU mit ihrer Kritik nicht allein stehen: Alle im Bundestag vertretenen Parteien griffen die AfD an, Linke, SPD und Grüne überböten sich „geradezu im Wettbewerb um die knalligsten Vorwürfe“. Sein Fazit: „Nicht einmal ignorieren? Diesen Rat befolgt niemand.“

Merz erreiche mit seinen Attacken weder die Deutschen noch die Wähler seiner eigenen Partei, schreibt Lehming. Der Effekt sei ein anderer: Die Angriffe nährten die Opferlegende der AfD.

Die Partei sehe sich „im Kampf gegen ein Parteienkartell, ein Parteien-Establishment“, umzingelt von „dunklen Mächten, deren Krakenarme bis in den Verfassungsschutz und den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk reichen“. Deren Ziel sei es, die AfD durch Diffamierungen zu zerstören.

Umfrage
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Der Kommentar erscheint in einer angespannten Lage der Union: Nach dem AfD-Erdrutschsieg in Sachsen-Anhalt fordern CDU-Politiker einen Kurswechsel, in Mecklenburg-Vorpommern droht der CDU laut Umfragen der Absturz auf sieben Prozent. Merz soll Berichten zufolge erwogen haben, das CDU-Präsidium am Wahlabend der Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin zu einer „indirekten Vertrauensfrage“ zusammenzurufen.

Am Sonntag wählen Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Verliert die CDU dort erneut deutlich gegen die AfD, steht nicht nur Merz' Strategie der Dauerangriffe zur Debatte — sondern auch, wie lange die Union noch an ihm festhält.