Wenn Ruth Moschner im Podcast „Unter uns gesagt“ sagt: „Wofür braucht man denn einen Typ? Also die Männer brauchen uns ja“, beruft sie sich auf eine vermeintlich wissenschaftliche Grundlage. Die hält einer Überprüfung nicht stand. Die zitierte Studie des britischen Verhaltensforschers Paul Dolan von der London School of Economics enthält einen grundlegenden Fehler, den der Autor selbst eingeräumt hat.
Die These, die um die Welt ging
Dolan veröffentlichte 2019 sein Buch „Happy Ever After“ und bewarb es mit knackigen Aussagen. „Wenn du ein Mann bist, solltest du wahrscheinlich heiraten. Wenn du eine Frau bist, vergiss es“, zitierte ihn der Guardian. Zudem behauptete er, die „gesündeste und glücklichste Subpopulation der Gesellschaft sind eigentlich Frauen, die nie verheiratet waren und niemals Kinder hatten“.
Wenn du ein Mann bist, solltest du wahrscheinlich heiraten. Wenn du eine Frau bist, vergiss es.Paul Dolan, Professor für Verhaltenswissenschaften, London School of Economics
Dolan stützte sich auf Daten der American Time Use Survey (ATUS), einer großen US-amerikanischen Zeitverwendungsstudie. Daraus leitete er ab, verheiratete Frauen seien unglücklicher, kränker und würden sogar früher sterben – sofern ihr Ehepartner nicht im selben Raum sei. Verheiratete Männer hingegen profitierten.
„Spouse absent“ – ein fataler Übersetzungsfehler
Der US-Ökonom Gray Kimbrough von der American University bemerkte, dass Dolan die ATUS-Kategorie „spouse absent“ falsch interpretiert hatte. Sie bedeutet nicht, dass der Ehepartner während der Befragung nicht im Zimmer war, sondern dass die Person getrennt vom Ehepartner lebt – also faktisch nicht mehr im selben Haushalt. Auf diesem Missverständnis beruhte Dolans gesamte Argumentation zur „fucking miserable“-Stimmung verheirateter Frauen.
Kimbrough legte offen, dass die tatsächlichen ATUS-Daten ein gegenteiliges Bild zeigen: Verheiratete Frauen geben im Durchschnitt höhere Glückswerte an als nie verheiratete Frauen. Auch nach Altersgruppen betrachtet liegen die Zufriedenheitswerte von Ehefrauen nahezu durchgehend über denen der Singles. Der Focus berichtete über die Diskrepanz.
Dolan selbst räumte den Fehler später ein. Der Guardian korrigierte seinen Artikel, viele deutschsprachige Medien jedoch nicht. BILDblog dokumentierte, dass Zeitungen wie Stern, Kölner Stadtanzeiger, Bunte, Elle und RTL die falsche Darstellung ungeprüft weiterverbreiteten.
Auch Ruth Moschner griff die längst korrigierte Studie auf. In der Podcast-Folge mit dem Titel „Unter uns gesagt“ bezog sie sich auf Dolans Thesen, um ihre Haltung zu untermauern. Die Moderatorin, selbst nach eigenen Angaben kinderlos und unverheiratet, sieht darin offenbar eine Bestätigung ihres Lebensmodells.
Was die Daten wirklich sagen
Eine sachliche Auswertung der ATUS-Erhebung zeigt: Verheiratete Frauen sind im Schnitt zufriedener mit ihrem Leben als unverheiratete. Zwar können Ehe und Kinder mit Belastungen einhergehen, doch die emotionale und finanzielle Unterstützung in einer Partnerschaft überwiegt in der statistischen Betrachtung. Dolans Botschaft, eine Ehe sei für Frauen nachteilig, ist durch die Daten nicht gedeckt.
Der Fall zeigt, wie schnell sich scheinbar wissenschaftliche Erkenntnisse verselbstständigen – gerade wenn sie einem verbreiteten Vorurteil entsprechen. Dass ausgerechnet eine prominente Moderatorin die falsche Studie zitiert, verleiht ihr zusätzliche Reichweite.





