Der russische Krieg könnte nach Deutschland zurückkehren – mit Drohnenschlachten über dem Baltikum und ballistischen Raketen auf europäische Großstädte. Vor dieser Gefahr hat Bundeskanzler Friedrich Merz am Donnerstag in Münster gewarnt.
Anlass war die Verleihung des Internationalen Preises des Westfälischen Friedens 2026 an die NATO. NATO-Generalsekretär Mark Rutte nahm die Auszeichnung im Historischen Rathaus entgegen, vor rund 350 geladenen Gästen. Merz hielt die Laudatio, angekündigt als Grundsatzrede zur deutschen Russland-Politik.
Der Ort ist bewusst gewählt: Im Rathaus zu Münster wurden 1648 die Verträge des Westfälischen Friedens ausgehandelt. Merz nutzte die Kulisse für eine Abrechnung mit Moskau – und für einen Appell an die eigene, kriegsmüde Bevölkerung.
„Gelingt es nicht, Moskau Einhalt zu gebieten, dann wird sich die russische Kriegsmaschinerie früher oder später gegen uns, gegen die Nato selbst richten. Vor dieser Gefahr dürfen wir nicht die Augen verschließen.“
Drohnenkampf im Baltikum, Raketen auf Kiew – und auf uns?
Kern der Rede war die Warnung, dass sich der russische Angriffskrieg ausweiten könnte. Merz fragte nicht rhetorisch, sondern benannte drei Szenarien – und lieferte die Antwort auf seine eigene Frage gleich mit.
„Würde dann das Baltikum zu einem Schlachtfeld des Drohnenkampfes wie heute der Donbass? … Würden am Ende auch wir Deutsche das Grauen des Krieges wieder am eigenen Leib zu spüren bekommen?“
„Unsere dringlichste europäische und transatlantische Verantwortung ist heute, mit aller Kraft abzuwenden, dass es so weit kommt“, sagte Merz. Zuvor hatten Merz, Rutte und der niederländische Regierungschef Rob Jetten gemeinsam das 1. Deutsch-Niederländische Korps in Münster besucht, das die NATO-Ostflanke im Baltikum sichert.
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst lobte vor Merz nicht nur die NATO, sondern auch den Kanzler persönlich: „Wo andere gezögert haben, hat der deutsche Bundeskanzler Kurs gehalten.“ Die Süddeutsche Analyse zur Rückkehr des Kriegsgrauens deutet die Rede als Zeichen eines Kanzlers in der Defensive.
„Kein Selbstzweck“: Merz wirbt um die eigene Bevölkerung
Sein Leitmotiv richtete Merz an die eigene Bevölkerung: „Wanken wir in Deutschland, dann wankt Europa. Wankt Europa, dann wankt auch die Ukraine.“ Zum Schluss sagte er: „Kein anderes Land kann uns Deutschen diese Verantwortung abnehmen.“
Die Milliardenhilfen für Kiew seien „kein Selbstzweck“, betonte der Kanzler: Man leiste sie „vor allem anderen, um die Freiheit und die Sicherheit der Menschen in unserem Land zu schützen“. Falle die Unterstützung weg, münde der Krieg in einen „diktierten Frieden“ – mit Massenmigration nach Westen, wie ZDFheute zu den Folgen nachlassender Ukraine-Hilfe berichtet.
Beim NATO-Gipfel in Ankara hatten die Bündnisstaaten der Ukraine je 70 Milliarden Euro für 2026 und 2027 zugesagt – insgesamt 140 Milliarden Euro für die Ukraine. Merz hält an dem Kurs fest, obwohl der Widerstand in Deutschland wächst.
Merz nennt die AfD beim Namen
Scharf wurde Merz gegenüber der AfD, die mit dem Russland-Thema Wahlkampf macht und der eine Nähe zu Moskau vorgeworfen wird.
„Auch in Deutschland werden wir uns nicht spalten lassen, nicht durch hybride Angriffe, nicht durch von Moskauer Bots gesteuerte Hetze in den sozialen Medien und, erlauben Sie mir das zu sagen, nicht durch die Parolen der AfD und ihrer russischen Hintermänner.“
Für diese Sätze gab es laut Wortlautprotokoll starken, anhaltenden Applaus. Einen Tag zuvor hatte NATO-Generalsekretär Mark Rutte auf den AfD-Erdrutschsieg in Sachsen-Anhalt reagiert. Er sagte, Opposition gehöre zur Demokratie. Ruttes Reaktion auf den AfD-Sieg.
Russland beschrieb Merz als „revisionistische, imperiale Expansion“, der es um die „Wiederherstellung einer wahren oder erträumten einstigen Größe“ gehe. Er zog eine Linie von Georgien über die Annexion der Krim und den Donbass 2014 bis zur Vollinvasion vom 24. Februar 2022 und zitierte Putin: „Wo der Fuß eines russischen Soldaten steht, da ist Russland.“
Das Treffen von Außenminister Johann Wadephul mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow am Rande der UN-Vollversammlung in New York sei ein Beleg dafür, dass Gesprächsangebote in Moskau auf taube Ohren stießen. Als Erfolg verbuchte Merz das vom US-Kongress verabschiedete und von Präsident Donald Trump unterzeichnete Graham-Sanktionsgesetz nach dem G7-Gipfel in Évian.
Hybride Angriffe: „auch auf schwere“
Konkret wurde Merz beim Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig/Halle im Sommer 2026, den er als „gefährliche Eskalation mitten in Deutschland“ und zugleich als Ausdruck „wachsender russischer Ratlosigkeit“ wertete.
„Wir stellen uns auf weitere hybride Angriffe ein, auch auf schwere. Kämen sie, dann würden wir wie nach Leipzig schnell und sehr klar antworten.“
Bereits im September hatte Merz mit Blick auf Leipzig erklärt, die Beweislage gegen Russland sei „gerichtsfest“ – Merz' gerichtsfeste Drohnen-Beweise gegen Russland hatten damals für Aufsehen gesorgt.
Rutte bestätigte die Lage in seiner Dankesrede: Russland stelle Europa „immer wieder auf die Probe“ – mit Luftraumverletzungen, Brandstiftung, Sabotage und dem Hybridangriff auf Leipzig. Ziel des Kremls sei, zu spalten und die Ukraine-Hilfe zu beenden. „Bewahren Sie Ruhe! Machen Sie weiter! Unterstützen Sie die Ukraine weiterhin!“ Und: „Wir sind gut positioniert, um jeden Zentimeter Boden zu verteidigen.“
Ein Friedenspreis für ein Militärbündnis
Die Entscheidung, ein Militärbündnis mit einem Friedenspreis zu ehren, war von Beginn an umstritten. Merz räumte ein, der Preis für die NATO bedürfe einer „Erläuterung“, und verteidigte die Ehrung: Das Bündnis sei „zu einer tragenden Säule“ der europäischen Ordnung geworden und bürge seit drei Generationen für Sicherheit und Frieden. Die NATO sei die „Allianz der Freiheit“.
Während der Feierstunde demonstrierten in der Münsteraner Innenstadt Friedensgruppen gegen die Preisverleihung, die Veranstaltung war von hohen Sicherheitsauflagen begleitet. Bereits eine Woche zuvor war im selben Rathaus ein alternativer Westfälischer Friedenspreis an den Verein Connection aus Offenbach vergeben worden, der Kriegsdienstverweigerer und Deserteure unterstützt.
Der Internationale Preis des Westfälischen Friedens ist mit insgesamt 100.000 Euro dotiert und wird seit 1998 alle zwei Jahre vergeben; frühere Preisträger waren Václav Havel, Kofi Annan und Emmanuel Macron. Das Preisgeld der NATO kommt einer gemeinnützigen Organisation in der Ukraine zugute, derselbe Betrag ging an die Dortmunder Jugendorganisation socioMovens. Die Jury leitet Reinhard Zinkann von Miele.
Die NZZ sieht in der Laudatio vor allem eine Botschaft an das eigene Land angesichts der Wahlerfolge von AfD und Linken. Es war Merz' zweite außenpolitische Grundsatzrede 2026 nach seinem Auftritt auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar. Wie Deutschland auf einen weiteren hybriden Angriff reagieren würde, ließ Merz offen – er kündigte lediglich an, dann „schnell und sehr klar“ zu antworten.
