Die erste AfD-geführte Landesregierung Deutschlands soll nach dem Willen von Ulrich Siegmund im November oder Dezember stehen. Im Landtag von Sachsen-Anhalt fehlen seiner Partei dafür mindestens drei Stimmen – und beide möglichen Partner haben bislang abgewinkt.
Siegmund, Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, sagte das am Freitagabend bei einer Kundgebung in Neubrandenburg, zwei Tage vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Er gehe davon aus, dass seine Partei bis Jahresende in Magdeburg regiere, wie die Zeit über Siegmunds Zeitplan berichtet.
„Ich gehe davon aus, dass wir im November oder Dezember die erste AfD-geführte Regierung in ganz Deutschland haben.“
Schon am Freitagnachmittag hatte Siegmund in einem veröffentlichten Video erklärt, es fänden „sehr viele konstruktive Gespräche“ statt, sie seien „allerdings sehr kompliziert“. Als mögliche Partner nannte er „eventuell ... eine Fraktion oder auch von einzelnen Abgeordneten“. Um welche Fraktion oder welche Abgeordneten es geht, ließ er offen.
39 von 83 Sitzen – die Mehrheit fehlt
Die AfD hatte die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September gewonnen und war mit 43,8 Prozent stärkste Kraft in Sachsen-Anhalt – ihr bestes Ergebnis bei einer Landtagswahl überhaupt. Für die absolute Mehrheit reichte es nicht: Sie stellt 39 der 83 Abgeordneten.
Für die Wahl eines Ministerpräsidenten braucht es in Sachsen-Anhalt mindestens 42 Stimmen. CDU, Linke, Grüne und SPD kommen zusammen ebenfalls auf 39 Sitze, das BSW auf fünf. Damit bleiben der AfD zwei Wege: eine Koalition mit dem BSW oder einzelne Abgeordnete der CDU, die zur AfD überlaufen. Nach Einschätzung von t-online.de ist der AfD die CDU-Variante lieber – man sitzt seit Jahren gemeinsam im Landtag.
Sitzverteilung im Landtag von Sachsen-Anhalt
Für eine absolute Mehrheit sind mindestens 42 der 83 Stimmen nötig.
Gespräche nur mit dem BSW
In Sachsen-Anhalt fehlen der AfD für eine eigene Mehrheit drei Stimmen – bislang will nur das BSW mit ihr reden. Der BSW-Landesvorstand hatte am 9. September einstimmig beschlossen, Gespräche mit der AfD aufzunehmen. Als Sondierungsgespräche wollen die fünf BSW-Abgeordneten die Runden ausdrücklich nicht verstanden wissen: Es gehe um Sachfragen und einzelne Projekte; größere Gesprächsrunden sollten in der folgenden Woche folgen.
Eine Koalition mit der AfD und die Wahl Siegmunds zum Ministerpräsidenten lehnt das BSW weiter ab. Bundeschefin Amira Mohamed Ali sagte der „Rheinischen Post“, ihre Partei werde weder einen CDU- noch einen AfD-Kandidaten zum Ministerpräsidenten wählen. Landeschef Thomas Schulze will sich in einem möglichen dritten Wahlgang enthalten.
Kein CDU-Abgeordneter will überlaufen
Bei der CDU setzt die AfD auf einzelne Abgeordnete. Erfolg hatte sie damit bislang nicht: Alle 15 CDU-Abgeordneten schließen einen Überlauf zur AfD aus. Einzelne nannten solche Überlegungen eine „Täuschung der Wählerinnen und Wähler“ oder „parteischädigend, kurz gesagt niederträchtig“. Auch Abgeordnete, die als mögliche Wackelkandidaten gelten, reagierten ablehnend.
AfD-Co-Fraktionschef Oliver Kirchner sprach im Interview mit dem Medium „Compact“ von „zwei, drei oder vier“ Abgeordneten, die der AfD offenstünden, zeigte sich aber skeptisch: „Aber ob's nachher für so'n CDU-Abgeordneten reicht, bei dem Rückgrat, das die haben – das weiß ich nicht.“
Für den Fall des Scheiterns hält Kirchner Neuwahlen für die Lösung: „Dann stehen wir irgendwann bei 55 Prozent, und dann ist hier Schluss mit lustig.“ Die Strategen in Berlin und Magdeburg sehen Neuwahlen dagegen als riskant – der Wahlkampf sei drei Jahre im Voraus geplant gewesen und habe enorm mobilisiert. 350.000 neue Wähler habe die AfD in Sachsen-Anhalt hinzugewonnen, knapp die Hälfte davon frühere Nichtwähler.
Fahrplan: Landtag ab 6. Oktober
Der neue Landtag von Sachsen-Anhalt kommt am 6. Oktober zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen; spätestens dann wird auch das Landtagspräsidium gewählt. Bis zur Wahl eines Nachfolgers bleibt Ministerpräsident Sven Schulze von der CDU mit seiner Landesregierung geschäftsführend im Amt.
Aus dem MDR-Ticker zur Landtagswahl geht hervor, dass die AfD im Vorältestenrat darauf drängt, Siegmund bereits im November zum Ministerpräsidenten wählen zu lassen. Die Partei wollte den Zeitplan nicht kommentieren.
Zusätzlich verlangt die AfD eine andere Sitzordnung im Plenarsaal: SPD, Grüne und Linke sollen an die Ränder rücken, AfD und BSW dagegen in die Mitte. Außerdem fordert sie größere Fachausschüsse mit zwölf statt der von der Landtagsverwaltung empfohlenen elf Mitglieder – damit hätten AfD und BSW dort eine Mehrheit von zwei Stimmen.
Der Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Olaf Meister nannte die Zwölfer-Ausschüsse unzulässig: Andere Fraktionen könnten dann nicht einmal mehr Themen auf die Tagesordnung setzen. Notfalls wollten die Grünen gegen die Regelung klagen. Die rechtliche Zulässigkeit soll geprüft werden.
Von der Wahl zur geplanten Ministerpräsidentenwahl
- 6. September 2026AfD gewinnt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
43,8 Prozent und 39 von 83 Sitzen – die absolute Mehrheit wird verpasst.
- 9. September 2026BSW-Landesvorstand beschließt Gespräche mit der AfD
Einstimmig, aber ausdrücklich ohne Koalitionsabsicht.
- 17. September 2026Alle 15 CDU-Abgeordneten schließen Überlauf zur AfD aus
Auch mögliche Wackelkandidaten reagieren ablehnend.
- 18. September 2026Siegmund nennt November oder Dezember
Bei einer Kundgebung in Neubrandenburg kündigt er die erste AfD-geführte Landesregierung an.
- 20. September 2026Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern
Zwei Tage nach Siegmunds Auftritt in Neubrandenburg.
- 6. Oktober 2026Konstituierende Sitzung des neuen Landtags
Spätestens dann wird auch das Landtagspräsidium gewählt.
- November 2026Geplante Wahl des Ministerpräsidenten
Bis dahin bleibt Sven Schulze (CDU) geschäftsführend im Amt.
Standing Ovations und Protest vor der Halle
Der Auftritt am Freitagabend war das Finale des AfD-Wahlkampfs in Mecklenburg-Vorpommern. Neben Siegmund sprachen die Bundesvorsitzenden Tino Chrupalla und Alice Weidel sowie Leif-Erik Holm, der Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten in Schwerin. Rund 850 Anhänger jubelten im Saal des Hauses der Bildung und Kultur; in der Tiefgarage war ein Public Viewing eingerichtet. Nach Polizeiangaben demonstrierten zeitweise bis zu 1.000 Menschen gegen die Veranstaltung.
Siegmund wurde mit Standing Ovations und „Uli“-Rufen gefeiert und rief den Anhängern zu: „Wir holen unser Land gemeinsam zurück.“ In Mecklenburg-Vorpommern gebe es erstmals die Chance, die CDU aus einem Landesparlament zu werfen.
Chrupalla sagte, Sachsen-Anhalt sei mit einem ersten AfD-Ministerpräsidenten der Anfang: „Wir werden in Mecklenburg-Vorpommern weitermachen.“ Weidel zeigte sich überzeugt, die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern habe Auswirkungen auf Berlin: „Am Sonntag werden wir Geschichte schreiben.“ Holm sagte: „Alles ist möglich, hat Uli bewiesen. Es geht nicht um Umfragen, es geht um Wahlergebnisse.“
Vorwürfe der Opposition und ein offener November
Die Chefin der Linksfraktion in Sachsen-Anhalt, Eva von Angern, wirft dem BSW „Kuschelei und Kungelei“ mit der AfD vor. AfD und BSW hätten sich für die Besetzung des Landtagspräsidiums bereits abgesprochen; das BSW könnte mit AfD-Stimmen künftig einen Vizepräsidenten stellen.
„Sobald es um Macht und Posten geht, macht diese Partei mit der AfD gemeinsame Sache.“
Siegmund selbst hatte vor der Wahl noch erklärt, er wolle nur dann Ministerpräsident werden, wenn seine Partei über eine absolute Mehrheit verfüge. Seine Ankündigung vom 18. September ist davon weit entfernt. Ob er im November die nötigen 42 Stimmen zusammenbekommt, ist offen; scheitert die Wahl, könnten Neuwahlen anstehen, die die AfD-Spitze für riskant hält.
