Polizei fahndet nach 148.311 Menschen – 87,3 Prozent ohne deutschen Pass
148.311 Menschen sind in Deutschland mit einem offenen nationalen Haftbefehl ausgeschrieben, 87,3 Prozent von ihnen ohne deutschen Pass. Die Aufschlüsselung des Bundesinnenministeriums verschärft den Streit über Vollzug, Personal und einen Leistungsausschluss für Gesuchte.
148.311 Menschen sind in Deutschland mit einem offenen nationalen Haftbefehl ausgeschrieben – 87,3 Prozent von ihnen haben keinen deutschen Pass. Nur 11,2 Prozent besitzen ausschließlich die deutsche Staatsangehörigkeit. Die Aufschlüsselung der Gesuchten nach Staatsangehörigkeit steht in der Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage des AfD-Abgeordneten Sebastian Münzenmaier, die am 9. Oktober veröffentlicht wurde.
Die Gesamtzahl zum Stichtag 1. Juli 2026 hatte der Parlamentarische Staatssekretär Christoph de Vries bereits am 4. September im Bundestag genannt. Wie viele der Gesuchten sich tatsächlich in Deutschland aufhalten, lässt sich daraus nicht ableiten – vollständige Informationen dazu hat die Bundesregierung nach eigenen Angaben nicht. Für Münzenmaier ist die Nationalitäten-Aufschlüsselung der Beleg für seine These:
„Die überwältigende Mehrheit der mit Haftbefehl gesuchten Straftäter, von denen keiner weiß, was sie treiben, hat keinen deutschen Pass.“
Sebastian Münzenmaier, AfD-Bundestagsabgeordneter
Polizeigewerkschaft beklagt fehlendes Personal
Die Zahlen stammen aus dem Fahndungssystem INPOL-Z, in dem die Länder offene nationale Haftbefehle ausschreiben. 170.667 Fahndungen verteilen sich auf 148.311 Personen – ein Teil der Gesuchten ist mehrfach ausgeschrieben. Vollstrecken müssen die Haftbefehle die Landespolizeien.
Heiko Teggatz, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, sagt, Festnahmen von Gesuchten seien wegen fehlenden Personals bei den Landespolizeien vielfach „Zufallstreffer beziehungsweise Beifang“. Der Deutsche Beamtenbund meldet 631.000 offene Stellen im öffentlichen Dienst.
An den Grenzen greift der Staat dagegen häufiger zu: Seit Beginn der ausgeweiteten deutschen Grenzkontrollen im September 2024 sind nach Angaben des CDU-Innenpolitikers Alexander Throm mehr als 17.500 Menschen mit offenen Haftbefehlen aufgegriffen worden. Throm, innenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, sagt: „Jeder offene Haftbefehl bedeutet ein Sicherheitsrisiko.“
Koalition plant Leistungsausschluss – Plan fehlt
Das 34-Punkte-Reformpaket der Koalition sieht seit dem 1. Juli 2026 einen Aktionsplan von Arbeits- und Innenministerium vor. Kern ist ein Leistungsausschluss im Sozialgesetzbuch: Wer per Haftbefehl gesucht wird, soll keine Grundsicherung mehr bekommen. Voraussetzung dafür ist ein automatisierter Datenabgleich zwischen Fahndungssystem und Jobcentern.
Der Unionsfraktionsvize Günter Krings fordert das seit Langem: „Wer per Haftbefehl gesucht wird und sich vor dem Staat versteckt, darf keinen Cent mehr vom Staat erhalten.“ Der Regierung wirft er vor, den angekündigten Plan nicht geliefert zu haben: „Im Juli sollte Frau Bas dazu einen Plan vorlegen. Nichts davon ist passiert.“
Von den Grenzkontrollen bis zur Aufschlüsselung nach Staatsangehörigkeit
September 2024
Ausgeweitete deutsche Grenzkontrollen
Seit Beginn der Kontrollen werden nach Angaben des CDU-Innenpolitikers Alexander Throm mehr als 17.500 Menschen mit offenen Haftbefehlen an den Grenzen aufgegriffen.
1. Juli 2026
Stichtag der Erhebung
In INPOL-Z sind 170.667 Fahndungen zu offenen nationalen Haftbefehlen erfasst, hinter denen 148.311 Personen stehen.
Juli 2026
34-Punkte-Reformpaket der Koalition
Es sieht einen Aktionsplan von Arbeits- und Innenministerium samt Leistungsausschluss im Sozialgesetzbuch für Haftbefehl-Gesuchte vor.
29. August 2026
Erster Behördenaustausch
Die beteiligten Behörden sprechen erstmals über die Möglichkeiten eines automatisierten Datenabgleichs zwischen Fahndungssystem und Jobcentern.
4. September 2026
Antwort der Bundesregierung im Bundestag
Parlamentarischer Staatssekretär Christoph de Vries nennt zum Stichtag 1. Juli 2026 genau 148.311 Personen mit offenen nationalen Haftbefehlen.
9. Oktober 2026
Aufschlüsselung nach Staatsangehörigkeit
Die Antwort des Bundesinnenministeriums auf die Anfrage Münzenmaier wird veröffentlicht: 87,3 Prozent der Gesuchten ohne deutschen Pass, 11,2 Prozent nur mit deutschem Pass.
Kein Abgleich, keine Zahlen, kein Termin
Am 29. August 2026 tauschten sich die beteiligten Behörden erstmals darüber aus, wie Fahndungsdaten und Jobcenter-Daten automatisiert abgeglichen werden könnten. Umgesetzt ist ein solcher Abgleich nicht. Wie viele der Gesuchten tatsächlich Bürgergeld beziehen, weiß der Bundestag nicht: Zu Haft und Bürgergeldbezug liegen keine Daten vor.
An der Gesamtzahl hat sich kaum etwas geändert: Im Juli 2025 war von 148.000 per Haftbefehl gesuchten Menschen die Rede, zum Stichtag 1. Juli 2026 sind es 148.311. Neu ist allein die Aufschlüsselung nach Pass – sie verlagert den Streit von der Zahl der Haftbefehle auf die Frage, wie der Staat sie vollstreckt.
Ein Termin für den Aktionsplan ist bislang nicht bekannt. Damit steht auch der Leistungsausschluss im Sozialgesetzbuch weiter aus. Ob die Koalition den Streit über die 148.311 Haftbefehle mit einem Datenabgleich löst oder mit mehr Personal für die Länderpolizeien, ist offen.