Berlin will Ausländern nach fünf Jahren Aufenthalt das Wahlrecht geben, die Bezahlkarte abschaffen und Aufenthaltsrechte „voll ausschöpfen“. Was Linke, Grüne und SPD am 17. Oktober in ihrem 31-seitigen Sondierungspapier „Mehr gemeinsam, mehr Berlin“ vereinbart haben, bringt Bund und Union gegen das künftige Bündnis auf.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) wirft den drei Parteien vor, „rein gar nichts verstanden“ zu haben, und warnt, Berlin dürfe nicht „zum politischen Experimentierfeld von linksextremen und clan-kriminellen Milieus werden“. Aus Wien kam am selben Tag ähnlich scharfe Kritik.
Sicherer Hafen und Basiskonto statt Bezahlkarte
Das Papier bekennt sich ausdrücklich zu Berlins Rolle als „sicherem Hafen“ und kündigt Landesaufnahmeprogramme an. Aufenthaltsrechte sollen nach humanitären Gesichtspunkten „voll ausgeschöpft“ werden – so steht es in dem 31-seitigen Sondierungspapier der drei Parteien.
Abgelehnte Asylbewerber sollen länger geduldet und schneller legalisiert werden. Die Bezahlkarte für Geflüchtete will das Bündnis durch ein reguläres Basiskonto ersetzen. Beides zusammen läuft auf einen Kurswechsel hinaus, den der Bund ablehnt.
Wahlrecht erst nach einer Grundgesetzänderung
Der heikelste Punkt ist das Wahlrecht: Alle Menschen mit fünf Jahren Aufenthalt in Berlin sollen auf kommunaler und Landesebene aktiv und passiv wählen dürfen. Laut Berliner Innenverwaltung geht das nur mit einer Änderung von Grundgesetz und Landesverfassung – für beide braucht es eine Zweidrittelmehrheit.
Verfassungsrechtler halten den Vorschlag für verfassungswidrig. Schon jetzt gibt es in Berlin Vorstöße, die Gruppe der Menschen ohne Wahlrecht besser zu vertreten: Vertreter für eine Million Ausländer ohne Wahlrecht.
Dobrindt sieht den gesellschaftlichen Frieden bedroht
Dobrindt sieht in dem Papier eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden. In der „Bild“ sagte er:
„Wer in Berlin für weitere Zuwanderung in die Sozialsysteme, für weniger Polizei, für Enteignung und für ein Wahlrecht für Ausländer eintritt, der befördert die Polarisierung unserer Gesellschaft, riskiert den gesellschaftlichen Frieden und zeigt, dass er rein gar nichts verstanden hat.“
Die Linke hält dagegen. Fraktionschefin Elif Eralp fordert, „eine umarmende Politik“ zu machen und „wegkommen von den Polarisierungen und von den Spaltungen“. Der Streit dreht sich damit nicht um Verwaltungsdetails, sondern um die Frage, was Berlins Sonderweg bewirkt.
CDU nennt das Papier einen Dammbruch
Für CDU-Landeschef Stefan Evers ist das Papier eine „Kapitulationserklärung“ und ein „Dammbruch“ – ein „Turbo für illegale Migration“. Aus Wien kam ähnlich scharfe Kritik: Österreichs Warnung vor Rot-Grün-Rot in Berlin fiel unmissverständlich aus. Ministerin Claudia Bauer (ÖVP) sagte, man opfere die westliche Demokratie „am Altar der naiven Toleranz“.
Die Berliner SPD ist vorangegangen: Berliner SPD stimmt für Koalitionsverhandlungen mit 26 zu 3 Stimmen, bei den Grünen zogen 43 von 45 Delegierten mit, der Linke-Landesvorstand votierte mit einer Gegenstimme. Die Gewerkschaft der Polizei kritisiert Lücken bei der Inneren Sicherheit. Letzte Hürde bleibt der Linke-Parteitag am 31. Oktober: Stimmt er zu, könnten die Verhandlungen Anfang November beginnen, angepeilt ist eine Regierung bis zum Jahreswechsel.
Von der Wahl bis zum Parteitag
- 20. September 2026Linke gewinnt die Berlin-Wahl
25,7 Prozent für die Linke, CDU 18,8, AfD 16,3, Grüne 14,3, SPD 12,1 Prozent. Die bisherige CDU/SPD-Koalition verliert ihre Mehrheit.
- 17. Oktober 2026Sondierungspapier vorgestellt
31 Seiten „Mehr gemeinsam, mehr Berlin“ mit „sicherem Hafen“, Landesaufnahmeprogrammen und Ausländerwahlrecht.
- 18. Oktober 2026Junge Union ächtet das Bündnis
Der Deutschlandtag in Bonn beschließt einstimmig die Ächtung der Berliner Koalition. Bundeskanzler Merz hatte zuvor gewarnt.
- 19. Oktober 2026SPD und Grüne stimmen zu
SPD-Landesvorstand 26 zu 3, Grünen-Landesausschuss 43 von 45 Stimmen, Linke-Landesvorstand mit einer Gegenstimme.
- 20. Oktober 2026Dobrindt und Wien wettern
Der Bundesinnenminister sagt, Rot-Grün-Rot habe „rein gar nichts verstanden“. Österreichs Ministerin Bauer spricht vom „Altar der naiven Toleranz“.
- 31. Oktober 2026Linke-Parteitag entscheidet
Der Landesparteitag soll über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen abstimmen.
