Gregor Gysi hat den Streit um den Israel-Kurs der Linken in die eigene Partei getragen. Bei der stern Stunde im KörberForum Hamburg zog der Bundestagsabgeordnete am 12. Oktober eine Grenze: Wer das Existenzrecht Israels bestreite, habe in der Linken nichts zu suchen.
Im Gespräch mit stern-Chefredakteur Gregor Peter Schmitz markierte Gysi die rote Linie der Linken im Israel-Palästina-Konflikt. Mitgast des Abends unter dem Titel „Wie gerecht ist Deutschland?“ war die JU-Bundesschatzmeisterin und CDU-Influencerin Clara von Nathusius.
„Wer das Existenzrecht Israels bestreitet, gehört nicht in die Linke.“
Warnung an die Wortführer der eigenen Partei
Gysi richtete den Satz auch gegen die eigene Partei: Er warne vor „Hardlinern“ in den eigenen Reihen, wie die Jüdische Allgemeine über die Warnung vor Hardlinern berichtet.
„Manchmal habe ich den Eindruck, die Wortführer wünschen sich, dass der Staat Israel verschwindet.“
Ein sicheres Israel, ein souveränes Palästina
Gysi verknüpft die rote Linie mit der Zukunft seiner Partei. „Wenn die Linke das Existenzrecht Israels infrage stellte, wäre das das Ende“, sagte er. Die Abgrenzung von Israel-Gegnern ist bei ihm deshalb keine Nebenbemerkung.
Zugleich fordert Gysi eine Zwei-Staaten-Lösung: Ein sicheres Israel gebe es nur neben einem souveränen Palästina. Den israelischen Siedlungsbau kritisierte er deutlich. Für die Linke ist das seit dem Parteitag im Juni 2026 die offizielle Linie – das Bekenntnis zum Existenzrecht Israels und Palästinas.
Die Partei ringt seit dem 7. Oktober 2023
Der Satz trifft eine Partei, die seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 um ihren Israel-Kurs ringt. Mehrere Landesverbände und die Linksjugend gerieten in die Kritik. Im März 2026 forderten Mitglieder in einem Brandbrief eine Antirassismus-Schulung für Gysi – Auslöser waren seine Äußerungen zum „spezifischen Migrationshintergrund“.
Die Linke und der Streit um Israel
- 7. Oktober 2023Hamas-Massaker in Israel
Der Angriff wird zum Ausgangspunkt der anhaltenden Israel-Debatte in der Linkspartei.
- 17. März 2026Brandbrief gegen Gysi
Parteimitglieder fordern wegen seiner Äußerungen zum „spezifischen Migrationshintergrund“ eine Antirassismus-Schulung für ihn.
- 28./29. März 2026Abgrenzung von Israel-Gegnern
Gysi, Bartsch und Ramelow erklären in einem Gastbeitrag, wo für sie in der Partei die Grenze verläuft.
- Juni 2026Parteitag bekennt sich zu zwei Staaten
Der Bundesparteitag bekennt sich zum Existenzrecht Israels und Palästinas im Sinne einer Zwei-Staaten-Lösung.
- 8. Oktober 2026Berliner Vereinbarung gegen Antisemitismus
Linke, Grüne und SPD verständigen sich in Berlin auf ein gemeinsames Vorgehen.
- 12. Oktober 2026Gysi zieht die rote Linie
Bei der stern Stunde in Hamburg sagt Gysi, wer das Existenzrecht Israels bestreite, gehöre nicht in die Linke.
In Berlin hängt eine Koalition daran
Die Debatte reicht bis in die Regierungsbildung. In Berlin sondieren Linke, SPD und Grüne über eine Koalition; ein erstes Vorgespräch war nach fünf Stunden ergebnislos geblieben. SPD und Grüne fordern Garantien von der Linken.
Der Zentralrat der Juden hatte SPD und Grüne vor einer Koalition mit der Berliner Linken gewarnt. Am 8. Oktober verständigten sich Linke, Grüne und SPD in Berlin auf ein gemeinsames Vorgehen gegen Antisemitismus – vier Tage später saß Gysi in Hamburg auf dem Podium.
Der Streit um Antisemitismus reicht über die Linke hinaus. Für Markus Lanz ist Antisemitismus ein Problem der ganzen Gesellschaft, nicht einer einzelnen Partei.
In Berlin laufen die Sondierungen weiter. Ob die Linke Gysis rote Linie in den eigenen Reihen durchsetzt, wird die SPD und die Grünen mehr interessieren als jeder Podiumssatz – eine Entscheidung über eine Koalition steht noch aus.
