Die Demokraten erobern bei den US-Midterms das Repräsentantenhaus und gewinnen Sitze im Senat. Einen Tag später zieht die Grünen-Vorsitzende Franziska Brantner daraus eine Schlussfolgerung, die weit über Washington hinausreicht: Europa braucht eine neue Verteidigungsunion – notfalls ohne alle 27 EU-Staaten.
Brantner sagte das am 4. November in dem rund 200 Sekunden langen Interview für den Politico-Podcast „Berlin Playbook“. Egal wie die Wahlen in den USA ausgingen, die Europäer seien „immer mehr auf uns alleine gestellt“, lautete ihre Begründung.
Sicherheit müsse deshalb „konsequent europäisch“ angegangen werden, forderte sie. Damit steht sie nicht allein: Bundeskanzler Friedrich Merz hatte bereits im September erklärt, die Ära unbedingter Freundschaft mit den USA sei vorbei.
Notfalls ohne alle 27
Ihre Antwort ist eine Verteidigungsunion, an der nicht zwingend alle Mitgliedstaaten mitmachen: „Ich glaube, dass man deswegen auch eine neue Verteidigungsunion schaffen muss, wo jene mitmachen, die bereit dafür sind.“ Ein solches Bündnis wäre kleiner als die EU.
Dafür sollen Staaten dazukommen können, die gar nicht in der EU sind: „Das sind dann vielleicht nicht alle 27, dafür sind vielleicht noch die Briten und die Norweger mit dabei.“ Wie Brantners Vorstoß für eine Verteidigungsunion zeigt, fielen die Sätze unmittelbar vor ihrer Reise nach Litauen und Polen.
Für Deutschland reklamiert sie in diesem Kreis eine Führungsrolle – „nicht alleine, aber mit den Polen, mit den Franzosen, mit den Briten“ und den baltischen Ländern. Der deutsch-französische Motor allein genügt ihr nicht: „Zwischen Deutschland und Frankreich wird häufig viel geredet, und dann passiert de facto nicht so viel.“
Von der Oxford-Rede zum Vorstoß im Podcast
- 14. Mai 2026Oxford: „Nie wieder allein“
Brantner fordert in der Annual Lecture des European Studies Centre, deutsche Aufrüstung müsse europäisch eingebettet werden, und schlägt eine „Koalition der Mutigen“ mit europäischer Befehlskette und Rüstungsagentur vor.
- 3. November 2026Demokraten gewinnen die Midterms
Nach den von Politico veröffentlichten Ergebnissen erobern die Demokraten das Repräsentantenhaus und gewinnen Sitze im Senat. Trump räumt die Niederlage ein.
- 4. November 2026Die Forderung im „Berlin Playbook“
In der Podcast-Ausgabe verlangt Brantner eine Verteidigungsunion notfalls ohne alle 27 EU-Staaten, mit Briten und Norwegern, und kritisiert nationale Ausgaben für alte Technologie.
- 4. November 2026Berichte und Abreise
WELT und upday berichten über die Aussagen. Brantner äußert sich unmittelbar vor ihrer Reise nach Litauen und anschließend nach Polen.
Geld für alte Technologie
Kritik übt Brantner an der Art, wie die Europäer ihr Geld für Waffen ausgeben. Ihre Kritik an nationalen Rüstungsausgaben für alte Technologie richtet sich gegen die bisherige Praxis: modern und gemeinsam müsse beschafft werden.
„Ich sehe manchmal mit Sorge, dass wir unsere Gelder sehr national ausgeben, durchaus auch für alte Technologie, statt wirklich modern europäisch das Ganze gemeinsam zu beschaffen.“
Eine rein nationale Aufrüstung Deutschlands hält sie auch außenpolitisch für heikel. Bei Nachbarn wie Polen werde sie kritisch gesehen – „historisch gesehen waren das keine guten Erfahrungen für unsere Nachbarn“. Aufrüstung müsse deshalb europäisch eingebettet sein.
Reise nach Litauen und Polen
Die Forderung fällt in eine heikle Woche: Brantner reist unmittelbar nach dem Interview nach Litauen, anschließend nach Polen. Es sind jene Partner, deren Vertrauen sie für eine deutsche Führungsrolle in der neuen Union braucht – und die einer rein nationalen deutschen Aufrüstung skeptisch gegenüberstehen.
Ob die Verteidigungsunion kommt, entscheiden die Europäer selbst. In Vilnius und Warschau muss Brantner erklären, wie deutsche Führung und europäische Einbettung zusammenpassen sollen. Offen ist auch, welche Staaten tatsächlich bereit sind – und wer nur zuschaut.
