Der frühere ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba rechnet damit, dass Deutschland in einen Krieg mit Russland hineingezogen wird. „Putin wird euch in einen Krieg hineinziehen“, sagt er in einem Gespräch mit dem WELT-Journalisten Paul Ronzheimer, das in Kiew geführt wurde.
Die Aufnahme erschien am 11. Oktober im RONZHEIMER-Podcast unter dem Titel „Deutschlands großer Putin-Irrtum“. Sie fiel in eine Woche schwerer russischer Angriffe: Am 7. Oktober starben bei einer Angriffswelle auf Energieanlagen und Industrieeinrichtungen in der Ukraine nach ukrainischen Angaben mindestens 32 Menschen.
Einen Tag später kamen bei einem russischen Angriff auf zwei Busse in Kramatorsk im Donbass mindestens 33 Menschen ums Leben. In der englischsprachigen Fassung des Interviews bei POLITICO richtet Kuleba seine Warnung direkt an die Europäer.
„Ja, natürlich könnt Ihr mich für einen traumatisierten, voreingenommenen Ukrainer halten, der die Deutschen in seinen Krieg gegen Russland hineinziehen will. Aber nein, wir müssen Euch gar nicht hineinziehen. Putin wird Euch in einen Krieg hineinziehen.“
Kuleba schließt Verhandlungen aus
Der Ex-Minister glaubt nicht mehr daran, dass Putin zu Verhandlungen oder auch nur einer Kriegspause zu bewegen ist. „Putin ist eine Garantie für Krieg. Wer auch immer nach Putin kommt, ist eine Chance für Frieden", sagt er in der deutschen Fassung des Kuleba-Gesprächs bei WELT.
Als Belege nennt Kuleba die neue Zusammensetzung des russischen Parlaments, steigende Verteidigungsausgaben im Haushaltsentwurf und die russische öffentliche Meinung. Alle drei Felder weisen aus seiner Sicht in dieselbe Richtung: Moskau stellt das Land auf einen langen Krieg ein.
Der russische Präsident selbst hatte am 26. September in St. Petersburg beteuert, Russland plane keinen Kampf mit Europa; Geheimdienste warnten im selben Zeitraum vor wachsender Gefahr. Putins Beteuerung, keinen Kampf mit Europa zu planen widerspricht Kulebas Einschätzung direkt.
Fünf Drohnen statt 400.000 Soldaten
Vor einem Angriff auf NATO-Staaten brauche Russland keine Großoffensive. „Die Wahrheit ist, dass Russland keine 400.000 weiteren Soldaten braucht, um diesen Krieg zu führen. Es braucht fünf Drohnen“, sagt Kuleba. Die Bedrohung lasse sich mit wenigen Mitteln herstellen.
In Russland beobachtet Kuleba eine Kampagne. „Ich sehe auch, wie in Russland die antieuropäische Hysterie immer weiter angeheizt wird. Ich interpretiere das als Vorbereitung auf einen größeren Konflikt mit dem übrigen Europa“, sagt er.
Als Beispiel für wachsende Vorbereitung nennt Kuleba den vereitelten Drohnen-Zwischenfall am Flughafen Leipzig im August 2026. Die Bundesregierung machte Moskau verantwortlich und ordnete eine Überprüfung der Sicherheitsvorkehrungen an sensiblen Standorten an. Kuleba liest das als Test: „Sie sehen, wie Ihr reagiert und ziehen daraus Schlüsse.“
Zwei Monate später, am 5. Oktober, warnte BND-Präsident Martin Jäger bei einer Anhörung des Parlamentarischen Kontrollgremiums im Bundestag, Deutschland könne in einen gewaltsamen Konflikt mit Russland geraten.
Vom Amtsverlust in Kiew bis zum Interview am 11. Oktober
- September 2024Kuleba scheidet als Außenminister aus
Dmytro Kuleba führt seit der russischen Invasion im Februar 2022 die ukrainische Kriegsdiplomatie und verlässt das Amt im September 2024.
- August 2026Drohnen-Zwischenfall am Flughafen Leipzig
Die Bundesregierung macht Moskau verantwortlich und lässt die Sicherheitsvorkehrungen an sensiblen Standorten überprüfen.
- 21. September 2026UN-Kommission warnt vor dem Winter
Eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen erwartet eine weitere Verschlechterung der Lebensbedingungen in der Ukraine.
- 4. Oktober 2026Merz sagt Hilfen in Kiew zu
Bundeskanzler Friedrich Merz sagt rund eine Milliarde Euro Militärhilfe und zusätzlich rund 350 Millionen Euro für die Energieversorgung zu.
- 5. Oktober 2026BND warnt vor Konflikt mit Russland
BND-Präsident Martin Jäger sagt im Parlamentarischen Kontrollgremium, Deutschland könne in einen gewaltsamen Konflikt geraten.
- 7. und 8. Oktober 2026Schwere Angriffswelle auf die Ukraine
Mindestens 32 Menschen sterben bei Angriffen auf Energieanlagen, mindestens 33 bei einem Angriff auf zwei Busse in Kramatorsk.
- 11. Oktober 2026Kuleba-Interview erscheint
Der RONZHEIMER-Podcast veröffentlicht das Gespräch mit Paul Ronzheimer; POLITICO bringt die englischsprachige Fassung.
Härtester Winter seit Kriegsbeginn
Für die Ukraine erwartet Kuleba den härtesten Winter seit Kriegsbeginn. Russland greife nicht mehr nur die Energieinfrastruktur an, sondern auch Wasser- und Abwassersysteme, Medikamenten- und Lebensmittellager sowie Supermarkt-Lagerhäuser.
„Sie wollen nicht einfach nur dafür sorgen, dass in der Ukraine das Licht ausgeht. Sie wollen das Land lahmlegen.“
Kuleba ordnet die Angriffe als Folge des militärischen Stillstands ein: „Die Bombardierung der Städte ist eine direkte Folge davon, dass Russland daran gescheitert ist, die Ukraine auf dem Schlachtfeld zu besiegen." Der Kreml greift seit Wochen gezielt Kiews Brücken und ukrainische Städte an.
Als schlimmstes Szenario beschreibt Kuleba den Zusammenbruch der Versorgungssysteme, die das Leben in einer Großstadt ermöglichen: Strom, Wasser, Kanalisation. Einen vollständigen Zusammenbruch hält er dennoch für unwahrscheinlich.
„Ich glaube, die Ukraine ist zu groß, zu beweglich und zu anpassungsfähig. Deshalb denke ich, dass wir diesen Winter überstehen werden. Aber der Preis dafür wird sehr viel höher sein als im vergangenen Jahr“, sagt er. Mitte September hatte eine UN-Untersuchungskommission bereits vor einer weiteren Verschlechterung der Lebensbedingungen gewarnt.
Reicht die Milliarde aus Berlin?
Berlin hat nachgelegt: Bundeskanzler Friedrich Merz sagte bei seinem Besuch in Kiew am 4. Oktober ein militärisches Hilfspaket von rund einer Milliarde Euro zu, zusätzlich rund 350 Millionen Euro für die ukrainische Energieversorgung. Der Besuch stand im Zeichen der Luftverteidigung: Merz sagte Kiew Tausende Abfangdrohnen zu.
Offen ist, ob die Milliarde aus Berlin und die 350 Millionen Euro für die Energieversorgung reichen, um Strom, Wasser und Kanalisation in den Großstädten durch den Winter zu bringen. Kuleba sagt: Überstehen werde die Ukraine den Winter – aber zu einem Preis, der weit über dem des vergangenen Jahres liegt.
