In Hagen leben rund 4.500 Menschen mit rumänischem Pass. Fast 3.100 von ihnen beziehen Grundsicherung – rund 70 Prozent. Im Jahr 2013 waren es 52 Leistungsbezieher.
In Magdeburg zahlte die Stadt 2013 noch 143.000 Euro SGB-II-Leistungen an rumänische Staatsbürger, 2025 sind es rund drei Millionen Euro. Die Zahl der rumänischen Staatsangehörigen wuchs im selben Zeitraum von knapp 160 auf fast 3.000.
SGB-II-Zahlungen an rumänische Staatsbürger in Magdeburg
Ausgewertet für die MDR-Reportage „EU-Armutsmigration“
Die Zahlen stammen aus der knapp 30-minütigen MDR-Reportage „EU-Armutsmigration: Sozialstaat in der Sackgasse?“ von Jana Gareis. Sie ist seit dem 26. Oktober in der ARD-Mediathek abrufbar und läuft am 4. November um 19.15 Uhr im MDR-Fernsehen.
Seit 2014 gilt die volle Freizügigkeit
Rumänien und Bulgarien traten am 1. Januar 2007 der EU bei. Die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit für ihre Staatsangehörigen galt erst ab 1. Januar 2014. In die Jahre danach fallen die Zahlen, auf denen die Reportage aufbaut.
Von der EU-Freizügigkeit zur Millionenlast der Städte
- 1. Januar 2007EU-Beitritt Rumäniens
Rumänien und Bulgarien treten der Europäischen Union bei.
- 2013Erste Zahlen in Magdeburg und Hagen
Magdeburg zahlt 143.000 Euro SGB-II-Leistungen an Rumänen, in Hagen gibt es 52 Grundsicherungsbezieher mit rumänischem Pass.
- 1. Januar 2014Volle Arbeitnehmerfreizügigkeit
Die letzten Beschränkungen für rumänische und bulgarische Staatsangehörige fallen.
- 2018Jana Gareis dreht erstmals in Rumänien
Die Autorin porträtiert in Magdeburg die Familie Bolbucanu und besucht rumänische Herkunftsdörfer.
- 2025Drei Millionen Euro in Magdeburg
Die SGB-II-Zahlungen steigen auf rund drei Millionen Euro, in Hagen beziehen fast 3.100 Rumänen Grundsicherung.
- 23. September 2026Zehn-Punkte-Aktionsplan beschlossen
Das Bundeskabinett beschließt Maßnahmen gegen Sozialleistungsmissbrauch und Ausbeutung.
- 26. Oktober 2026Reportage in der ARD-Mediathek
Die Dokumentation ist abrufbar, die TV-Ausstrahlung im MDR folgt am 4. November.
In Hagen kontrolliert eine Taskforce Problemimmobilien
Hagen ist neben Magdeburg und Halle einer der Schauplätze, an die Gareis nach acht Jahren zurückkehrt; gedreht wurde auch in rumänischen Dörfern. In Hagen kontrolliert seit rund zehn Jahren eine behördenübergreifende Taskforce Problemimmobilien.
Rund 70 Prozent der etwa 4.500 Hagener mit rumänischem Pass beziehen Grundsicherung – 2013 waren es 52 Leistungsbezieher. Die Grundsicherung ist längst ein bundesweites Politikum: AfD fordert Bürgerarbeit für Langzeitbezieher.
Eine Familie mit sieben Kindern kommt auf 4.500 Euro
Die Reportage rechnet vor: Zwei geringfügig beschäftigte Eltern mit knapp 700 Euro Verdienst und sieben Kindern kommen mit Kindergeld, Grundsicherung, Bildungs- und Wohnleistungen auf rund 4.500 Euro netto im Monat. Eine vergleichbare Familie in Rumänien kommt auf etwa 1.500 Euro.
In den rumänischen Herkunftsdörfern hat das Folgen. Der Bürgermeister von Fântânele stellt nach Angaben der Reportage 20 bis 30 Bescheinigungen pro Monat aus.
Die deutschen Zahlungen seien für sein Land und die Kinder aus Rumänien „wie ein Schatz“, sagt er. In seiner Gemeinde sei die Zahl der Sozialleistungsbezieher dadurch deutlich gesunken, wie WELT über Kindergeld und Grundsicherung berichtet.
Magdeburgs Oberbürgermeisterin verweist auf Bund und EU
Magdeburgs Oberbürgermeisterin Simone Borris sieht ihre Stadt nur als Symptombekämpferin. Die gesetzlichen Grundlagen machten andere, sagt die parteilose Rathauschefin.
„Wir können bloß die Symptome bekämpfen. Weil ja die gesetzlichen Grundlagen nicht von uns gemacht werden. Wir haben Gesetze umzusetzen und wenn die Gesetze so sind, dann haben wir das zu tun.“
Zuständig seien aus ihrer Sicht Bund, Land und die EU. Die Klage der Kommunen trifft auf eine Debatte, die längst die Landespolitik erreicht hat: Rhein nennt Einwanderung in Sozialsysteme ungelöst.
Der Städte- und Gemeindebund fordert eine EU-Reform
Der Deutsche Städte- und Gemeindebund macht dafür Brüssel verantwortlich. Sein Beigeordneter Marc Elxnat nennt den EU-Arbeitnehmerbegriff das grundlegende Problem – und die Hintertür für Missbrauch.
„Das grundlegende Problem ist im Kern der Arbeitnehmerbegriff auf der EU-Ebene, der schon davon ausgeht, dass jemand Arbeitnehmer ist, wenn er wenige Stunden, also beispielsweise auf Minijob-Basis, arbeitet.“
Die Bundesregierung hat im September reagiert. Am 23. September beschloss das Kabinett den Zehn-Punkte-Aktionsplan gegen Sozialleistungsmissbrauch und Ausbeutung von Bärbel Bas und Alexander Dobrindt – der Zehn-Punkte-Plan gegen Sozialleistungsmissbrauch.
Ob der Plan die Städte entlastet, hängt an einer Regel, die nur die EU ändern kann. Der MDR zeigt die Reportage am 4. November um 19.15 Uhr.
