Ein Satz aus einem Telefonat von 1997 steht am Anfang eines offenen Streits zwischen dem Buckingham-Palast und Dianas Bruder. Charles Spencer (62) hat am 22. September 2026 sein Buch „Swan Song. Diana, meine Schwester“ veröffentlicht – darin behauptet er, König Charles III. (77) habe nach Dianas Tod gesagt, man werde sie „schon bald vergessen“.
Der Palast wies die Darstellung nicht nur zurück, er griff den Autor an. In einer Erklärung hieß es, der Schmerz geschwisterlicher Trauer könne „den Verstand vernebeln, das Urteilsvermögen beeinträchtigen und die Erinnerung auf eine Weise verfälschen, die andere selbst viele Jahre nach einem solchen Verlust nicht wiedererkennen“.
Das Buch erschien im Penguin Verlag, umfasst laut „Bunte“ 384 Seiten und wurde nach Angaben von Penguin Press in zwölf Sprachen übersetzt. In London lag der 28 Pfund (rund 37,43 US-Dollar) teure Band am Erscheinungstag in Schaufenstern, teils zum halben Preis; die frühen Verkäufe waren laut AP „nicht lebhaft“.
Der Palast antwortet binnen 90 Minuten
Die Eskalation begann am 17. September 2026: An diesem Tag veröffentlichte die „Daily Mail“ erste Auszüge, rund eine Woche vor dem offiziellen Erscheinungstermin. Der Palast reagierte laut „Tagesschau“ binnen 90 Minuten – ein Bruch mit dem royalen Grundsatz „Never complain, never explain“.
Dem BBC-Bericht zum Wortstreit zufolge erinnert die Reaktion an die Formulierung „recollections may vary“ (Erinnerungen können abweichen), mit der Queen Elizabeth II. 2021 auf die Rassismusvorwürfe von Prinz Harry und Meghan geantwortet hatte.
Königshausexpertin Emily Nash sagte der „Tagesschau“, die Vorwürfe träfen den König hart – auf dem Thron und mitten in einer Krebsbehandlung.
„Diese Vorwürfe gegen den König sind unglaublich schädigend. Sie sollen an ihm zehren, während er auf dem Thron sitzt, während er sich einer Krebsbehandlung unterzieht. Es wirkt sehr kalkuliert.“
„Es war ein Versuch, mich zu manipulieren“
Spencer wertete die Palast-Erklärung als Versuch der Diskreditierung. Im Gespräch mit dem „Stern“ sagte er:
„Es war ein Versuch, mich zu manipulieren. Man wollte mir einreden, meine Aussagen seien höchst fragwürdig. Es ist beleidigend, wenn die eigenen klaren Erinnerungen infrage gestellt werden, auch wenn das nur indirekt geschehen ist. Die Wortwahl war sehr geschickt.“
Gegenüber der BBC sagte Spencer, er sage die Wahrheit, und fragte mit Blick auf den König: „Ist er wütend? Ist er wütend, oder ist er peinlich berührt?“ Zugleich behauptet er eine Kampagne: „Und dann wurden Leute mobilisiert. Es gibt in England viele Speichellecker des Königshauses, die sich zu Wort meldeten und Dinge gegen mich vorbrachten. So gehen sie immer vor.“
Laut dem Buch habe das Umfeld von Prinz Charles „jahrelang“ eine Kampagne gegen ihn geführt. Ein PR-Agentur-Betreiber habe ihm berichtet, „dass einer der engsten Mitarbeiter des Prinzen häufig mit dem Auftrag kam, Lügen über mich … an die Zeitungen durchsickern zu lassen“. Die „unentwegte Hetzkampagne“ habe seinem Ruf schwer geschadet; Spencer schreibt, er habe mehr als einmal an Suizid gedacht, sich aber wegen seiner Kinder anders entschieden.
Der Fußaufstampfer von 1992 und das Telefonat von 1997
Zu den Passagen, die erst mit dem Erscheinungstag bekannt wurden, gehört eine Szene von der Trauerfeier für Spencers Vater 1992. Der damalige Prinz Charles habe zu dem trauernden Spencer gesagt: „Du hast so ein Glück!“ Auf dessen verwirrte Reaktion habe er ergänzt: „Weil du so früh erbst, meine ich.“ Danach habe er sich „richtiggehend in Rage geredet“, dass er mit 43 Jahren noch immer nichts geerbt habe und von seinen Eltern wie ein kleines Kind behandelt werde.
In dem Buch schreibt Spencer: „Bei diesen Worten stampfte er mit dem Fuß auf, sodass er mich ehrlich gesagt in der Tat an ein kleines Kind erinnerte, und zwar an ein ziemlich bockiges.“ Spencer zeichnet Charles damit als „ewigen Thronfolger“, der keinen Hehl aus seiner Ungeduld gemacht habe, seine Mutter Queen Elizabeth II. zu beerben.
Kern der vorab veröffentlichten Auszüge ist der Streit um den Trauerzug am 6. September 1997. Charles war dafür, dass die Söhne William und Harry hinter dem Sarg ihrer Mutter herlaufen – Spencer dagegen. Das Gespräch eskalierte, Charles sei „ausgerastet“ und habe der Familie Spencer fehlendes Pflichtgefühl vorgeworfen.
Den Schilderungen des Buches zum Telefonat von 1997 zufolge zischte Charles: „Sei versichert, wir werden sie schon bald vergessen.“ Spencer verstand das als Ausdruck von Charles’ „angestauter Verachtung für Diana“ und seines Entsetzens darüber, dass die Welt von ihrem Tod so überwältigt war. Für die Nacht des 31. August 1997 beschreibt Spencer ein weiteres Telefonat: Während andere Anrufer schockiert gewesen seien, habe Charles „geradezu gelöst – wie ein Lottogewinner“ geklungen; er vermutet dahinter eher den Gedanken an eine Heirat mit Camilla als Trauer.
Weitere Buchinhalte betreffen Dianas Bulimie-Erkrankung, ihre Suizidgedanken mit Fahrten zu den Kreidefelsen von Beachy Head, den „Mishcon Note“ ihres Anwalts Lord Mishcon vom 30. Oktober 1995, in dem sie die Angst festhielt, man wolle sie bis April 1996 „ausschalten“, sowie die posthume Rückgabe des Titels „Her Royal Highness“, die Spencer abgelehnt haben will. Auch Charles Spencers Darstellung von Dianas Gewaltausbrüchen steht in dem Band.
Von Dianas Geburt bis zum Buch
- 1. Juli 1961Geburt von Diana Spencer
Diana Spencer wird geboren, die spätere Prinzessin von Wales.
- 29. Juli 1981Hochzeit mit Prinz Charles
Die Trauung findet in der St.-Paul's-Kathedrale statt.
- 1992Trauerfeier für Spencers Vater
Bei der Beisetzung soll Prinz Charles laut dem Buch seinen Neid auf Spencers frühe Erbschaft geäußert und mit dem Fuß aufgestampft haben.
- 31. August 1997Dianas Tod in Paris
Diana stirbt mit 36 Jahren bei einem Autounfall im Seine-Tunnel. In der Nacht soll Charles laut Spencer „wie ein Lottogewinner“ geklungen haben.
- 6. September 1997Beerdigung und Streit am Telefon
William und Harry, damals 15 und zwölf Jahre alt, gehen hinter dem Sarg; zuvor war das Telefonat zwischen Charles und Spencer eskaliert.
- 17. September 2026Erste Auszüge, schnelle Antwort
Die „Daily Mail“ druckt Passagen; der Palast reagiert binnen 90 Minuten.
- 22. September 2026Erscheinungstag
„Swan Song. Diana, meine Schwester“ kommt heraus, weitere Passagen werden bekannt.
Kritik, Familie und die Frage nach dem Motiv
Im Umfeld des Königshauses fand Spencer wenig Unterstützung. Der frühere Kommunikationssekretär des Königs, Julian Payne, sagte der BBC, die dem König zugeschriebenen Worte seien „einfach nicht die Sprache, die ich wiedererkenne“. In der britischen Presse beschrieben Insider den König nach Dianas Tod als „Mann in tiefer Trauer“ und äußerten – in „The Sun“ – Zweifel, ob Spencer seine Vorwürfe „des Geldes wegen“ erhebe.
Spencer weist das zurück: Geld sei nie sein Motiv gewesen. „Ich respektiere die Institution der Krone“, sagt er, „aber wenn ich dieses Buch schreibe, interessiert es mich nicht, wer die Leute im Hinblick auf ihren Status sind.“
Innerhalb der Familie hat Spencer seinen Neffen Harry vorab über das Buch informiert: „Ich kann sagen, dass es für Harry kein Problem ist. Er sagte: ‚Ich hoffe, es steht nichts Peinliches über mich darin.‘ Ich sagte: ‚Tut es nicht.‘“ William soll laut Royal-Insidern dagegen „außer sich vor Wut“ sein. Aussteht außerdem Harrys Friedensangebot an William und Kate vor Dianas 30. Todestag.
In den Rezensionen kam das Buch schlecht weg: Die „Telegraph“ vergab zwei von fünf Sternen und nannte es ein „Monument“ für Spencers Ego statt ein Buch über seine Schwester. Die „Times“ sah eine „Shakespeare’sche Blutfehde zwischen zwei Adelshäusern – ein Montague-gegen-Capulet-Drama in Barbour-Jacken und Tweed“. Der Moderator Piers Morgan drohte wegen Behauptungen im Buch, die er als „Beispiele dreister Falschheit“ bezeichnete, mit einer Klage.
Spencer schreibt, er habe „sehr, sehr viel“ über Charles zu erzählen gehabt, was er nicht getan habe – weitere Enthüllungen sind also möglich. Königshausexpertin Nash erwartet ein „schweres Jahr“ für den König: Im August 2027 jährt sich Dianas Todestag zum 30. Mal. Klären lässt sich der Streit kaum – für das Telefonat von 1997 gibt es keinen unabhängigen Beleg, und Dianas bis 2082 gesperrte Geheimakte bleibt verschlossen.
