90 Stunden pro Woche und ein Zelt am Wasser
Johannes Fechner rechnet in harten Zahlen: durchschnittlich 90 Stunden Arbeit pro Woche, 21 Wochen im Jahr getrennt von der Familie. Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion sitzt seit 2013 im Bundestag – und warnt jetzt öffentlich davor, dass manche Kollegen die Bodenhaftung verlieren. In einem Interview mit dem Tagesspiegel spricht er offen wie selten.
Der 50-jährige Anwalt aus Emmendingen verdient als Abgeordneter derzeit rund 11.833 Euro monatlich – so viel wie ein Bürgermeister einer 60.000-Einwohner-Stadt, ordnet er selbst ein. Trotzdem übernachtet er während der Sitzungswochen in Berlin seit Jahren auf einem Campingplatz in Spandau, für 72 Euro pro Woche. Der Grund: "Weil's entspannt ist. Direkt am Wasser, an der frischen Luft. Ich schlafe hier tiefer. Es tut gut, aus der Regierungsviertel-Blase raus und ins Grüne zu kommen."
Geplante Diätenerhöhung von 497 Euro soll ausgesetzt werden
Eigentlich sollten die Bezüge der 630 Bundestagsabgeordneten zum 1. Juli 2026 automatisch um 497 Euro auf dann rund 12.330 Euro steigen. Der Mechanismus wurde 2014 eingeführt, um die jährliche Selbstbedienungsdebatte zu beenden: Die Diäten steigen seitdem im Gleichschritt mit den Durchschnittslöhnen. Doch Fechner hat einen Gesetzentwurf zum Aussetzen der Erhöhung vorgelegt – und inzwischen plädieren alle Fraktionen für den Verzicht.
In einer Zeit, in der wir heftige Spardiskussionen führen und in der viele Bürger, Gemeinden und Unternehmen vor großen Herausforderungen stehen, passt es nicht ins Bild, dass wir nach 600 Euro im Jahr 2025 weitere 500 Euro Gehaltserhöhung erhalten.Johannes Fechner, Parl. Geschäftsführer SPD-FraktionMehr Zitate von Johannes Fechner →
Die Union will den Beschluss mit Reformgesetzen koppeln, die Bürgern und Versicherten etwas abverlangen – etwa mit der Reform der gesetzlichen Krankenversicherung. CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann spricht davon, "das richtige Signal" setzen zu wollen. Eine Mehrheit für die Aussetzung gilt als sicher, nur AfD und Linke wollen den Automatismus grundsätzlich abschaffen.
Duschschlange, Schnarchkollegen und die Politik-Blase
Fechners Camping-Routine ist durchchoreografiert: Zwei Minuten braucht er zum Aufbauen seines Wurfzelts, Hammer und Heringe trägt er in einem der grauen Stoffbeutel mit sich, die es im Reichstagsgebäude kostenlos gibt. Morgens hört er in der Duschschlange, was die Leute wirklich umtreibt – Hotelpreise, Heizkosten, die Ampel-Regierung. "Das Heizen war natürlich ein großes Thema, das hat die Leute beschäftigt."
Wir verdienen sehr viel, andererseits haben wir auch einen heftigen Rhythmus. Wir sind 21 Wochen im Jahr weg von der Familie in Berlin, und ich komme im Schnitt auf 90 Stunden Arbeitszeit pro Woche.Johannes Fechner, Parl. Geschäftsführer SPD-FraktionMehr Zitate von Johannes Fechner →
Dass genau dieser Abstand zum Alltag nicht bei allen Kollegen gegeben ist, spricht Fechner klar an: "Es kommt vor, dass Kollegen die Bodenhaftung verlieren." Wer im Regierungsviertel in Hotels oder abgeschirmten Wohnungen lebt, der verliere leicht den Blick dafür, was die Bürger beschäftigt.
Symbolpolitik oder echter Verzicht?
Die eine übt der 50-Jährige selbst: Während er auf die Diätenerhöhung verzichten will, verteidigt er den Kopplungsmechanismus grundsätzlich – anders als AfD und Linke, die ihn abschaffen wollen. Der Mechanismus verhindere, dass der Bundestag jedes Jahr selbst über die eigene Bezahlung entscheiden müsse. Fechners Campingleben kostet ihn 72 Euro pro Woche, seine Berliner Wohnkosten liegen damit bei unter 300 Euro im Monat – eine bewusste Entscheidung, wie er betont, nicht etwa finanzieller Zwang.
Ob die Aussetzung der Diätenerhöhung tatsächlich rechtzeitig beschlossen wird und wie das Signal bei den Bürgern ankommt, wird sich zeigen. Sicher ist: Fechner hat mit seiner ungewöhnlichen Mischung aus 90-Stunden-Woche, Zelt-Lifestyle und offener Warnung vor der Politik-Blase eine Debatte angestoßen, die weit über die 497 Euro hinausreicht.





