Gasspeicher nur zu 61,1 Prozent voll – Reiche muss beruhigen
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Energiepolitik

Gasspeicher nur zu 61,1 Prozent voll – Reiche muss beruhigen

Die deutschen Gasspeicher sind zum 23. Oktober nur zu 61,1 Prozent gefüllt, für sechs Speicher gelten sogar Ausnahmen bis 45 Prozent. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche soll die Bürger beruhigen – und liegt zugleich mit Finanzminister Klingbeil und Digitalminister Wildberger im Clinch.

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Die deutschen Gasspeicher waren nach der Lagebewertung der Bundesnetzagentur vom 23. Oktober 2026 nur zu 61,1 Prozent gefüllt – rund 151 Terawattstunden, wie der Füllstandsbericht zum 23. Oktober zeigt. Zum 1. November müssen die meisten Speicher 80 Prozent erreichen.

Für sechs Speicher gelten Ausnahmen mit 45 Prozent; im Vorjahr lag der Füllstand zum gleichen Zeitpunkt bei rund 75 Prozent. Die Bundesnetzagentur hält die Versorgung dennoch für gesichert und verweist auf laufende Importe: allein zwischen 14. und 20. Oktober 17,5 Terawattstunden über Pipelines und 1,6 Terawattstunden über LNG-Terminals.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) soll beruhigen und tut das in betont technokratischer Sprache: „Die Versorgung auch für einen kalten Winter können wir als gesichert annehmen.“ Genau diese Kühle macht sie angreifbar – der Grünen-Abgeordnete Michael Kellner wirft ihr vor, nicht rechtzeitig vorgesorgt zu haben.

Gasspeicher: 61,1 Prozent statt der geforderten 80 Prozent

Füllstände in Deutschland in Prozent

Quelle: Bundesnetzagentur, Lagebewertung 23.10.2026

Ein Gaskissen, das vor dem Sommer billiger war

Der Druck kam aus dem eigenen Kabinett. Bei der Klausur in Neuhardenberg zum Wirtschaftskurs warnte Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) vor Gasengpässen und hielt staatliche Einkäufe im Zweifel für nötig. Der Kanzler teilte die Sorge und ließ sich engmaschig über die Speicherstände informieren.

Reiche wies schließlich das Bundesunternehmen Sefe an, Gas einzuspeichern. Ein Einkauf vor dem Sommer wäre deutlich billiger gewesen; die Anweisung kam erst, nachdem Wildberger und der Kanzler gedrängt hatten.

Kellner, früherer Wirtschaftsstaatssekretär, macht daraus den schärfsten Vorwurf der Debatte:

„Die Gasspeicher sind schlecht gefüllt, weil Reiche nicht rechtzeitig vorgesorgt hat. Mit ihrer Untätigkeit riskiert sie das Wohl von Verbrauchern und der Wirtschaft. Das ist Regierungsversagen mit Ansage.“
Michael Kellner, Bundestagsabgeordneter der Grünen

1,3 Prozent Wachstum, die sie kaum steuert

Die Union hatte Robert Habeck (Grüne) im Wahlkampf an der Wachstumszahl zum „schlechtesten Wirtschaftsminister aller Zeiten“ erklärt. Nach dieser Logik kann Reiche aufatmen: Die Regierung erwartet für dieses Jahr ein Plus von 1,3 Prozent – Reiches angehobene Wachstumsprognose. Nur ist der Zusammenhang trügerisch: Zwei Drittel des Wachstums stammen aus öffentlichen, schuldenfinanzierten Investitionen, private Investitionen bleiben verhalten.

Ihr größtes Projekt ist der Investitionsgipfel, den das Ressort mehr als ein Jahr vorbereitete. Am 20. Oktober kamen am Berliner Schlossplatz im Gebäude der Hochschule ESMT – einst Arbeitsplatz von DDR-Chef Erich Honecker – der Kanzler, ein großer Teil des Kabinetts und rund 200 Vorstandschefs zusammen, darunter Nvidia, Amazon und Blackrock.

Am Dienstagmorgen nannte Reiche knapp 229 Milliarden Euro an Investitionszusagen – nach Darstellung ihres Ministeriums die Summe der größeren privaten Investitionen dieses Jahres, also eine Zahl fürs Schaufenster. Deutschlandfunk berichtete von über 228 Milliarden, das Handelsblatt von mehr als 225 Milliarden.

Tankrabatt und Steuerreform: Dauerstreit mit Klingbeil

Seit dem 1. Oktober gilt erneut ein von 16,7 Cent pro Liter, befristet bis Jahresende; ab 1. Januar 2027 soll ein Spritpreisdeckel folgen. Das DIW errechnet, dass bei den Autofahrern nur rund zwei Drittel, also etwa 12 Cent, ankommen.

Zweimal musste Reiche nach eigener Überzeugung handeln, die sie nicht teilt – beim Tankrabatt. Im April 2026 griff sie Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) öffentlich an: teuer, wirkungsschwach, verfassungsrechtlich fragwürdig. Merz rügte sie zur Zurückhaltung; im Kanzleramt ist man seitdem nicht gut auf sie zu sprechen.

Beim Maßnahmenpaket gegen hohe Spritpreise, auf das sich Union und SPD Mitte September einigten, lagen die Deutungen weit auseinander. Klingbeil sagte, man stoppe „die Abzocke durch die Mineralölkonzerne“; Reiche betonte Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit und setzte den Akzent auf die Stärkung der Raffineriestandorte.

Zuletzt wiederholte sich das Muster in der Steuerpolitik: Reiche ließ über einen Staatssekretär Einwände gegen die mit der SPD vereinbarte Einkommensteuerreform ins Finanzministerium übermitteln. Klingbeil warf ihr vor, die eigene Regierung zu beschädigen. Bei Unions-Abgeordneten kam das gut an, in der Parteispitze sorgte es für Kopfschütteln.

Von Westenergie ins Wirtschaftsministerium: Reiches Weg bis zur Titelgeschichte

  1. Juni 2025
    Reiche wird Bundesministerin

    Die frühere Chefin der E.on-Tochter Westenergie wechselt als Wirtschafts- und Energieministerin ins Kabinett Merz.

  2. April 2026
    Offener Angriff auf Klingbeil

    Reiche nennt den Tankrabatt des Koalitionspartners teuer und verfassungsrechtlich fragwürdig; Merz rügt sie öffentlich zur Zurückhaltung.

  3. 25./26. August 2026
    Klausur auf Schloss Neuhardenberg

    Wildberger warnt vor Gasengpässen, die Mittelstandspolitik wandert in sein Ministerium. Reiche fehlt wegen eines geplanten operativen Eingriffs, Rouenhoff vertritt sie.

  4. Mitte September 2026
    Einigung auf Spritpreis-Paket

    Union und SPD verständigen sich auf Maßnahmen gegen hohe Spritpreise; Reiche meldet Einwände gegen die Einkommensteuerreform an.

  5. 1. Oktober 2026
    Zweiter Tankrabatt startet

    16,7 Cent pro Liter, befristet bis Jahresende; ab Januar 2027 soll ein Preisdeckel folgen.

  6. 20. Oktober 2026
    Investitionsgipfel in Berlin

    Rund 200 Vorstandschefs kommen ins ESMT-Gebäude, Reiche nennt knapp 229 Milliarden Euro an Zusagen.

  7. 23. Oktober 2026
    Gasspeicher nur zu 61,1 Prozent gefüllt

    Die Bundesnetzagentur hält die Versorgung weiterhin für gesichert und verweist auf laufende Importe.

Wildberger wird zum Gegenentwurf

Während Reiche um Profil ringt, wächst neben ihr ein Konkurrent. Digitalminister Karsten Wildberger, früher Vorstandschef des Elektronikhandelskonzerns Ceconomy, ging sichtbar gestärkt aus der Kabinettsklausur auf Schloss Neuhardenberg hervor und bestimmte weite Teile der Agenda – künstliche Intelligenz, Bürokratieabbau, Wettbewerbsfähigkeit.

Die Zuständigkeit für Mittelstandspolitik samt Staatssekretärin Gitta Connemann wechselte aus Reiches Ressort zu ihm. Fünf Jahre lang war sie zuvor Chefin der E.on-Tochter Westenergie und kennt die Sorgen der Firmenchefs aus erster Hand; Merz hatte sie wegen ihres marktwirtschaftlichen Kompasses in die Politik zurückgeholt.

In der Union gilt sie als „lose Kanone“ – Stichwort „Lifestyle-Teilzeit“ –, in FOCUS-Interviews wurde sie „Eisprinzessin“ genannt. Die Atmosphäre im Ministerium beschreibt das Magazin als schwierig: Es falle ihr nicht leicht, sich anderen anzuvertrauen; nur wenige in ihrem Haus stünden ihr nahe.

In der CDU-Basis und bei den Abgeordneten ist sie populär, weil sie den Markt gegen Umverteilung setzt und sich als Hüterin des Erbes von Ludwig Erhard versteht.

„Wir müssen den Schalter umlegen von Umverteilen zum Erwirtschaften.“
Katherina Reiche, Bundesministerin für Wirtschaft und Energie

Verwarnung statt Entlassung

Nach dem Rücktritt von Jens Spahn als Unionsfraktionschef fiel Reiches Name bei Spekulationen um einen Kabinettsumbau. Am Ende durfte sie bleiben – auch mangels Alternativen. Merz brauchte weiterhin sein „Gewissen der sozialen Marktwirtschaft“, wie sie in der Union genannt wird; es blieb bei einer Verwarnung, ihren Kurs änderte sie nicht.

Der Kanzler steht unter Druck, seine Reformagenda voranzutreiben, und mahnte auf dem CSU-Parteitag am 24. Oktober ausdrücklich auch die SPD: „Das ist meine Erwartung auch an die SPD. Das sollte hin und wieder auch klar sein.“ Zugleich verlangt er eine Senkung der Stromsteuer im kommenden Jahr, während Klingbeil nach der Steuerschätzung keine Spielräume sieht.

Die Titelgeschichte über Reiches neue Rolle beantwortet die Frage nicht: Ob sie an Einfluss gewinnt, ist dort als Frage angelegt, nicht als Ergebnis. Fest steht nur, dass sie zwischen Kabinett, SPD und dem aufsteigenden Wildberger vermitteln muss, ohne ihre ordnungspolitischen Überzeugungen aufzugeben. Spätestens der Winter gibt die Antwort – bleibt der Füllstand unter dem Ziel, entscheidet sich im Januar auch, ob der Spritpreisdeckel kommt und ob Merz seine Ministerin weiter deckt.

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