Nur noch 20 bis 35 Minuten Lebenserwartung
Die Zahlen stammen aus russischen Telegram-Kanälen, die den Krieg unterstützen – ausgerechnet sie verbreiten jetzt eine erschreckende Schätzung: Neue Rekruten, die an die vordersten Abschnitte im Ukraine-Krieg geschickt werden, überleben dort im Durchschnitt nur 20 bis 35 Minuten. Die gesamte Lebenserwartung eines Soldaten – vom Eintreffen im Ausbildungslager bis zum Tod an der Front – betrage zehn Tage bis drei Wochen. Das berichtet der Oxford-Historiker Peter Frankopan im Magazin Foreign Policy unter Berufung auf die Militärblogger.
Drohnen haben entlang der Front eine sogenannte „Kill Zone“ geschaffen. Schwere Artillerie kann kaum noch eingesetzt werden, weil sie von günstigen First-Person-View-Drohnen (FPV) sofort aufgeklärt und zerstört wird. Russland setzt deshalb zunehmend auf Infiltrationstaktiken mit kleinen Soldatengruppen zu Fuß oder auf Motorrädern – das macht die Kämpfe noch blutiger. Schätzungen zufolge gibt es inzwischen mehr getötete als verwundete russische Soldaten, ein Novum in der modernen Kriegsführung.
Ein wesentlicher Grund dafür ist der außergewöhnliche Wandel in der Technologie und Taktik auf dem Schlachtfeld – insbesondere die Tatsache, dass Drohnen in diesem Krieg zu den wichtigsten Tötungsmaschinen geworden sind.Peter Frankopan, Historiker
Rekrutierung unter Hochdruck
Um die monatlichen Verluste von durchschnittlich 30.000 Soldaten auszugleichen, bietet das russische Militär Anmeldeboni von bis zu 80.000 US-Dollar sowie Schuldenerlass. Ende 2025 hatten russische Behörden nach eigenen Angaben mehr als 420.000 neue Soldaten für Jahresverträge rekrutiert. Doch die Rekrutierungszahlen sind 2026 um etwa 30 Prozent eingebrochen. Derzeit würden noch etwa 800 bis 1.000 Rekruten pro Tag eingezogen, die eine hastige Ausbildung von wenigen Tagen durchlaufen, berichten Militärblogger.
Trotz dieser Bemühungen hat die russische Armee nach Einschätzung Frankopans „schon lange keine nennenswerten Geländegewinne“ mehr erzielt und musste in einigen Gebieten sogar Rückzüge hinnehmen. Der frühere US-Militärgeheimdienst-Chef Robert Ashley sieht die Ukraine im Vorteil:
Aus operativer Sicht würde ich sagen, dass die Ukraine dabei ist, zu gewinnen.Robert Ashley, Ex-DIA-Chef
Präsident Wladimir Putin gibt sich dennoch siegessicher. Er begründet seinen Optimismus mit einem angeblichen Personalmangel der Ukraine und behauptet, ein Vorschlag zur Beschränkung der Kampfhandlungen sei abgelehnt worden, weil man das „Kiewer Regime“ nicht retten wolle. Gleichzeitig zeigt eine Umfrage des Institute for Conflict Studies and Analysis of Russia: 31 Prozent der Russen haben mobilisierte Familienmitglieder, nur noch 29 Prozent kennen niemanden, der im Krieg gefallen ist. Oleksandr Shulga, Leiter des Thinktanks, warnt jedoch vor Überinterpretation.
Auch nach vier Jahren empfindet die Mehrheit der Russen diesen Krieg nicht als existenziell.Oleksandr Shulga, Institut für Konfliktforschung
Die Ukraine setzt derweil nicht nur auf Drohnenangriffe, sondern auch auf Logistik und Evakuierung per Drohne, um eigene Soldaten zu schonen. „Wir sagen, es gibt keine Notwendigkeit, einen Menschen dorthin zu schicken, wo ein Roboter die Arbeit erledigen kann“, erklärt der ukrainische Rüstungsbeauftragte Oleksandr Kamyshin. Die Frage bleibt, wie lange Russland diese Verlustrate noch durchhalten kann.





