Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron weichen das Verbrenner-Aus in der EU weiter auf. Am Rande des EU-Gipfels in Brüssel einigten sich beide am 15. Oktober auf eine gemeinsame Position zur europäischen Automobilpolitik.
Die Einigung beruht auf einem vierseitigen Positionspapier. Der Bericht des Handelsblatts über den Autopakt nennt die Eckpunkte: Deutschland erhält mehr Flexibilität bei den CO2-Flottengrenzwerten, Frankreich bekommt strengere „Made in Europe“-Vorgaben. AFP bestätigte die Einigung unter Berufung auf Diplomatenkreise.
Aus der deutschen Koalition kommt noch am selben Tag Widerspruch: Zwei SPD-Minister legen Merz in einem Brief ein schärferes Ziel vor. Der Streit darüber, wie weit sich die EU vom Verbrenner-Aus entfernen darf, ist damit nicht beigelegt.
Der Weg zum deutsch-französischen Autopakt
- 16. Dezember 2025EU-Kommission legt Reformpaket vor
Das CO2-Reduktionsziel für Neuwagen ab 2035 soll von 100 auf 90 Prozent sinken; die restlichen zehn Prozent sollen über CO2-armen Stahl und erneuerbare Kraftstoffe kompensiert werden.
- 4. März 2026Entwurf des Industrial Accelerator Act
Der Entwurf sieht Herkunfts- und Nachhaltigkeitsanforderungen bei öffentlichen Ausschreibungen und Förderprogrammen vor.
- Juni 2026Sieben Länder warnen vor einer Lockerung
Frankreich und sechs weitere EU-Staaten setzen sich gegen eine Aufweichung des Verbrenner-Aus ein und warnen vor einem strategischen Fehler.
- 12. Oktober 2026Macron empfängt die Autokonzerne
Am Vorabend des Pariser Autosalons trifft der französische Präsident rund zwanzig Konzernchefs im Élysée-Palast und tauscht sich auf dem Messegelände erneut mit ihnen aus.
- 14. Oktober 2026ACEA drängt auf Fortschritte
Der europäische Herstellerverband fordert rasche Fortschritte beim EU-Automobilpaket und hofft auf eine Einigung Anfang 2027.
- 15. Oktober 2026Merz und Macron besiegeln den Pakt
Am Rande des EU-Gipfels in Brüssel einigen sich beide auf eine gemeinsame Position. AFP bestätigt die Einigung unter Berufung auf Diplomatenkreise.
Mehr Spielraum bei den Flottengrenzwerten 2030
Bei den Flottengrenzwerten 2030 erhalten die Hersteller nach dem Papier mehr Flexibilität. Überschreitungen im Jahr 2030 dürfen durch Einsparungen im Jahr 2031 ausgeglichen werden. CO2-Guthaben können die Hersteller bereits ab 2029 ansammeln.
Für Plug-in-Hybride wird die Treibhausgasberechnung günstiger als von der EU-Kommission geplant. Die Kommission hatte im Dezember 2025 vorgeschlagen, das Reduktionsziel für Neuwagen ab 2035 von 100 auf 90 Prozent zu senken. Die restlichen zehn Prozent sollten über CO2-armen Stahl und erneuerbare Kraftstoffe ausgeglichen werden.
CO2-Reduktionsziel für Neuwagen 2035 im Vergleich
Angaben in Prozent der Emissionen von 2021
Merz verteidigt den Deal als technologieoffen
Merz begründet die Lockerung mit dem Erhalt der Arbeitsplätze. Die Klimaziele sollen technologieoffen erreicht werden, sagt der Kanzler: „Aber wir wollen sie technologieoffen erreichen. Wir wollen sie mit einer Mobilität erreichen, die auch die Arbeitsplätze in Europa und insbesondere in der deutschen Automobilwirtschaft erhält.“
Rückendeckung kommt von der FDP. Der Europaabgeordnete Jan-Christoph Oetjen sieht in der Flexibilität einen Vorteil für die ganze Branche: „Flexibilität für die Automobilhersteller und Technologieoffenheit bei der Erreichung unserer Klimaziele hilft nicht nur den Herstellern, sondern auch den Zulieferern.“
Widerstand aus dem eigenen Kabinett
Im eigenen Kabinett stößt der Kurs auf Ablehnung. Umweltminister Carsten Schneider und Finanzminister Lars Klingbeil, beide SPD, schlugen Merz in einem Brief vom 15. Oktober ein 95-Prozent-Ziel vor. Die verbleibenden fünf Prozent sollten über grünen und recycelten Stahl aus Europa ausgeglichen werden.
Eine Lockerung unter 90 Prozent lehnen die beiden Minister ab. Der Brief fällt auf denselben Tag wie die Einigung in Brüssel – die Koalition vertritt in der zentralen Industriepolitik damit zwei unterschiedliche Positionen.
Grüne und Verbände sehen einen Bremsklotz
Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katharina Dröge kritisiert den Pakt scharf. Sie sagte, die Einigung belaste die deutschen Automobil-Standorte zusätzlich:
„Bundeskanzler Friedrich Merz schafft mit dem Verbrenner-Deal einen zusätzlichen Bremsklotz für die deutschen Automobil-Standorte.“
Die Mobilitätsreferentin Susanne Goetz von der Organisation Transport & Environment Deutschland hält den Deal für einen Irrweg. Deutsche und französische Politiker gäben vor, Arbeitsplätze retten zu wollen; tatsächlich könne er den Niedergang der europäischen Automobilindustrie besiegeln, so Goetz.
Der Grünen-Europaabgeordnete Michael Bloss setzt dagegen auf den Ausbau der Elektromobilität: „Eine Zukunft hat die Autoindustrie nur, wenn wir in Europa gute und günstige E-Autos bauen.“
Wie es weitergeht
Der europäische Herstellerverband ACEA hatte bereits am 14. Oktober rasche Fortschritte beim EU-Automobilpaket gefordert und auf eine Einigung Anfang 2027 gehofft. Kanzler Merz rechnet erst im Frühjahr 2027 mit dem Reformpaket.
Der Pakt fügt sich in eine breitere Linie: Merz und Macron hatten Anfang Oktober einen Vorstoß gegen chinesische Firmen im Binnenmarkt auf den Weg gebracht. Am 16. Oktober berichteten deutsche und internationale Medien breit über die Einigung; Umweltverbände und Grüne kritisierten sie, FDP und Autoindustrie begrüßten sie.
Entschieden ist damit nichts. Ob die EU-Kommission den Vorstoß übernimmt, fällt wohl erst mit dem Reformpaket im kommenden Jahr. Im Juni 2026 hatten sich Frankreich und sechs weitere EU-Länder noch gegen eine Lockerung gestellt und vor einem strategischen Fehler gewarnt – ob sie dem Pakt nun folgen, ist offen.
