Deutschland reist ohne Regierungschef zur Weltklimakonferenz. Bundeskanzler Friedrich Merz sagte am Mittwoch seine Teilnahme am Treffen der Staats- und Regierungschefs der COP31 im türkischen Antalya ab – fünf Jahre lang war jede Kanzlerin und jeder Kanzler dort.
Die Absage des Kanzlers an die COP31 verkündete Vize-Regierungssprecher Steffen Meyer in Berlin: Merz bedanke sich für die Einladung, „aufgrund anderweitiger Verpflichtungen“ werde ihm die Teilnahme aber nicht möglich sein.
„Er bedankt sich für die Einladung, aufgrund anderweitiger Verpflichtungen wird es ihm aber nicht möglich sein teilzunehmen.“
Meyer blieb auf Nachfrage allgemein: Es gebe „verschiedene Interessen, verschiedene Terminlagen, die es da auch gibt“. Am selben Tag empfing Merz den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Berlin – als Begründung nannte der Sprecher das nicht. Schon im September sagte Merz die UN-Generalversammlung ab, in New York hielt Wadephul die deutsche Rede.
Fünf Jahre lang war der Kanzler dabei
Der Bruch mit der eigenen Praxis ist vollständig. In den fünf vorangegangenen Jahren nahmen die deutschen Kanzlerinnen und Kanzler stets am Gipfel teil; Merz selbst stand 2025 bei der COP30 im brasilianischen Belém und versprach einen „bedeutenden Beitrag“ Deutschlands. Für Irritation sorgte sein Satz an die Gastgeber: „Wer von euch würde denn gerne hierbleiben?“
Auch innenpolitisch blieb die Linie unruhig. Im August versprach Merz im Waldbrandgebiet Hürtgenwald, man werde „alles tun, um den Klimawandel zurückzudrängen“ – die anschließende Kabinettsklausur auf Schloss Neuhardenberg endete ohne Klimabeschlüsse. Bei seinem Besuch dort hatte es Buhrufe und Pfeifkonzert in Hürtgenwald gegeben.
Von Belém nach Antalya: Merz und die Klimakonferenzen
- November 2025Merz verspricht in Belém einen bedeutenden Beitrag
Bei der COP30 in Brasilien nimmt Merz als Kanzler teil und verärgert die Gastgeber mit der Bemerkung „Wer von euch würde denn gerne hierbleiben?“
- August 2026Merz sagt im Hürtgenwald, alles gegen den Klimawandel zu tun
Die anschließende Kabinettsklausur auf Schloss Neuhardenberg endet ohne Klimabeschlüsse.
- 23. September 2026Deutschland legt in New York den Fossil-Ausstiegsplan vor
Es ist erst der dritte solche Plan nach Frankreich und den Niederlanden.
- 21. Oktober 2026UNEP-Report: 1,5 Grad ohne Überschreitung nicht mehr erreichbar
Der Emissions-Gap-Report 2026 hält fest, dass das Ziel ohne vorübergehende Überschreitung nicht mehr zu halten ist.
- 4. November 2026Vize-Sprecher Meyer verkündet die Absage für Antalya
Merz könne wegen „anderweitiger Verpflichtungen“ nicht zum Gipfel der Staats- und Regierungschefs reisen.
- 9. November 2026COP31 in Antalya beginnt ohne den Kanzler
Für Deutschland reisen Carsten Schneider und Reem Alabali Radovan.
Verheerendes Signal und ein Tabubruch
Die Opposition sieht einen Kanzler, der sich vom Klimaschutz entfernt. Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge verwies auf Merz' Zusage aus dem August, alles gegen den Klimawandel zu tun, und sagte, er nehme sich nun nicht einmal die Zeit für die wichtigste Entscheidungsplattform der globalen Klimapolitik.
„Das ist ein verheerendes Signal an die Welt.“
Bei den Klimaorganisationen fiel die Kritik an Merz' Fernbleiben von der COP scharf aus. Luisa Neubauer von Fridays for Future sprach von einem „absoluten Tabubruch“, Greenpeace-Geschäftsführer Martin Kaiser nannte die Absage eine „Blamage“ für Deutschland. Fabian Fahl, Klimaexperte der Linksfraktion, sagte, ehrlicher könne Merz nicht zeigen, wie wenig er sich um die Klimakrise schere.
Ziele bleiben, die Rechnung offen
An ihren Klimazielen hält die Bundesregierung fest: 65 Prozent weniger CO₂ bis 2030 gegenüber 1990, dazu der im September vorgelegte Fahrplan zum Ausstieg aus fossilen Energieträgern. Der Expertenrat für Klimafragen erwartet dennoch, dass Deutschland ohne zusätzliche Maßnahmen die Ziele für 2030 und die Folgejahre verfehlt.
Offen ist die Rechnung bei der Klimafinanzierung. Zugesagt sind jährlich 6 Milliarden Euro, 2025 flossen nur 4,7 Milliarden. Klima- und Entwicklungsorganisationen verlangen, dass Deutschland die Zusage wieder einhält; Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe mahnten das an, Klimaorganisationen kündigten eine Aktion im Berliner Regierungsviertel an.
Antalya beginnt ohne den Kanzler
Die COP31 beginnt am Montag, 9. November, und läuft bis zum 20. November – ohne den Regierungschef. Für Deutschland reisen Carsten Schneider und Reem Alabali Radovan an. Offen bleibt, ob die Bundesregierung ihre Klimafinanzierung wieder auf die zugesagten 6 Milliarden Euro anhebt und ob Merz' Fernbleiben die deutsche Verhandlungsposition in Antalya schwächt.
