508 Stimmen entscheiden über das Rathaus
Es war ein Rennen, das bis zur letzten Briefwahlstimme offenblieb. Am Ende trennten Marcus Hoffmann (CDU) und den Rechtsextremisten Stefan Hartung gerade einmal 508 Stimmen. Hoffmann gewann die Oberbürgermeister-Stichwahl in Aue-Bad Schlema am Sonntag mit 52,7 Prozent der gültigen Stimmen – 5.007 Wählerinnen und Wähler gaben ihm ihre Stimme. Auf Hartung, Vizechef der als rechtsextrem eingestuften Kleinstpartei »Freie Sachsen«, entfielen 4.499 Stimmen, also 47,3 Prozent, wie der MDR berichtet.
Dramatischer als die nackten Zahlen war der Verlauf des Abends: Nach Auszählung der 13 Wahllokale lag Hartung mit 148 Stimmen vorn. Erst die Briefwahlstimmen brachten die Wende – sie gingen mit übergroßer Mehrheit an den CDU-Kandidaten. Die Wahlbeteiligung stieg im zweiten Durchgang auf 62 Prozent, etwas höher als die 61 Prozent im ersten Wahlgang am 10. Mai.
Damals hatte Hartung den ersten Durchgang noch klar mit 29 Prozent der Stimmen für sich entschieden. Hoffmann landete mit 23,6 Prozent auf Platz zwei. Danny Weber von der Freien Wählervereinigung (22,5 Prozent), der AfD-Kandidat Lars Bochmann (18,5 Prozent) und Tony Neuß von der Linken (6,4 Prozent) zogen ihre Kandidaturen vor der Stichwahl zurück – und lieferten sich gegenseitig indirekte Wahlempfehlungen gegen den Rechtsextremisten.
Der CDU-Mann, den kaum jemand kannte
Marcus Hoffmann ist 41 Jahre alt, arbeitet im städtischen Bauamt und trat erst vor anderthalb Jahren in die CDU ein. Im Wahlkampf setzte er weniger auf große Bühnenauftritte, sondern suchte das direkte Gespräch mit den Bürgern. Auch bei Reizthemen wie Asyl und Integration stellte er sich den Fragen. Sein Vorgänger Heinrich Kohl (CDU), der das Rathaus seit 1999 führte, durfte aus Altersgründen nicht mehr antreten. Die CDU hält den Oberbürgermeisterposten in Aue seit 1990.
Dass Hoffmann dennoch gewann, lag auch an der Angst vor einem Imageschaden für die 19.000-Einwohner-Stadt. Hartung ist nicht nur Vizechef der »Freien Sachsen«, sondern auch ehemaliger NPD-Funktionär und langjähriger Kreisrat. Der sächsische Verfassungsschutz stuft die Partei als »als Partei organisierte Gruppierung von Neonationalsozialisten« ein. Ein Sieg Hartungs hätte erstmals einen Rechtsextremisten auf einen Oberbürgermeisterposten in Sachsen gebracht.
Internationale Blicke auf das Erzgebirge
Die Wahl hatte weit über Sachsen hinaus Aufmerksamkeit erregt. Selbst die New York Times und die Neue Zürcher Zeitung berichteten über das Kopf-an-Kopf-Rennen in der erzgebirgischen Kleinstadt. Der Grund: Ein Erfolg der »Freien Sachsen« hätte als weiteres Signal für das Erstarken rechtsextremer Kräfte in Ostdeutschland gewertet werden können – nachdem bereits in Sachsen-Anhalt die AfD zur stärksten Kraft aufgestiegen war.
Hoffmann kündigte nach seinem Sieg an, für alle Bürger da zu sein – unabhängig davon, wen sie gewählt hätten. Er wolle ein »besseres Bild von Aue-Bad Schlema vermitteln«. Für Hartung ist die Niederlage ein Rückschlag, doch die 47,3 Prozent zeigen: Fast die Hälfte der Wähler stimmte für einen Kandidaten, den der Verfassungsschutz als Neonazi einordnet.
Die kommenden sieben Jahre wird nun Hoffmann das Rathaus führen. Ob die dünne Mehrheit von 508 Stimmen für stabile Verhältnisse reicht, muss sich zeigen. Der Kampf um die politische Deutungshoheit im Erzgebirge ist mit dieser Wahl nicht entschieden – er hat gerade erst begonnen.





