Die BSW-Fraktion im Sächsischen Landtag verliert eine Abgeordnete – und ihr Fraktionschef verlangt dafür sofort ihr Mandat zurück. Die 42-jährige Sozialpädagogin Doreen Voigt aus Leipzig hat die Fraktion verlassen und will als fraktionslose Abgeordnete im Dresdner Parlament weitermachen.
Die Fraktion schrumpft damit von 15 auf 14 Mitglieder; nach CDU und AfD bleibt das BSW drittstärkste Kraft. Voigt begründet ihren Schritt mit einer aus ihrer Sicht unzureichenden Abgrenzung zur AfD: „Ich bin angetreten, um die AfD zu verhindern“, sagte sie in dem MDR-Interview zu ihrem Austritt.
„Mit der AfD zu reden und von Argumenten zu überzeugen, ist das eine, aber zusammenzuarbeiten oder gemeinsam abzustimmen, widerstrebt mir.“
Kupke weist die Begründung zurück
BSW-Fraktionschef Ronny Kupke widersprach Voigts Darstellung am Montag deutlich. Die Landtagsfraktion habe „ihre Position gegenüber der AfD nie geändert“, die AfD sei „wie die anderen Parteien im Parlament auch unser politischer Konkurrent“, heißt es in der Pressemitteilung der BSW-Fraktion zu Voigts Austritt.
Zugleich nannte Kupke den Abgrenzungskurs anderer Parteien gescheitert: „Wer bei einem Wahlergebnis von 44 Prozent für die AfD im Nachbarland nicht anfängt, den Umgang mit der Partei zu überdenken, dem ist nicht mehr zu helfen.“ Das war eine Anspielung auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 6. September 2026, bei der die AfD klar stärkste Kraft wurde.
In ihrer Mitteilung hält die Fraktion der AfD vor, sie stehe „für mehr Aufrüstung“, habe „keine klare Position zum Wehrdienst“, mache „Politik für die Reichsten im Land“ und schüre Ressentiments. Das BSW lasse sich „weder von der AfD vereinnahmen noch von anderen Parteien vorschreiben, welche Probleme wir ansprechen dürfen“.
Kupke und Zimmermann fordern das Mandat
Kupke fordert Voigt auf, ihr Landtagsmandat zurückzugeben: „Doreen Voigt hat ihr Mandat über die Landesliste erhalten. Wenn sich ihre Positionen von den Zielen der Partei erheblich entfernt haben, sollte sie den konsequenten Schritt gehen und ihr Mandat zur Verfügung stellen. Das wäre gegenüber den Wählerinnen und Wählern nur fair.“ Voigt war 2024 über Platz drei der BSW-Landesliste in den Landtag eingezogen.
Unterstützung erhielt Kupke von der früheren sächsischen BSW-Landeschefin Sabine Zimmermann, die Voigt vor der Landtagswahl 2024 angeworben und unterstützt hatte. Der Austritt sei für sie „völlig unverständlich“. Voigt habe „die Politik der Fraktion und den inhaltlichen Umgang mit der AfD unterstützt“ und „dem politischen Druck wohl nicht standhalten“ können. Auch Zimmermann verlangte die Mandatsrückgabe.
Voigt betont dagegen, sie sei als Parteilose in die Fraktion eingetreten – ihre Expertise als Sozialpädagogin sei gefragt gewesen – und habe dem BSW nie als Parteimitglied angehört. Den Politikbetrieb habe sie sich anders vorgestellt: „Parteiarbeit ist doch eine andere Arbeit, die ich vorher erlebt habe.“ Bei einigen Themen habe sie die Meinung der Fraktion nicht geteilt.
Sie wolle „keine verbrannte Erde hinterlassen“ und die Landtagsfraktion nicht schädigen, sagte Voigt. Nach Ablauf der Legislatur will sie „gesichtswahrend“ in den normalen Alltag zurückkehren. Inhaltlich setzt sie künftig auf soziale Themen: „Das ist meine Vorstellung von Politik, dass man über Partei- und Fraktionsgrenzen hinaus Politik für die Menschen macht.“ In der Fraktion war sie für frühkindliche Bildung, Inklusion, Integration und Suchtpolitik zuständig.
Austritt am 7. oder am 27. September?
Wann Voigt die Fraktion verlassen hat, ist zwischen ihr und dem BSW strittig. Voigt erklärte dem MDR, sie habe ihren Austritt bereits zum 7. September erklärt; danach habe es noch Gespräche mit der Fraktion gegeben. Die Fraktion selbst datiert das Ausscheiden dagegen auf den 27. September und schreibt das auch in ihrer Pressemitteilung.
Nach Angaben der „Freien Presse“ informierte Voigt den Fraktionsvorstand erst am Montagmorgen, dem 28. September 2026, per E-Mail über ihren Schritt. Erst danach veröffentlichte die Fraktion ihre Mitteilung, und die überregionalen Medien berichteten. Die Differenz zwischen den Daten ist mehr als ein Formfehler: Sie entscheidet mit darüber, ob Voigt die Fraktion hinter sich ließ oder sie vor vollendete Tatsachen stellte.
Von der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bis zum Austritt
- 6. September 2026AfD wird stärkste Kraft in Sachsen-Anhalt
Bei der Landtagswahl erreicht die AfD 39 Sitze, das BSW zieht mit fünf Sitzen ein und wird für Mehrheitsbildungen entscheidend.
- 7. September 2026Voigt erklärt nach eigener Darstellung ihren Austritt
Gegenüber dem MDR gibt Voigt an, sie habe den Schritt bereits zu diesem Datum erklärt; danach folgen weitere Gespräche mit der Fraktion.
- 26./27. September 2026Landesparteitag des BSW in Leipzig
Die Partei präsentiert sich geschlossen und positioniert sich zum Umgang mit der AfD – Bundesgeneralsekretär Ruhnert und Bundesvorsitzende Mohamed Ali treten auf.
- 27. September 2026Von der Fraktion genanntes Austrittsdatum
Die BSW-Fraktion schreibt in ihrer Pressemitteilung, Voigt habe die Fraktion zum 27. September verlassen.
- 28. September 2026E-Mail an den Fraktionsvorstand, dann die Forderungen
Voigt informiert den Vorstand am Montagmorgen; die Fraktion veröffentlicht ihre Mitteilung, Kupke und Zimmermann fordern die Mandatsrückgabe.
- 29. September 2026Die Junge Freiheit greift den Vorgang auf
Unter dem Titel „Abgeordnete verlässt Sachsens BSW-Fraktion wegen AfD-Kurs“ wird der Austritt überregional weiterverfolgt.
Ruhnert: Wer das nicht möchte, ist falsch
Der Austritt fällt unmittelbar hinter den Landesparteitag des sächsischen BSW in Leipzig, auf dem sich die Partei „demonstrativ geschlossen“ präsentiert hatte – für Beobachter war die Nachricht deshalb überraschend. Auf diesem Parteitag gab Bundesgeneralsekretär Oliver Ruhnert die Richtung vor.
„Wenn wir Schnittmengen haben mit der AfD, weil das sinnvoll ist für die Menschen, dann werden wir das tun. Wer das nicht möchte, ist in dieser Partei falsch.“
Bundesvorsitzende Amira Mohamed Ali erteilte einer Koalition mit der AfD in Magdeburg zwar erneut eine Absage, forderte aber, nach Inhalten zu entscheiden und „nicht nach Parteifarbe“ – genau die Haltung, an der sich Voigt stört und die zu dem Ende der Brandmauer zur AfD passt.
Ein Muster: Das BSW verliert Abgeordnete
Der Vorgang ist Teil einer Serie von Austritten und Auflösungserscheinungen beim BSW. Im Nachbarland Thüringen war die Fraktion kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Anfang September 2026 implodiert; die Thüringer Landeschefin Katja Wolf gründete nach einem Dauerkonflikt mit BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht die neue Partei Thüringen.Gerecht, die in der Regierungskoalition an die Stelle des BSW trat – ein Vorgang, der wie der Zerfall der BSW-Fraktion in Thüringen verlief.
In Sachsen-Anhalt kommt dem BSW mit fünf Sitzen in der laufenden Regierungsbildung eine Schlüsselrolle zu. Weder für die AfD mit 39 Sitzen noch für CDU, SPD und Grüne ist ohne das BSW eine Mehrheit möglich – was den Streit über den Umgang mit der AfD zusätzlich auflädt, wie auch das BSW und die AfD beim Landtagspräsidenten zeigen.
Ob Voigt ihr Mandat behält und ob weitere Abgeordnete der Fraktion folgen, ist offen. In Sachsen-Anhalt entscheidet sich in den kommenden Wochen zugleich, ob das BSW seine fünf Sitze für eine Regierung ohne die AfD einsetzt – oder für eine mit ihr.
