Das 90-Milliarden-Euro-Darlehen der EU an die Ukraine soll ab Mitte Juni fließen – doch Estland stellt sich quer. Verteidigungsminister Hanno Pevkur verlangt von Kyjiw eine lückenlose Rechenschaftspflicht für jeden Euro, bevor das Geld überwiesen wird. „Wir brauchen eine Rechenschaftspflicht“, sagte Pevkur in einem Interview mit Euronews.
Das Darlehen war im Dezember 2025 vom Europäischen Rat beschlossen worden: 60 Milliarden Euro sollen die ukrainische Verteidigung stärken, 30 Milliarden das Staatsbudget stützen. Finanziert wird der Kredit durch EU-Anleihen, abgesichert über den Haushaltsspielraum der Union. Tschechien, Ungarn und die Slowakei hatten sich von der Kreditaufnahme ausgenommen.
Korruptionsaffäre um Selenskyjs Ex-Stabschef
Der Vorstoß aus Tallinn erfolgt vor dem Hintergrund eines sich ausweitenden Korruptionsskandals in Kyjiw. Am 11. Mai 2026 erhoben das Nationale Antikorruptionsbüro (NABU) und die spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAP) eine förmliche Verdachtserklärung gegen Andrij Jermak, den ehemaligen Leiter des Präsidentenbüros und langjährigen Vertrauten von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Jermak wird vorgeworfen, Teil einer organisierten Gruppe zu sein, die zwischen 2021 und 2025 fast neun Millionen Euro aus korrupten Machenschaften durch ein Luxusbauprojekt namens „Dynastie“ nahe Kyjiw gewaschen haben soll. Der Fall reicht bis in den staatlichen Atomkonzern Energoatom: Ermittler deckten dort ein kriminelles System auf, das zur Veruntreuung von rund 86 Millionen Euro geführt haben soll. Als Kopf der Gruppe gilt der Geschäftsmann Timur Minditsch, ein Weggefährte Selenskyjs. Im Zuge der Affäre waren bereits Energieministerin Switlana Hryntschuk und Justizminister Herman Haluschtschenko entlassen worden.
Jermak war bereits im November 2025 zurückgetreten, nachdem Ermittler seine Wohnung durchsucht hatten. Das Oberste Antikorruptionsgericht ordnete nun Untersuchungshaft für 60 Tage an – aussetzbar gegen eine Kaution von umgerechnet 2,7 Millionen Euro. „Ich habe nicht so viel Geld“, sagte Jermak nach der Entscheidung vor Journalisten.
Vor diesem Hintergrund hält Estland die Rechenschaftspflicht für unverhandelbar. „Es ist definitiv etwas, das die Ukrainer sehr ernst nehmen, weil es auch für sie wichtig ist, dass es keine Gerüchte oder Probleme im Zusammenhang mit dieser Art von Unterstützung gibt“, erklärte Pevkur. Der ukrainische Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov habe bei einem Treffen der EU-Außenminister in Brüssel zugesichert, die Mittelverwendung transparent darzulegen.
Rechenschaftspflicht als Bedingung
Pevkur stellte klar, dass die Beweislast bei Kyjiw liegt: „In erster Linie müssen die Ukrainer ihrem eigenen Volk und uns zeigen, dass alles in Ordnung ist.“ Die Ukraine sei weiterhin auf die Unterstützung angewiesen – auch nach einem möglichen Kriegsende. „Letztendlich müssen sie die Unterstützung für die nächsten Jahre auf die Beine stellen – auch wenn der Krieg vorbei sein wird.“ Ohne lückenlose Kontrolle drohe das Vertrauen der europäischen Steuerzahler zu erodieren.
Der Kampf gegen Korruption ist eine der zentralen Bedingungen der Europäischen Kommission für einen EU-Beitritt der Ukraine. Der Skandal um Jermak und die Energoatom-Affäre haben in Brüssel die Zweifel genährt, ob Kyjiw die rechtsstaatlichen Reformen ernsthaft vorantreibt.
Das Präsidentenbüro in Kyjiw hielt sich mit einer Stellungnahme zu den Vorwürfen gegen Jermak bislang zurück. Ein Sprecher Selenskyjs erklärte lediglich, es sei zu früh für einen Kommentar. Jermak selbst bestritt gegenüber Radio Liberty, Immobilien in dem Luxusprojekt zu besitzen, äußerte sich aber nicht detailliert zu den Ermittlungen.
Ob die von Pevkur geforderte Transparenzoffensive den Schaden begrenzen kann, ist offen. Jeder weitere Korruptionsfall in Kyjiw schwächt die Solidarität jener Mitgliedstaaten, die dem 90-Milliarden-Paket ohnehin nur zögerlich zugestimmt haben. Die nächste Auszahlungstranche steht im Juli an – und Estland wird genau hinschauen.





