Nato-General hält Großangriff Russlands für unwahrscheinlich
Bild: KI-generiert
Sabotage statt Panzer

Nato-General hält Großangriff Russlands für unwahrscheinlich

US-General Alexus Grynkewich erklärt im SPIEGEL-Interview, die Nato sei Russland konventionell weit überlegen – und nennt Sabotage die eigentliche Bedrohung. Den Leipziger Drohnenanschlag nennt er eine Grenzüberschreitung.

Veröffentlicht
JUX auf Google folgen

Die Nato würde in einem Großkonflikt militärisch deutlich überlegen sein – das sagt ihr oberster Befehlshaber selbst. US-General Alexus Grynkewich erklärte im SPIEGEL-Interview, die Fähigkeiten, die das Bündnis zum Einsatz bringen würde, übertreffen die Moskaus „bei Weitem“. Einen großangelegten konventionellen Angriff Russlands auf Europa hält er deshalb für unwahrscheinlich.

Was Moskau fehlt, benennt der Vier-Sterne-General konkret: moderne F-35-Kampfjets sowie die Masse an modernen Zerstörern und U-Booten. Das Gespräch führte er gemeinsam mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer. Es erschien in der SPIEGEL-Ausgabe 43/2026 und wurde am 16. Oktober veröffentlicht.

Damit widerspricht Grynkewich der Linie jener Berichte, wonach Putin einen begrenzten Nato-Angriff erwägt. Der General setzt auf konventionelle Abschreckung – und beschreibt, wohin Putin stattdessen ausweicht.

Putin bleibt nur noch die Sabotage

Statt Panzern nennt der Nato-Oberbefehlshaber Sabotage als eigentliche Bedrohung. „Putin greift zu anderen Methoden, Sabotage zum Beispiel, weil er keine anderen Optionen hat“, sagte Grynkewich dem SPIEGEL. Die konventionelle Abschreckung ist aus seiner Sicht genau der Grund dafür.

Den Begriff „hybride Angriffe“ weist er als zu vage zurück: Die Nato müsse die Taten benennen – und habe klare Antworten darauf.

„Wir müssen die Dinge beim Namen nennen: Sabotage, Brandstiftung oder Terrorattacken sind präzise Begriffe, es gibt klare Antworten darauf. Das hybride Angriffe zu nennen, ist mir zu vage.“
Alexus Grynkewich, Nato-Oberbefehlshaber Europa (SACEUR)

Wie konkret die Bedrohung ist, zeigt der Fall Leipzig. Anfang August wurde im Sicherheitsbereich des Flughafens Leipzig/Halle eine mit Sprengstoff bestückte Drohne nahe einer ukrainischen Antonow entdeckt; sie detonierte nur nicht, weil der Zünder defekt war. Berlin macht Moskau verantwortlich, die Nato hat Moskaus Zweifel am Leipziger Drohnen-Fall zurückgewiesen.

Für Grynkewich ist der Versuch eine Grenzüberschreitung. „Wäre der Angriff erfolgreich verlaufen, wären mehrere vollgetankte Antonows in die Luft gegangen, vermutlich hätte es Tote gegeben“, sagte er.

Die Drohung mit Kaliningrad

Ende September 2026 drohte Moskau der Nato mit einem möglichen Atomwaffeneinsatz, sollte sie die Exklave Kaliningrad abschneiden. Am 1. Oktober bekräftigte Präsident Wladimir Putin die Warnung: Bei einem Angriff auf Kaliningrad komme der Einsatz aller verfügbaren Waffen infrage, inklusive Atomwaffen.

Grynkewich entgegnet mit dem Selbstverständnis des Bündnisses. Die Nato sei eine Verteidigungsallianz, sagte er – „also muss sich Russland keine Sorgen um Kaliningrad machen“. Militärisch stehe Moskau in der Exklave wegen des Ukraine-Kriegs ohnehin ungünstig da.

Von Leipzig bis Kaliningrad: die Eskalation seit August

  1. 4. August 2026
    Explosive Drohne am Flughafen Leipzig/Halle

    Im Sicherheitsbereich entdecken Ermittler eine mit Sprengstoff bestückte Drohne nahe einer ukrainischen Antonow. Sie detoniert nicht, weil der Zünder defekt ist.

  2. 1. September 2026
    Berlin macht Moskau verantwortlich

    Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Außenminister Johann Wadephul erklären die russische Urheberschaft für erwiesen. Deutschland schließt das Generalkonsulat in Bonn und das Russische Haus in Berlin.

  3. Ende September 2026
    Moskau droht mit Atomwaffen

    Russland warnt die Nato vor einem Atomwaffeneinsatz, sollte sie Kaliningrad abschneiden.

  4. 12. Oktober 2026
    Grynkewich warnt in Polen

    Bei einem Besuch in Polen sagt der Nato-Oberbefehlshaber, ein Angriff auf das Bündnis wäre „sinnlos“.

  5. 13. Oktober 2026
    Drei Bs in Warschau

    Auf dem Warsaw Security Forum stellt Grynkewich seine Theorie des Sieges vor. Am selben Tag beginnt in Norditalien die Nato-Atomwaffenübung Steadfast Noon.

  6. 16. Oktober 2026
    Das Interview erscheint

    Der SPIEGEL veröffentlicht das Doppel-Interview mit Grynkewich und Breuer.

Die Lücke bei den Drohnen

Eine Schwachstelle räumt der General selbst ein: den Drohnenbereich. „Wir benötigen massenweise Einwegkampfdrohnen, billigere Marschflugkörper und vieles mehr“, sagte er.

Zugleich skizziert Grynkewich, wie das Bündnis einen Angriff zurückschlagen will. Er nennt das „theory of victory“ – im Kern drei Phasen. „Ich spreche manchmal von den drei Bs – ›to block, to blunt and to break‹“, sagte er: blockieren, abschwächen, brechen. Vorgestellt hatte er das Konzept auf dem Warsaw Security Forum; so will die Nato einen Angriff zurückschlagen.

Das Ziel der dritten Phase ist die Zerschlagung von Kommandoposten, Nachschubwegen und Rüstungsindustrie des Angreifers. Grynkewich formuliert die Ansage an Moskau deutlich:

„Jedem, der uns schaden will, muss klar sein: Wir werden einen Angriff sofort und entschieden abwehren und zerschlagen.“
Alexus Grynkewich, Nato-Oberbefehlshaber Europa (SACEUR)

Ein Übungsbetrieb als Signal

Der Tonfall hat sich verschärft. Am 12. Oktober warnte Grynkewich bei einem Besuch in Polen, ein Angriff auf das Bündnis wäre „sinnlos“. Einen Tag später begann in Norditalien die Nato-Atomwaffenübung Steadfast Noon mit 17 beteiligten Staaten, Übungsorte sind Aviano und Ghedi.

Moskau reagierte am 16. Oktober: Russland wies die Nato-Dementis zu angeblichen Plänen einer Blockade Kaliningrads als wenig glaubwürdig zurück.

Umfrage
Lädt

Ob aus der Forderung, Sabotage beim Namen zu nennen, auch Taten folgen, und ob die Nato ihre Drohnenlücke schließt, ist offen. Der Streit um die Exklave ist nicht beendet – und mit ihm die Frage, wie weit Moskau geht, wenn Panzer für Putin keine Option mehr sind.